Überkreuz-Lebendspende erstmals bei zwei Paaren aus Vorarlberg durchgeführt

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Autor: Scho

Zwei nierenkranken Frauen konnte erfolgreich die gesunde Niere des jeweils anderen Ehemannes transplantiert werden. Ein recht seltener Glücksfall. Ein Team der Abteilung „Nephrologie und Dialyse“ am Landeskrankenhaus Feldkirch hat die Paare medizinisch vor- und nachbetreut. Die Eingriffe selbst sind – bei beiden Paaren zeitgleich – am Transplantationszentrum der Uniklinik Innsbruck durchgeführt worden. Allen vier Beteiligten geht es heute gesundheitlich gut.

Die zwei Paare haben sich nie kennengelernt, denn eine Überkreuz-Spende, international „Crossover“ genannt, wird in Österreich anonym durchgeführt. Und trotzdem haben sie gegenseitig eine schicksalsträchtige Rolle im Leben der anderen übernommen. Möglich gemacht hat das eine wechselseitige Übereinstimmung der dafür notwendigen körperlichen Gewebsmerkmale und Blutgruppen.

Vier Jahre Wartezeit bei Spenden von Verstorbenen

Die durchschnittliche Wartezeit für eine Niere beträgt für eine:n Patient:in in Vorarlberg rund drei bis vier Jahre. Derzeit warten knapp 40 Personen im Land auf eine Spenderniere, transplantiert werden pro Jahr im Durchschnitt 15.
Durch eine Lebendspende eines gesunden Menschen kann diese Wartezeit verkürzt werden. Wenn sich innerhalb des Familien- oder Freundeskreises kein:e Lebendspender:in findet, dann werden die Patient:innen – wenn sie die medizinischen Kriterien erfüllen – routinemäßig auf die internationale Euro-Transplant-Warteliste (Spenden von Verstorbenen) gesetzt. Bis sie Organe erhalten, übernimmt die Dialyse die Aufgabe der erkrankten Nieren und das Blut wird maschinell gereinigt. „Wenn bei uns Patient:innen in der Ambulanz betreut werden, von denen wir wissen, dass sie bald dialysepflichtig werden, dann machen wir sie darauf aufmerksam, dass auch die Transplantation eine Möglichkeit der Nierenersatztherapie ist. Es ist unserer Erfahrung nach sogar die beste Möglichkeit für all jene, die körperlich dafür geeignet sind“, erklärt Nephrologin Dr. Hannelore Sprenger-Mähr, sie ist Oberärztin der Abteilung „Nephrologie und Dialyse“ am LKH Feldkirch.

In Vorarlberg erhalten im Durchschnitt zwei bis fünf Menschen pro Jahr eine Niere von Lebendspender:innen aus ihrem persönlichen Umfeld. „Wer das Glück hat und von vornherein weiß, dass es Angehörige, Partner:innen oder Freunde gibt, die einer Lebendspende zustimmen, der kann sich die mehrmals wöchentlich notwendige Prozedur sogar ganz ersparen und eine neue Niere bekommen, ohne jemals dialysepflichtig zu werden“, weiß die Spezialistin. Am häufigsten finden Lebendspenden hierzulande zwischen Ehepartnern, Geschwistern sowie zwischen Eltern und ihren Kindern statt. „Im Falle von Kindern und jungen Erwachsenen, denen eine Dialyse bevorsteht, sind die Eltern eigentlich immer bereit, sich auf diese Möglichkeit hin untersuchen zu lassen.“ Häufigste Ursachen für einen ernsten Nierenschaden bei jüngeren Menschen sind chronische Entzündungen und angeborene Nierenerkrankungen. Bei älteren Menschen überwiegen Bluthochdruck und Diabetes.

Gesundheit vor Alter

Nicht jeder Mensch ist automatisch für eine Transplantation geeignet, nicht jeder Körper ist gesund und fit genug, um operiert zu werden und ein fremdes Organ anzunehmen. Das Alter spielt dabei allerdings nicht die entscheidende Rolle. „Es gibt gewisse medizinische Kriterien, die Patient:innen erfüllen müssen, um auf die Warteliste für Spendernieren aufgenommen zu werden. Egal ob sie 70 oder 20 Jahre alt sind“, erklärt Dr. Sprenger-Mähr: „Von unseren Dialysepatient:innen am LKH Feldkirch sind maximal 25 bis 30 Prozent für eine Transplantation geeignet. Patient:innen, die zusätzlich zu ihrer Nierenerkrankung etwa an schwerem Diabetes, Gefäßerkrankungen, Herz- oder Krebserkrankungen leiden, kommen dafür nicht in Frage.“

Eine weitere Voraussetzung für eine Transplantation ist, dass das Gewebe von Spender:in und Empfänger:in immunologisch zusammenpassen. Das gilt sowohl für Lebendspenden, als auch für die Transplantation von Organen Verstorbener. „Es gibt Gewebsantikörper, die sich beispielsweise bei Frauen durch vorangegangene Schwangerschaften bilden oder auch bei Menschen, die schon einmal eine Blutkonserve erhalten haben oder bereits einmal transplantiert waren und die Spenderniere abgestoßen haben. Manche haben auch eine seltene Blutgruppe, was eine Lebendspende schwieriger macht und die Wartezeit auf eine neue Niere deutlich verlängern kann.“

Wenn eine direkte Lebendspende nicht möglich oder sehr schwierig ist, gibt es zusätzlich die Möglichkeit der „Überkreuz-Spende“ (crossover) bzw. des „Nierenaustauschs“ (kidney paired donation). Diese freiwillige Option des „Nierenaustauschs“ wird in vielen Ländern weltweit angeboten, auch Österreich hat vor rund zehn Jahren mit einem eigenen Programm begonnen. Bundesweit nehmen alle Transplant-Zentren (Innsbruck, Graz, Linz und Wien) daran teil. Zusätzlich wurde auch das Transplantationszentrum Prag zur Erweiterung der Spenderpools aufgenommen. Es gibt zudem Bestrebungen, die Programme europaweit zu verknüpfen. Für eine Nierenaustausch-Spende gelten dieselben gesetzlichen Regelungen wie für eine Lebendspende unter Familienmitgliedern oder Freunden. Über allem stehen auch hier Freiwilligkeit, Volljährigkeit und die Bereitschaft, sich ausführlich beraten und medizinisch betreuen zu lassen.

Suche nach passenden Kombinationen

2020 haben sich erstmals Vorarlberger Paare aus Patient:innen und Spender:innen auf diese Liste setzen lassen. Sie nehmen damit an einem Programm teil, das immunologisch passende Kombinationen unter den gelisteten Teilnehmer:innen Computer-gesteuert herausfiltert. Bei einem Treffer geht die gespendete Niere dann nicht an die nahestehende Person, sondern an eine:n „fremden“ Empfänger:in eines weiteren Paares auf der Liste, dessen Gewebe untereinander ebenfalls nicht zusammengepasst hat. Im Gegenzug bekommt dann das erste Paar die Niere eines anderen Spenders: „Das kann ein direkter Austausch zwischen zwei Paaren sein, es können aber auch Organe in größeren Gruppen ausgetauscht werden. Das prominenteste Beispiel ist ein Austausch von 30 Nieren in einer Gruppe von 60 Menschen in den USA.“

Die Operationen der „Überkreuz“-Paare finden möglichst zeitgleich statt, um für alle die gleichen Bedingungen zu schaffen.

Lebenslange Kontrolle

Erkrankte Nieren können durch die Spende eines einzelnen gesunden Organs komplett ersetzt werden. „Die Risiken, die durch die Operation für eine Nierenspende entstehen, sind natürlich gegeben, aber insgesamt sehr selten“, betont Dr. Sprenger-Mähr. „Eine Operation ist immer mit gewissen Risiken verbunden. Damit auch mögliche Komplikationen im Langzeitverlauf – wie beispielsweise die Entstehung eines Bluthochdrucks – rechtzeitig erkannt werden, kontrollieren wir nicht nur die Empfänger:innen, sondern auch die Spender:innen nach der OP regelmäßig.“ Diese Untersuchungen finden ein Leben lang statt, im Durchschnitt einmal im Jahr.

Die beiden Ehepaare, bei denen im September 2021 nun erstmals in Vorarlberg eine Überkreuz-Lebendspende durchgeführt worden ist, hatten das Glück, dass neben der Übereinstimmung ihrer Gewebsmerkmale und immunologischen Eigenschaften sogar auch noch das Alter vergleichbar war: „Alle vier waren der Überkreuz-Spende gegenüber sehr aufgeschlossen. Es ist doch ein großer Schritt, einem anderen Menschen ein Organ zu spenden – in diesem Fall sogar jemandem, den man gar nicht kennt!“ Heute, ein paar Monate später geht es allen gesundheitlich gut.

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