Der Traum der integrierten Versorgung

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Autor: Angelika Rzepka
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In einer Gesellschaft mit einem steigenden Anteil an chronisch kranken Menschen wird eine integrierte Versorgung zunehmend wichtiger. Neben der effizienteren Nutzung vorhandener Ressourcen, insbesondere von Health Professionals (HP), dient sie vor allem der sektorenübergreifen Zusammenarbeit zwischen allen Akteur:innen im Gesundheitswesen –, die chronisch kranke Personen behandeln, mit dem übergeordneten Ziel, die beste Versorgung anbieten zu können.

In Österreich gibt es für integrierte Versorgung viele Barrieren, eine davon ist die duale Finanzierung des Gesundheitswesens. Der niedergelassene Bereich, der direkt von den Sozialversicherungen abgedeckt wird, steht dem intramuralen Bereich, der von den Bundesländern abgedeckt wird, gegenüber. Das Gesundheitswesen zählt somit zu den komplexesten Einrichtungen der Republik Österreich. Der Vormarsch an chronischen Erkrankungen und der Demographische Wandel („Veralterung der Gesellschaft“) mit ihren komplexen Problemlagen (Kirst 2017) stellen eine zusätzliche Notwendigkeit für integrierte Versorgung dar.

Wenn integrierte Versorgung funktioniert, stellt die eine win³ Situation für alle beteiligten Akteure dar:

Patient:innen erfahren beste medizinische Versorgung basierend auf aktuellen Leitlinien. Durch verfügbare Informationen für jeden Beteiligten lassen sich Doppeluntersuchungen vermeiden und ein reibungsloser Ablauf der Behandlung wird sichergestellt. Außerdem begünstigt die aktive Einbeziehung von Patient:innen den Behandlungsprozess und Ressourcen können gespart werden, indem Daten, und nicht Patient:innen geschickt werden.

Der Leistungserbringer verbessert die Organisation durch koordinierte Abläufe und kürzere und effektivere Kommunikationswege. Informationen stehen immer in aktueller Form zur Verfügung (auch zwischen realen Besuchen) was zu einer Erhöhung der Patient:innen Zufriedenheit durch bessere Versorgung und zu einer transparenten Wahrnehmung von Zuständigkeiten durch einen geregelten Behandlungspfad beiträgt.

Für den Kostenträger entsteht damit Kosteneffizienz durch einen definierten Behandlungsprozess und die Erhöhung der Patient:innen Zufriedenheit.

Telehealth als Katalysator für integrierte Versorgung

Disease Management Programme (DMP) beschreiben detailliert strukturierte Behandlungsabläufe für chronische Erkrankungen (= Behandlungspfade) und definieren dabei die teilhabenden Rollen und deren Kompetenzen, die Verantwortlichkeiten und Aufgaben, den zeitlichen Ablauf und die Arbeitsabläufe der zugrunde liegenden, evidenzbasierten Leitlinien. Werden diese Abläufe mit technischen Anforderungen verknüpft, ergeben sich digital-unterstütze, integrierte Behandlungspfade.

ELGA bietet in Österreich die Basis einer technischen Infrastruktur zur Zusammenarbeit in der integrierten Versorgung und eine gemeinsame Datenbasis für Gesundheitsdienstleister, in der relevante Befunde zwischen klinischem, ambulantem und niedergelassenem Bereich geteilt werden können.

Mit maßgeschneiderten Telehealth Lösungen kann die regelmäßige Übertragung von gesundheitsrelevanten Daten von Patient:innen an HPs erfolgen, um eine chronische Erkrankung besser behandeln zu können, ohne sich dafür häufig räumlich treffen zu müssen. Poelzl et al. hat die Durchführbarkeit und Wirksamkeit von „HerzMobil“, eines digitalen, mit Hilfe einer TeleHealth Plattform unterstützten Disease Management Programms für Herzinsuffizienz Patient:innen, aufgezeigt. Die Studie berichtet von einer 65,5%igen Verringerung der Mortalität und Wiederaufnahmerate innerhalb eines Jahres nach Krankenhausentlassung (Poelzl 2021).

Telehealth wird als wesentlicher Katalysator für integrierte Versorgungsprogramme angesehen, da es Lösungen für mehrere vorherrschende Probleme liefern kann (z.B. effizientere Ressourcennutzung in Anbetracht des HP-Mangels, Transportprobleme von älteren, nicht mobilen Patient:innen, Verlängerung für die kostenintensive tertiäre Prävention, um nur einige zu nennen) (Stroetmann 2010).

 Als AIT bieten wir anpassbare Universal-Lösungen für die integrierte Versorgung, angefangen von der Definition benötigter Prozesse bis hin zur technischen Umsetzung. Bei der Implementierung in die Regelversorgung arbeiten wir eng mit zahlreichen Stakeholdern zusammen, die wir bereits aus vorangegangenen Projekten gut kennen.

Beispielhaft dafür kann HerzMobil genannt werden, mit dem in Österreich ein hocheffektives DMP entwickelt und in der Routine implementiert wurde. Sind die administrativen, organisatorischen, sowie prozess- und IT-technischen Voraussetzungen für so ein DMP einmal etabliert, ist es in weiterer Folge wesentlich einfacher und auch kostengünstiger, weitere DMPs aufzusetzen und zu optimieren, da auf bestehende Strukturen und Infrastrukturen aufgebaut werden kann.

Vor allem der Public Health Aspekt – Daten aus DMPs dem allgemeinen Gesundheitswesen zuzuführen, ist uns mit dem ELGA Telemonitoring Episodenbericht geglückt, der die Daten aus HerzMobil zusammenfasst und in der ELGA abgerufen werden kann.

Damit ist der Weg vorgezeigt, weitere chronische Erkrankungen zu versorgen, mit einer Verbesserung beim Outcome für die betroffenen Patienten und auch einem Beitrag zur Entlastung der zunehmend angespannten Situation bei der Verfügbarkeit von personellen Ressourcen im Gesundheitswesen.

Angelika Rzepka, Scientist
Digital Health Information Systems, Center for Health & Bioresources
AIT Austrian Institute of Technology

Angelika Rzepka, DI (FH), MPH, Diplomstudiengang Health Care Engineering an der FH JOANNEUM, Studium Public Health an der Meduni Graz, arbeitet seit 2011 am AIT Austrian Institute of Technology GmbH, Center for Health & Bioresouces, Digital Health Information Systems. Ihr Fokus liegt auf der Umsetzung von Digital Health Lösungen in der Versorgung im Rahmen von Kunden- und Forschungsprojekten und Verfassen von kompetitiven Projektanträgen zum Thema Digital Health, sowie Konzeption von digitalen Lösungen der integrierten Versorgung mit Fokus auf Public Health.

Weitere Blogbeiträge dieser Institution:

Wir schreiben das Jahr 2023. Die Digitalisierung ist aus dem Bereich des Gesundheitswesens nicht mehr wegzudenken und die Veränderungen in den letzten 30 Jahre waren enorm. Bereits 30 Jahre alt ist die Medizinprodukterichtlinie (Medical Device Directive - MDD 93/42/EEC). Damals war die Entwicklung der Technologien und die Einsatzmöglichkeiten von Software im Gesundheitssektor schwer vorstellbar.

Die Alterung der Bevölkerung und die damit einhergehende Zunahme von chronischen Erkrankungen stellen eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Chronische Erkrankungen können eine Vielzahl von Auswirkungen auf die Gesundheit haben, wie zum Beispiel Einschränkungen der körperlichen Funktionsfähigkeit, was den Alltag erschwert. Die WHO definiert funktionale Gesundheit unter anderem als die Fähigkeit, tägliche Aktivitäten und Erwartungen an die Umwelt erfüllen zu können.

Wie die Forderung nach „Finanzierung aus einer Hand“ im österreichischen Gesundheitssektor zeigt, ist es ebenso entscheidend, die Initiative „Daten aus einer Hand“ zu verfolgen, um der Fragmentierung entgegenzuwirken. Diese Zersplitterung behindert dringend benötigte Entwicklungen, insbesondere Innovationen, die eine Verschiebung von Leistungen zwischen ambulantem und stationärem Sektor vorsehen.