Wissenschaft & Politik

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Autor: Redaktion

Zwischen Kausalität und Korrelation

Referent zu diesem Thema am 12. Österreichischen Gesundheits­wirtschaftskongress ist Gerd Antes. Als Experte für Biometrie und Statistik und Professor an der Universität Freiburg leitete er als einer der Wegbereiter für evidenzbasierte Medizin das Deutsche Cochrane Zentrum.

ÖKZ: Als einer der Rufer in der Datenwüste weisen Sie seit Beginn der Pandemie darauf hin, dass die Politik im Blindflug unterwegs sei und sich bisher daran wenig geändert hätte. Stützen sich Regeln und politische Entscheidungen denn nicht auf wissenschaftliche Daten?
Antes: Politische Entscheidungen gleichen eher einer Pandemielotterie als zielgerichtetem Handeln, zumindest kann ich das für Deutschland sagen. Die Wahrheit ist, dass wir auch nach zwei Jahren die entscheidenden Punkte der Pandemie nicht verstehen. David Spiegelhalter, Professor in Cambridge, formulierte es so: „Das Problem mit unserem Scheitern ist, zuzugeben, dass wir etwas nicht wissen.“ Aussagen in Interviews beginnen noch immer mit: „Wir wissen ja…“ Doch wenn man die wissenschaftlichen Grundlagen dazu betrachtet, sieht es gerade gegenteilig aus. Richtig ist: „Wir wissen nicht!“

ÖKZ: Was fehlt an wissenschaftlichen Grundlagen für richtige politische Entscheidungen?
Antes
: Dringend notwendig wären z.B. Studien dazu, welche Maßnahmen überhaupt genützt haben. Waren Schulschließungen, geschlossene Gastronomie, allgemeine Kontaktbeschränkungen ausschlaggebende Faktoren für eine Reduktion der Infektionszahlen? In Deutschland jedenfalls wurde das sträflich vernachlässigt.
Es müssten für Studien große Kohorten gebildet werden, in denen charakteristische und für die Pandemie relevante Kriterien wie Alter, Beruf, Sozialstatus repräsentiert sind. Diese Kohorten müssten längerfristig beobachtet werden und die Daten zielgerichtet erfasst werden.

ÖKZ: Von welchen Ländern könnten wir lernen?
Antes
: Großbritannien, Skandinavien aber auch Länder wie Neuseeland oder Australien sind sehr viel besser aufgestellt. Dort arbeitet man transparenter und professioneller in der Datenanalyse, es gibt über Jahrzehnte gewachsene Strukturen in den methodischen Wissenschaften und ein grundlegend anderes Verhältnis zu Empirie und Quantifizierung.
Die London School of Hygiene and Tropical Medicine wurde 1899 gegründet und verfügt über einen qualifizierten Stab an Mitarbeitern, die zu diesen Themen arbeiten und mit Kontinuität den Komplex offener Fragen wissenschaftlich zu beantworten suchen.

In Deutschland konnte der erste akademische Abschluss in Epidemiologie erst circa im Jahr 2000 gemacht werden. Wir sprechen von 100 Jahren Rückstand, eine ganze Kulturentwicklung, die so schnell nicht aufzuholen ist. Wir sind traditionell das Land der Dichter und Denker – in der Arbeit mit Daten ist das leider nicht hilfreich.
Bei uns bleibt die Hoffnung, dass die Beruhigung der Lage als Chance genützt wird, in der Wissenschaft und in der Politik zur Qualität als zentralem Fixpunkt für Erkenntnis, Wissensgenerierung und Handeln zurückzukehren.

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