Wiener Forscher lassen schlagende Miniherzchen im Laborgefäß wachsen

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Scho

Miniaturherzen (Herzorganoide) mit linker und rechter Pumpkammer sowie Vorhof wachsen aus menschlichen Stammzellen in Reagenzgefäßen des Wiener Biologen Sasha Mendjan. Sie entwickeln sich wie „echte“ Herzen bei der Embryo-Entstehung und beginnen rhythmisch zu schlagen. Diese „Mehrkammer-Kardioide“ ermöglichen Biologen und Medizinern, Entwicklungsstörungen und Krankheiten der lebenswichtigen Blutpumpe zu erforschen. Sie wurden in der Fachzeitschrift „Cell“ vorgestellt.

Sasha Mendjan vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) stellte mit Kollegen aus menschlichen Zellen Organoide für die linke und rechte Herzkammer sowie den Vorhof her. Organoide sind Zellgruppen, die selbstständig Strukturen von Organen bilden. Dafür verwendeten die Forscher sogenannten „induzierte pluripotente menschliche Stammzellen“, erklärte Mendjan der APA. Das sind Körperzellen, die in einen früheren Entwicklungszustand zurückversetzt werden und sich dadurch vielseitig entfalten können.

Wenn sie die Organoide für die verschiedenen Kammern gemeinsam wachsen ließen, bildeten sich gemeinsame „Mehrkammer-Herzorganoide“, die die Forscher auch „Mehrkammer-Kardioide“ nennen. „Bei ihnen breitete sich ein elektrisches Signal vom Vorhof in die linke und dann in die rechte Herzkammer aus“, so Mendjan. Dies passiert auch in der frühen Herzentwicklung im Fötus eines Tieres (inklusive Menschen). „Diesen grundlegenden Prozess haben wir erstmals in einem menschlichen Herzmodell mit all seinen Kammern beobachtet“, sagte er.

Tanz der Kammern

Bisher war nicht bekannt, wie das menschliche Herz zu schlagen beginnt, erklären die Forscher. Dies habe man nun am Mehrkammer-Kardioid beobachten können: „Wir sahen, dass die Kammern im Laufe ihrer Entwicklung einen komplizierten Tanz des Führens und Folgens durchlaufen“, berichten sie: „Zunächst führt die linke Herzkammer die entstehende rechte Herzkammer im Rhythmus.“ Zwei Tage später entwickelt sich der Vorhof und die Herzkammern folgen dann seinem Takt.
Mehrkammer-Kardioide kann man in großer Zahl herstellen, sodass man Hunderte von circa einen Millimeter messende Miniaturherzmodelle nebeneinander auf Defekte durch Genveränderungen (Mutationen) oder die Wirkung von Stoffen untersuchen kann, die Fehlbildungen auslösen (Teratogene). „Die Größe kann kontrolliert werden“, erklärte Mendjan: „Wir haben schon Organoide, die drei bis fünf Millimeter messen.“

Die Miniaturherzmodelle reagieren auf Störungen wie echte Herzen. Zum Beispiel „Thalidomid“ und „Retinoid-Derivate“ werden bei Menschen zur Behandlung von Blutkrebserkrankungen (Leukämie), Schuppenflechte (Psoriasis) und Akne eingesetzt, sind aber dafür bekannt, dass sie bei Föten schwere Herzfehler verursachen. „Beide Teratogene lösten in den Herzorganoiden ähnliche, schwere kammerspezifische Defekte aus“, so die Forscher. Außerdem führen Mutationen bei den Modellherzchen zu kammerspezifischen Defekten, die auch in der menschlichen Entwicklung beobachtet werden.

„In Zukunft können Mehrkammer-Herzorganoide deshalb für toxikologische Studien und zur Entwicklung neuer Medikamente mit herzkammerspezifischen Wirkungen eingesetzt werden“, erklärte Mendjan. Für viele Herzerkrankungen gäbe es keine probate medikamentöse Behandlung, weil es bisher keine Modelle gab, um Wirkstoffe auszuprobieren. Aus Stammzellen von Patienten mit Herzentwicklungsfehlern entwickelte Organoide könnten zudem Aufschluss über den Grund der Probleme geben und darüber, wie sie behandelt und verhindert werden können. Organe für Transplantationen bei Patienten herzustellen, ist noch Science Fiction, so Mendjan zur APA.

Häufigste Todesursache

Vor zwei Jahren präsentierten die Forscher schon ein Organoid der linken Herzkammer. Die meisten Herzerkrankungen bei Erwachsenen rühren aus jener Kammer, die sauerstoffreiches Blut in den Körper pumpt. „Bei angeborenen Defekten sind aber meist andere Herzregionen betroffen“, erklären sie. Diese sind für den Aufbau und die Aufrechterhaltung des Blutkreislaufes wichtig. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache, erklären die Forscher, denn jährlich sterben 18 Millionen Menschen weltweit an Herzkrankheiten.

Mendjan gründete mit Kollegen ein Spin-Off-Unternehmen, das vom IMBA eine exklusive Lizenz für die Mehrkammer-Herzorganoid-Technologie erhielt. „Das Unternehmen verwendet die linksventrikuläre Kardioid-Technologie von IMBA bereits in einer vollautomatischen und integrierten 3D-Plattform zur Entdeckung von Medikamenten für verschiedene Formen der Herzinsuffizienz“, heißt es in einer Aussendung des Forschungsinstitutes.

Die Fachpublikation finden Sie hier.

(APA/red.)

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