Konzept einer zeitgemäßen Rehabilitation nach Amputation

Lesedauer beträgt 13 Minuten
Autor: Autorenteam

Die optimale und lückenlose Betreuung amputierter Menschen ist erforderlich, um eine erfolgreiche Rehabilitation mit möglichst vollständiger Rückkehr in den beruflichen und privaten Alltag der Versicherten zu gewährleisten. Es besteht Konsens darüber, dass die Erstrehabilitation nach Amputation einer Extremität im stationären Setting im spezialisierten Zentrum mit einem erfahrenen interdisziplinären Team erfolgen soll. Für die notwendige weiterführende lebenslange Betreuung amputierter Menschen gibt es derzeit weder allgemeine Leitlinien noch festgelegte Abläufe.

Die Arbeitsgruppe Exoprothetik der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) hat in den letzten Jahren im Auftrag der Medizinischen Direktion Richtlinien und Handlungsanweisungen für die Rehabilitation nach Amputation entwickelt. In diese wurden die Erkenntnisse aus der täglichen Arbeit in den drei spezialisierten Zentren der AUVA eingebracht. Im Rahmen einer jährlich durchgeführten internationalen Fachtagung konnten die Abläufe auch im internationalen Vergleich mit den Nachbarländern Schweiz und Deutschland abgestimmt werden. In mehreren Expertenrunden mit Einrichtungen anderer Träger, in denen stationäre Rehabilitation nach Amputation angeboten wird, wurden die Anforderungen für eine zeitgemäße Rehabilitation amputierter Menschen konsentiert.

Dieser Beitrag zeigt die Anforderungen an eine zeitgemäße Rehabilitation nach Amputation in Anlehnung an das Phasenmodell der Traumarehabilitation in Deutschland auf. Die grundlegenden Prinzipien der Richtlinien der AUVA über die Rehabilitation nach Amputation werden beschrieben und erklärt.

Eine zeitgemäße Rehabilitation nach Amputation kann nicht auf die Erstrehabilitation und eine einmalige Anpassung der exo-prothetischen Versorgung beschränkt sein. Es bedarf einer lebenslangen Betreuung mit immer wiederkehrenden stationär oder ambulant durchgeführten Überprüfungen der exo-prothetischen Versorgungen nach vorgegebenen Standards, um diese den im Laufe eines Lebens sich ändernden Ansprüchen und Bedürfnissen der Anwender anzupassen.

Hintergrund

„Amputation ist nicht das Ende, sondern der Beginn einer Behandlung.“ Mit diesem Ausspruch von Sir Reginald Watson-Jones (1902-1972) beginnen viele Vorträge und Publikationen zum Thema Rehabilitation nach Amputation. In Zeiten, in denen Menschen nach einer Amputation ein immer längeres und auch aktiveres Leben erwarten dürfen, gewinnt dieser Satz mehr und mehr an Bedeutung. Zugleich wird es bei einem stets wachsenden Angebot an Passteilen mit teilweise unübersichtlichen Funktionen immer schwieriger, die individuell bestmögliche Versorgung für den amputierten Menschen zu finden.

Zentrale Aufgabe der Rehabilitation ist die Wiederherstellung oder wesentliche Besserung der funktionellen Gesundheit. Grundlage hierfür ist das biopsychosoziale Modell der Weltgesundheitsorganisation (WHO), das in der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit und Gesundheit (ICF) dargelegt ist. Die Wiedereingliederung in das soziale und berufliche Umfeld ist oberstes Ziel der Rehabilitation 5. Erschwerend kommt hinzu, dass die immer wieder geforderte Einbringung einer Exo-Prothese ins Körperbild bzw. Körperschema ohne entsprechende neurochirurgische Anpassung eigentlich nicht möglich scheint 6.

Amputation der unteren Extremität

Das Ziel aller an der unteren Extremität amputierten Menschen ist es, sich selbst-ständig, schmerzfrei und mit möglichst unauffälligem und sicherem Gangbild im Alltag und im öffentlichen Raum zu bewegen. Die unteren Extremitäten braucht der Mensch beim Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen und Laufen. In dieser Reihenfolge ist auch die Beeinträchtigung im Leben in Abhängigkeit von der Amputationshöhe zu sehen.

Durch eine optimal gestaltete Rehabilitation und dank modernster mikroprozessorgesteuerter Passteile mit teilweise intuitiven und bionischen Steuerungselementen sind heutzutage Menschen nach Amputationen an der unteren Extremität in der Lage, ihren Platz in der Gesellschaft sowohl privat als auch beruflich wieder einzunehmen.

Bei optimalem Verlauf können Amputierte einen hohen Prozentsatz an Teilhabe und Leistungsfähigkeit im Vergleich zu der Zeit vor der Amputation erlangen. Eine Major-Amputation an der unteren Extremität bleibt jedoch trotz bestmöglicher Rehabilitation und Versorgung immer eine massive körperliche Behinderung mit bleibenden Einschränkungen und Folgen.

Amputation der oberen Extremitäten

Nach einer Amputationen an der oberen Extremität stehen wir vor einer völlig anderen Situation (Sonderfall obere Extremität) 9. Die Sensibilität und Feinmotorik inklusive gezielter Bewegung einzelner Finger sind Hauptfunktionen der Hand und ihrer Teile, die bis heute durch die Exo-Prothetik nicht suffizient ersetzt werden können.

Momentan sind wir zwar in der Lage, körpernahe Hilfsmittel zum Ersatz einzelner Funktionen anzubieten. Ein allumfassender Ersatz der multiplen Funktionen der Hand durch nur eine einzige Exo-Prothese steht derzeit nicht zur Verfügung. Vor allem die Sensibilität, eine der Hauptfunktionen der Hand und der Finger, kann derzeit nicht ersetzt werden.

Die limitierte Resistenz gegen mechanische Belastungen und die begrenzte Grobkraft bei allen heute verfügbaren
myoelektrischen Prothesen der oberen Extremität stellen einen weiteren Faktor dar, der die Einsatzmöglichkeiten im Alltag und damit die Akzeptanz mindert. Mechanische, belastungsstabile Finger- und Handprothesen entsprechen zudem selten den kosmetischen Ansprüchen der Anwender. Silikonprothesen, die mit freiem Auge von einer menschlichen Hand oder einem Finger nicht zu unterscheiden sind, halten wiederum mechanischen Belastungen auf Dauer nicht stand.

Hinzu kommt, dass, anders als nach Amputationen an der unteren Extremität, die Erwartungshaltung an eine Versorgung an der oberen Extremität sehr unterschiedlich und vielfältig ist. Die Bedeutung der Hand und ihr Verlust oder auch der Verlust von Teilen der Hand hat für jeden Menschen individuell unterschiedliche Bedeutung und Folgen. Diese ist abhängig von Alter, Geschlecht, Kultur, Religion, Beruf, Freizeit und dem Körperbild nach einer Amputation.

Es ist offensichtlich, dass durch diesen massiven Eingriff das komplexe Körperbild verändert wird. Folgende Faktoren nehmen Einfluss 6:
■ Persönlichkeitsstrukturierung,
■ Überzeugungen (z.B. darüber was körperlich ästhetisch/unästhetisch ist),
■ Annahmen (z.B. über die Reaktionen der sozialen Umgebung),
■ Erwartungen (z.B. bezüglich künftiger amputationsbedingter Einschränkungen),
■ soziale Einbettung,
■ Vorerfahrungen und aktuelle Erfahrungen,
■ soziokulturelle Normen,
■ Alter,
■ Geschlecht sowie
■ Art und Ausmaß der Amputation.

Die Zusammenarbeit mit erfahrenen Psychologen in einem interdisziplinären Team ist daher von essenzieller Bedeutung. Die psychologische Beurteilung ist bei Amputationen an der oberen Extremität entscheidend und richtungsweisend für die gesamte weitere Versorgung.

Voraussetzungen

Derzeit gibt es in Österreich keine einheitlichen Vorgaben oder Leitlinien für die Rehabilitation nach Amputation. Ob, wann, wo, wie oft und wie lange ein Mensch nach Amputation eine Rehabilitation im stationären Rahmen erhält, hängt von mehreren Faktoren – unter anderem auch dem zuständigen Kostenträger – ab.

Zu fordern ist, dass Art, Dauer und Ort der Rehabilitation eines Amputierten seinen individuellen Bedürfnissen angepasst sind und die Auswahl der exo-prothetischen Versorgung auf die individuellen Anforderungen zur Bewältigung des privaten und beruflichen Alltags abgestimmt wird. Um dies zu gewährleisten, ist die Übernahme des adaptierten Phasenmodells der Traumarehabilitation mit den Phasen A-F notwendig (Abb. 1) 5.

Phase A:
Akutbehandlung

Die Weichen für eine vollständige Teilhabe in allen Lebensbereichen eines Amputierten werden bereits intraoperativ sowie in weiterer Folge im Akutkrankenhaus gestellt. Die in dieser Phase getroffenen Entscheidungen und Maßnahmen haben grundlegende Bedeutung für den gesamten Verlauf der Rehabilitation nach Amputation.

■ Bei geplanten Amputationen sollten die Amputationshöhe sowie das postoperative Prozedere (Stumpftherapie; Physiotherapie) präoperativ zwischen Operateur des Akutkrankenhauses und Arzt des Rehabilitationszentrums besprochen werden, um Erkenntnisse über moderne Versorgungsmöglichkeiten in die Entscheidung über die Amputationshöhe mit einfließen zu lassen.

■ Es wird die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen im Gebiet der Amputations- und Stumpfchirurgie für jeden chirurgisch tätigen Arzt, der in die Situation kommen könnte, eine Amputation akut oder elektiv durchführen zu müssen, dringend empfohlen. Eine Chronifizierung von Schmerzen, Revisionsoperationen und Probleme mit der exo-prothetischen Versorgung könnten den Patienten dadurch erspart werden.

Phase B:
Frührehabilitation

In dieser Phase liegt der Fokus auf folgenden Punkten:
■ Frühmobilisation durch die Physiotherapie,
■ pflegerische Maßnahmen der Wundheilung und Wundbehandlung und
■ individuell abgestimmte Kompressionstherapie zur Stumpfformung.

Um die von Simmel et al. 2018 5 geforderten Anforderungen an das Rehabilitationsteam zu gewährleisten, sollten sich Krankenanstalten, an denen „Major-
Amputationen“ durchgeführt werden, verpflichten, dem Pflege- und Therapiepersonal regelmäßige Fortbildungen zu ermöglichen.

Aktuell entsteht oftmals eine Behandlungslücke zwischen der Entlassung nach der Amputation aus dem Akutkrankenhaus und dem Beginn der stationären Rehabilitation 7. Dies führt dazu, dass die Patienten in dieser Zeit nicht adäquat versorgt bzw. ausreichend betreut werden.

Um diese Lücke zu schließen, ist es notwendig, bei einer Amputation mit bleibendem Funktionsverlust frühestmöglich einen Antrag auf Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum zu stellen. Details betreffend Amputationshöhe, Amputationsdatum und Ansprechpartner sollten bereits bei Antragstellung an das Rehabilitationszentrum übermittelt werden. Idealerweise erfolgt eine Übernahme ins Rehabilitationszentrum direkt aus dem Akutkrankenhaus.

Phase C:
Postakute Rehabilitation

Erstrehabilitation

Eine prothetische Versorgung beginnt im Idealfall mit einer Interimsprothese 4. Da es in der Frühphase der Rehabilitation regelmäßig zu Veränderungen am Stumpf kommt, können Volumenschwankungen, Hautprobleme oder Druckstellen im Zuge eines Aufenthaltes in einem Rehabilitationszentrum rasch durch Schaftanpassungen, Aufbaukorrekturen oder Passteilwechsel ohne zeitliche Verzögerung behoben werden.

Aus diesem Grund sollte die Frühversorgung im Rahmen einer Erstrehabilitation im spezialisierten Rehabilitationszentrum forciert werden. Ein solches Zentrum muss über die notwendige Erfahrung (Fallzahlen) sowie Kompetenz aller im Team arbeitenden Berufsgruppen verfügen. Das optimale Zusammenspiel aller am interdisziplinären Team Beteiligten ist Grundvoraussetzung für ein gutes Ergebnis der Rehabilitation.

Die unterschiedlichen Aufgabenschwerpunkte werden durch Gangtherapeuten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen, Pflege, Orthopädietechniker, Sozialarbeiter und Ärzte abgedeckt. Im Detail ist diese Aufgabenverteilung in der S2k-Leitlinie 033/044 der „Sektion physikalische Medizin und Rehabilitation“ und der „Vereinigung Technische Orthopädie der DGOOC“, publiziert vom AWMF in der 4. Überarbeitung, Stand 2017 1, nachzulesen.

Definitivversorgung

Assessments für exoprothetische Versorgungen der unteren Extremität

Um die individuell bestmögliche Versorgung festzustellen und um sich an die im Laufe eines Lebens immer wieder ändernden Anforderungen anzupassen, bedarf es eines standardisiert durchgeführten Assessments, bestehend aus Ganganalyse, „Performance related outcome measures“ (Performs) sowie der Beurteilung eines acht Parameter umfassenden Schemas. Dies erleichtert es maßgeblich, eine objektive und auch vergleichbare Beurteilung zu erhalten.

Nach wie vor gilt die instrumentierte Ganganalyse mit Messung der Bodenreaktionskräfte als Goldstandard in der Überprüfung exo-prothetischer Versorgungen. Spezifität und Sensitivität der mittels Ganganalyse erhobenen Parameter wurden anhand einer statistischen Untersuchung von knapp 900 Datensätzen, welche von Patienten aus den Rehabilitationszentren der AUVA stammen, analysiert und mit einer altersabgeglichenen Gesunden-Gruppe verglichen. Daraus lässt sich ein Ranking in der Bedeutung der einzelnen Parameter für die Beurteilung exo-prothetischer Versorgungen erstellen. 10
Darüber hinaus kommen das zuvor erwähnte Acht-Punkte-Assessment und die Performs zum Einsatz. Folgende acht Parameter werden durch den erfahrenen Arzt und Begutachter laut Punkteschema bewertet:
■ Gangbild,
■ Gangtempo,
■ Gehstrecke,
■ Prothesentragedauer,
■ Prothesenhandling,
■ Gangsicherheit,
■ Gangleistung und
■ Hilfsmittel.

Die Performs (Performance related out­come measures) umfassen folgende Tests:
■ Timed up and go Test (TUG),
■ 2 or 6 Minute Walking Test (2/6 MWT) und
■ Four Square Step Test (FSST).

Veränderungen in der Qualität der exo-prothetischen Versorgung können so objektiv unter verschiedenen Aspekten nachvollziehbar beurteilt werden.

Assessments für exoprothetische Versorgungen der oberen Extremität

Für die Beurteilung exo-prothetischer Versorgungen an der oberen Extremität werden folgende Parameter herangezogen:
■ Prothesenhandling
■ Prothesentragedauer
■ Funktionszugewinn durch die prothetische Versorgung in Beruf, Alltag sowie Freizeit/Hobby
■ Capacity of Myoelectric Control (ACMC) 8: gibt Auskunft über das Potenzial eines Patienten, die Funktionen einer Prothese auch zu nutzen.
■ Performs (Performance related out­come measures):
– Box and Blocks Test
– SHAP: Southampton Hand Assessment Procedure
– ACMC: Assessment Capacity of Myoelectric Control
■ PROMS (Patient related outcome
measures):
– Trinity Amputation and Prosthesis Experience Scales TAPES

Verordnung einer Exo-Prothese im Rahmen der Rehabilitation

  1. Durchführung eines Assessments, welche Funktionen der unterschiedlichen Passteile einer Prothese vom Patienten benötigt werden, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.
  2. Auswahl der Passteile nach Stand der Technik und der im Alltag zu erwartenden Anforderungen (Persönliche, berufliche und öffentliche Verhältnisse sowie Ziele des Patienten müssen im Sinne des ICF berücksichtigt werden, um eine optimale Teilhabe des Patienten zu ermöglichen.)
  3. Ziele:
    a) Das jeweilige Potenzial des
    Patienten ausschöpfen.
    b) Das bestmögliche, persönliche
    Rehabilitationsziel erreichen.
    c) Die selbstständige und sichere Bewältigung des Alltags und
    Berufslebens.

Die Verordnung einer Exo-Prothese bestimmt die Versorgung und damit maßgeblich die Lebensqualität und Teilhabe eines Menschen für mehrere Jahre. Entsprechende Erfahrung und Fachwissen des verordnenden Arztes sowie laufende Fortbildung und Kenntnis über Forschung und Entwicklungen sind daher Voraussetzung.

Eine ärztliche Verordnung für eine exo-prothetische Versorgung muss folgende Punkte eindeutig definiert enthalten:
■ Stumpf-Schaftverbindung,
■ Schaftform,
■ Passteile inklusive Begründungen für Passteilfunktionen,
■ zusätzlich benötigte Hilfsmittel (z.B. Strümpfe, Gehilfen) und
■ Begründung und Ergebnisse/Befunde des Assessments.

In der Verordnung wird der Nutzen der Versorgung im beruflichen und privaten Alltag sowie in der Freizeit angeführt.

Individuelle Ansprüche der Anwender

Versorgungen, die über die sichere Bewältigung des Alltags und Berufslebens hinaus benötigt werden, werden bei bestehender Indikation, wie oben angeführt, durch den Arzt verordnet. Solche Zweitversorgungen können spezielle Anforderungen an die Prothese, z.B. Stromunabhängigkeit oder Wasserfestigkeit, berücksichtigen.

Abhängig von der individuellen Situation des Anwenders werden zusätzlich notwendige Hilfsmittel, inklusive Rollstuhlversorgung, im Rahmen der Rehabilitation festgestellt und vom Arzt im Rehabilitationszentrum verordnet. Die Auswahl des Rollstuhls ist unabhängig von der prothetischen Versorgung und muss in der Verordnung ausreichend und schlüssig dokumentiert sein. Bei Verlust der Kniegelenksfunktion ist eine Rollstuhlversorgung zusätzlich zur bestmöglichen prothetischen Versorgung die Regel.

Weitere indizierte Maßnahmen und Hilfsmittel im Sinne einer ganzheitlichen Rehabilitation nach Amputation werden durch das interdisziplinäre Team definiert und vom Arzt verordnet. Bei der Indikationsstellung steht die selbstständige, sichere Bewältigung des beruflichen und privaten Alltags im Vordergrund.

Unterbrechungen des stationären Aufenthaltes zur Erprobung der Prothese im Alltag sind notwendig, um die Alltagstauglichkeit der gewählten Versorgung zu überprüfen. Nicht alle Herausforderungen und Situationen sind in der Laborsituation eines Rehabilitationszentrums darstellbar. Auch die Anpassung der Gangleistung und der Prothesentragedauer an die Anforderungen des beruflichen und privaten Alltags können im stationären Betrieb nicht immer realistisch genug nachempfunden werden.

Die weitere Versorgung außerhalb des Rehabilitationszentrums in Wohnortnähe des Patienten sollte über eine geeignete Orthopädietechnikfirma erfolgen. Diese hat über die erforderlichen Qualifikationen zu verfügen und wird vom Patienten selbst ausgewählt. Dem verordnenden Arzt kommt die Aufgabe der Überprüfung und Abnahme der Prothese zu.

Aus Sicht der Verfasser erfolgt die Verordnung einer Definitivprothese derzeit zu früh. Es hat sich aus eigenen Erfahrungen in den spezialisierten Zentren bestätigt, dass eine vorläufig endgültige Stumpfform erst nach sechs bis zwölf Monaten erreicht wird. Die tatsächlichen, individuellen Ansprüche und Anforderungen an eine Versorgung in Beruf und Alltag zeigen sich oft erst nach circa einem Jahr.

Die derzeit schon bestehende Möglichkeit der Interimsversorgung bei Unterschenkelamputationen sollte daher vermehrt genützt und diese Möglichkeit einer vorläufigen, befristeten Versorgung auf alle Extremitäten und Amputationshöhen ausgedehnt werden.

Phase D:
Gestaffelte Rehabilitation

Um zu verhindern, dass amputierte Menschen nach erfolgreicher Erstrehabilitation auf sich alleine gestellt sind und es langfristig zu Defiziten in der Versorgung kommt, sind folgende Maßnahmen zu treffen:

1) Wiederholungstrainings inklusive Überprüfung der prothetischen Versorgung in den ersten 24 bis 36 Monaten nach Ende der Erstrehabilitation. Wiederholungstrainings sind sowohl im stationären als auch im ambulanten Setting sinnvoll.

2) Unabhängig davon, ob Wiederholungstrainings ambulant oder stationär erfolgen, sollte eine Überprüfung der Versorgung durch einen erfahrenen und spezialisierten Orthopädietechniker erfolgen. Auch in diesem Fall kommt dem verordnenden Arzt die Aufgabe der Abnahme und damit Kontrolle der Prothese zu.

Phase E-F:
Langzeitrehabilitation

Nach einer Amputation ist die lebenslange Betreuung des Patienten notwendig, um das individuell bestmögliche Versorgungs- und Rehabilitationsergebnis zur erhalten. Ein jährlicher stationärer Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum für jeden Amputierten ist aber weder sinnvoll noch durchführbar. Daher sollte für die Langzeitrehabilitation die Möglichkeit einer ambulanten Rehabilitation bestehen, die ebenfalls von einem interdisziplinären, spezialisierten Team betreut wird.

Die Dauer der ambulanten Betreuung wird individuell festgesetzt und lebenslang den sich ändernden Ansprüchen des Amputierten angepasst.

Im Lauf der Zeit erworbene Verletzungen und Operationen an einer erhaltenen Extremität, wie z.B. die Implantation einer Knie- oder Hüft-Endoprothese, machen bei amputierten Menschen den Wiedereinstieg ins vorgeschlagene Rehabilitationsmodell in Phase A notwendig.

Ebenso alle Operationen, die zu einer Veränderung oder auch längeren Unterbrechung der Nutzung einer exo-prothetischen Versorgung führen. Dazu zählen auch alle Erkrankungen, die zu geänderten Voraussetzungen für die prothetische Versorgung führen können wie Lähmungen, Gewichtsschwankungen etc.

Amputierte Patienten haben daher die Möglichkeit, eine Überprüfung ihrer exo-prothetischen Versorgung zu beantragen, um diese an ihre allenfalls geänderten Bedürfnisse anpassen zu lassen. Dies kann ambulant, in Form einer Begutachtung durch den spezialisierten Arzt oder im Rahmen eines stationären Wiederholungstrainings im Rehabilitationszentrum erfolgen.

Fazit

Folgende Grundregeln für eine erfolgreiche Rehabilitation nach Amputation lassen sich zusammenfassend definieren:
■ Interdisziplinär,
■ spezialisiert, trainiert,
■ früh starten,
■ Pausen machen,
■ wiederholen,
■ überprüfen,
■ stationär und ambulant kombinieren.

In jedem Fall gilt, dass eine Erstrehabilitation nach Amputation nur mit einem spezialisierten erfahrenen interdisziplinären Team durchgeführt werden soll.

Wie eingangs erwähnt, führen heutzutage immer mehr Menschen nach einer Amputation ein wesentlich längeres und auch aktiveres Leben als noch vor 20 Jahren. Diese Menschen müssen lebenslang betreut und die exo-prothetischen Versorgungen den sich ändernden Ansprüchen im Laufe des Lebens angepasst werden. Dazu ist es notwendig, immer wieder Überprüfungen exo-prothetischer Versorgungen durchzuführen. Für die Zukunft wird man sich daher die Frage stellen müssen, ob eine teilweise ambulant durchgeführte Rehabilitation nicht mehr Vorteile in Bezug auf das heute gültige biopsychosoziale Modell der Rehabilitation bietet.

Die Möglichkeiten digitalen Monitorings und der Einsatz von Telemedizin und weiteren Formen moderner E-Health-Technologie werden in Zukunft das Rehabilitationsergebnis und damit die Lebensqualität und Teilhabe amputierter Menschen verbessern.

Dieses Konzept soll ein Anstoß sein, die derzeitige Situation amputierter Menschen in Österreich neu zu überdenken und zeitgemäße einheitliche Standards für die Rehabilitation nach Amputation zu erarbeiten.  

Kontakt:
OA. Dr. Gerfried Peternell
Abteilung Exoprothetik
Rehabilitationsklinik Tobelbad/AUVA
Gerfried.Peternell@auva.at

Autoren:
Gerfried Peternell (1,5), Ursula Kropiunig (1), Christian Bittner (2), Günther Winkler (3), Markus Patak (4), Karl Höcker (4), Ortrun Neuper (5)

1 AUVA-Rehabilitationsklinik Tobelbad
2 AUVA-Rehabilitationzentrum Bad Häring
3 AUVA-Rehabilitationszentrum Meidling
4 AUVA-Rehabilitationszentrum Klosterneuburg-Weißer Hof
5 Klinisches Studienzentrum für regenerative Medizin des Ludwig Boltzmann Institutes für Traumatologie Kooperationspartner der AUVA, Österreich

Literatur:
1 Greitemann B, Bork H, Braatz F, et al. Rehabilitation nach Majoramputation an der unteren Extremität (proximal des Fußes).
S2k-LL 033/044.
3 Baumgartner R, Greitemann B, Grundkurs Technische Orthopädie. 2. Aufl. Thieme Verlag; 2007
4 Greitemann B, Bork H, Brückner L, Rehabilitation Amputierter. Stuttgart: Gentner Verlag; 2002
5 Simmel S, Müller WD, Bork H, Eckhardt R, et al. Phys Med Rehab Kuror. 2018; 28: 282-286
6 Lesky J, Körperbild im Kontext von Amputation und Prothetik. Orthopädie Technik 07/20
7 Simmel S, Müller WD, Reimertz C, et al. Phasenmodell der Traumarehabilitation –Wie können wir das Rehaloch vermeiden? Unfallchirurg 2017; 120: 804-812.
8 J Rehabil Med. 2005 May;37(3):166-71. doi: 10.1080/16501970410024280.
Assessment of capacity for myoelectric control: a new Rasch-built measure of prosthetic hand control, Liselotte M Hermansson, Anne G Fisher, Birgitta Bernspång, Ann-Christin Eliasson
9 Lesky L: Psychoprothetik – Anregungen für die psychologische Rehabilitation von Amputierten. Psychologische Medizin 2018, Ausgabe 4 S.20-30.
10 Schmid-Zalaudek K.; Fischer T.; et al. Kinetic Gait Parameters in Unilateral Lower Limb Amputations and Normal Gait in Able-Bodied: Reference Values for Clinical Application Journal of clinical medicine/ https://www.mdpi.com/2077-0383/11/10/2683/pdf