Starke Belastung für Familien nach Geburt eines Kindes

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Autor: Scho

Wenn ein Kind zur Welt kommt, wird das Leben von jungen Familien oft komplett auf den Kopf gestellt und kann zu einer psychischen Belastung werden. Eine Unterstützung in einem sehr frühen Stadium, wie das Präventionsprogramm der „Frühen Hilfen“, kann spätere Probleme vermeiden. Denn etwa 20 Prozent der Klientinnen und Klienten des Angebots haben als Grund für die Begleitung eine psychosoziale Problematik in der Familie genannt, berichteten die Familienbegleiterinnen.

Bei rund 35 Prozent der Familien wurden Überforderung oder Ängste der Eltern als Grund angeführt, was ebenfalls auf Familien mit psychosozialen Belastungen hinweist, wie die Leiterin der „Frühen Hilfen“, Sabine Haas, im Gespräch mit der APA betonte. Die psychosoziale Unterstützung von Familien in einem sehr frühen Stadium kann später psychische Störungen verhindern. Die psychosoziale Gesundheit der Kinder und ihrer Familien zu fördern, ist eine wichtige Grundlage für lebenslange Gesundheit.

Bei den „Frühen Hilfen“ wird die Familie kostenfrei so früh wie möglich über einen längeren Zeitraum begleitet. „Die ersten 1.000 Tage von der Schwangerschaft bis zum dritten Geburtstag hat einen prägenden Einfluss auf die spätere Gesundheit des Kindes“, sagte Haas. Durchschnittlich nehmen Betroffene die Hilfe für 9,4 Monate in Anspruch – manche kürzer (14 Prozent sind drei Monate bei dem Programm), manche länger (13 Prozent sind vier Jahre dabei). Es wird geschaut, welchen Bedarf die Eltern in der belastenden Lebenssituation haben: wie gestaltet sich das soziale Netzwerk, wie ist die finanzielle Lage, der Bildungsstand sowie die Wohnsituation der Familie und wie sieht die psychosoziale Gesundheit der Hauptbezugspersonen – meist die Mutter – aus? Denn diese Menschen sind die wichtigsten Leitfiguren für das Kind; aber genau diese Menschen sind auch jene, die am meisten belastet sind.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Denn laut Sabine Haas ist fast ein Drittel der bei den „Frühen Hilfen“ betreuten Hauptbezugspersonen schon einmal – entweder in der Vergangenheit oder aktuell – wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung. Weil bei vielen Familien aber entsprechende Informationen fehlen, könnte die Dunkelziffer noch viel höher sein. Bei fast neun Prozent aller Begleitungen gab es Anzeichen für eine postpartale Depression. 25 Prozent der Betreuten sind sogenannte Ein-Eltern-Familien, das sind fast ausschließlich Frauen, betonte Haas. „Sehr viele dieser Familien sind armutsgefährdet.“ Finanzielle Sorgen, eine ungeplante Schwangerschaft und Alleinerziehung sind alles Umstände, die unabhängig vom Gesundheitszustand der Mutter eher als Belastung gesehen wird.

Erschreckend sind auch die Zahlen, was die Erfahrung von häuslicher Gewalt bei den Betroffenen in Betreuung der „Frühen Hilfen“ zeigt. Mehr als ein Fünftel der primären Hauptbezugspersonen haben sexuelle, körperliche oder psychische Gewalt gegen sich selbst oder Dritte im nahen Umfeld erlebt. Aber auch hier könnten die Zahlen weitaus höher liegen.
Rund 200 Familienbegleiterinnen kümmern sich in ganz Österreich um ihre Schützlinge – seit kurzem auch zwei Männer, freute sich Haas. Je nach Situation werden die Familien neben den unterstützenden Tätigkeiten seitens der Familienbegleitung selbst, die auch Hausbesuche machen, im Laufe der Begleitung auch an weitere Sozial- und Gesundheitsleistungen aus dem multiprofessionellen Unterstützungssystem vermittelt. Das reicht von Psychotherapie, Psychiatrie, Psychologie bis hin zu Eltern-Kind-Zentren, Spielgruppen, Hebammen oder ärztliche Praxen.

„Monitoring und Feedback“

Ein Drittel der Betreuten gab an, eine Verbesserung wahrzunehmen. Für die Initiatoren ist dies ein Zeichen, dass die „Frühen Hilfen“ gelingen, so Haas. „Es gibt laufendes Monitoring und Feedback“, meinte die Leiterin. Viele Betroffenen berichteten, dass sie froh waren, dass ihnen in der schweren Zeit jemand zugehört hat. „Es kommen extrem rührende Rückmeldungen. Einmal hat eine Mutter drei Seiten handschriftlich geschickt, weil sie los werden wollte, wie gut das für sie war“, berichtete Haas. Jemand anders schrieb: „Vielen, vielen Dank! Danke für das Zuhören, den Rat und den Mut, der mir oft gefehlt hat. Ihr ward meine Rettung!“

Die „Frühen Hilfen“ wurden nach dem tragischen Missbrauchstod eines Kindes 2013 ins Leben gerufen. Die Expertinnen und Experten schauten dabei Richtung Deutschland, die mit dem Programm bereits gute Erfolge erzielt hatten und hier vor allem sozial benachteiligte Familien profitierten. In Österreich sollten die „Frühen Hilfen“ laut Haas von Anfang an alles im Blick haben – Gesundheit, Soziales sowie Kinder- und Jugendhilfen. Der Kick off erfolgte dann 2015.

Im ersten Halbjahr 2015 gab es 116 Kontaktaufnahmen zu Familien, 2023 waren es schon 1.811. Seit 2016 gingen die Zahlen laut Haas rapide in die Höhe. Die Hälfte der Betroffenen melden sich bei den „Frühen Hilfen“ selbst, meist wird ihnen das Programm von Fachleuten wie den Kinderärztinnen oder -ärzten empfohlen oder erfahren von dem Programm aus den Medien. Das Angebot ist freiwillig und kostenlos. „Aber alle, die mit Schwangeren oder kleinen Kindern zu tun haben, sollten das weiterempfehlen“, meinte Haas.

(APA/red.)

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