Da muss noch mehr passieren

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Martin Nagl-Cupal

Ein paar nicht ganz emotionsbefreite Gedanken zur Pflegereform.

Am Tag der Pflege stellte die Bunderegierung unlängst die Pflegereform vor. 520 Millionen Euro sollen für Gehaltserhöhungen für Pflegeberufe bereitgestellt werden. Ein zweifellos wichtiger Schritt. Der Aspekt, den ich hier ansprechen möchte, soll meiner Sorge Ausdruck verleihen, dass mit einigen der gesetzten Maßnahmen der Verschlechterung der Versorgungsqualität von Patient*innen Tür und Tor geöffnet werden.

Einsparungen durch Kompetenzerweiterung?
Prinzipiell ist eine Kompetenzerweiterung in der Pflege was Gutes. Allerdings treffen diese Erweiterungen ausschließlich die Berufsgruppen der Pflegeassistenz (PA) und der Pflegefachassistenz (PFA). Hätte das nur eine berufs- bzw. pflegepolitische Dimension, wäre das verkraftbar. Allerdings ist damit auch ein Qualitätsverlust in der Patient:innenversorgung zu befürchten. Eine Kompetenzerweiterung ausschließlich für Assistenzberufe wird wahrscheinlich dazu führen, dass weniger diplomierte Pflegepersonen angestellt werden. Ohne die Bedeutung dieser Berufsgruppen schmälern zu wollen, gibt es starke Belege dafür, dass sich der Personalschlüssel zumindest in Österreichs Krankenanstalten stark in Richtung Pflegeassistenzberufe verschiebt. Ich sehe keinen fachlichen Grund, außer damit Einsparungen zu bewirken. Da hilft auch nicht der gebetsmühlenartige Hinweis auf den Zusammenhang von niedrigerer Qualifizierung und negativen Patient:innenoutcomes. Bezieht man sich darauf, müsste man fragen, wo die Pflegereform die Aufstockung der nachgefragten Fachhochschulstudienplätze berücksichtigt oder wann endlich Schritte in Richtung Spezialisierungen in der Pflege im Sinne einer Advanced Nursing Practice vollzogen werden? Diese Maßnahmen tragen stark zur Attraktivität der gehobenen Pflege bei und haben messbare Effekte auf die Versorgungsqualität.
Die Kompetenzerweiterungen sind rein auf mechanistische Tätigkeiten der Pflege bezogen – Infusionen geben, periphere Kanülen legen etc. Das ist sicher im Alltag praktisch und erleichtert Arbeitsabläufe. Es bleibt aber vieles unberücksichtigt.

  1. Kompetenzerweiterung braucht Zeit. Die Ausbildungen von PA und PFA sind jetzt schon teilweise so stark überfrachtet, dass man sich fragen muss, was sich denn noch alles in den ein bzw. zwei Jahren ausgehen soll.
  2. Die angeführten Tätigkeiten sind jene des mitverantwortlichen Bereichs der Pflege. Warum wurden diese Tätigkeiten nicht zuerst in den eigenverantwortlichen Bereich der Pflege übergeführt, sodass sie dann an die Assistenzberufe delegiert werden können?
  3. Mit diesen „Kompetenzen“ wird wieder einmal ein Bild der Pflege gezeichnet, das viel zu kurz greift. Eine Infusion anhängen ist – mit Verlaub – kein Mysterium und wird der Komplexität der Pflege in keiner Weise gerecht. Pflege ist ein auf Beziehung und Kommunikation ausgerichteter Beruf. Dass in Zukunft die Kenntnis der deutschen Sprache nicht mehr verpflichtend notwendig ist, nimmt dem Beruf sein Kommunikationsmittel, was Patient*innen sicher nicht gut finden werden.

Es gibt Belege, dass sich der Personalschlüssel in
Österreichs Krankenanstalten stark in Richtung Pflegeassistenzberufe verschiebt. Ich sehe keinen fachlichen Grund, außer damit Einsparungen zu bewirken.

Pflegelehre schafft frustrierte junge Menschen
Mit der Pflegelehre wird ein weiterer Zugang in den Pflegeberuf geschaffen. Sowohl das junge Alter der zukünftigen Lehrlinge, fehlende Didaktik, wenig Zeit für Reflexion und Supervision, fehlende Pflegepädagoginnen und Praxisbegleitung machen dieses Projekt für mich zu einem Versuchsballon. Am Ende das Tages bleiben junge frustrierte Menschen übrig, die weder der Pflege am Menschen noch sich selber einen Dienst erweisen werden. Die Pflege ist kein Lehrberuf und nicht dazu da, Personalnot zu beheben. Würde man bei einem Ärztinnenmangel über eine Medizinlehre nachdenken?
Natürlich lässt sich monieren, dass kein Personal ein noch größeres Qualitätsproblem macht. Gleichzeitig zeigt die Vergangenheit auch, dass Personalnotstand immer wieder mit Maßnahmen der Deprofessionalisierung beantwortet wurde. Mit sehr mäßigem Erfolg bisher. Das wird die Pflegepersonalnot in Österreich kaum lösen. Da muss noch mehr passieren.    //

Zur Person:
Ass.-Prof. Mag. Dr. Martin Nagl-Cupal ist Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Wien.
martin.nagl-cupal@univie.ac.at

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