Dicke Luft fördert Infektionsrisiko

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Autor: Scho

Schlechte Luftqualität in Schulen, Kindergärten und Arbeitsstätten senkt die Leistungsfähigkeit und hebt das Covid-19-Infektionsrisiko, erklärten Experten bei einer Pressekonferenz in Wien. Sie nannten es unverständlich und unverantwortlich, dass man in Österreich Lufthygienemaßnahmen wie Filter- und Lüftungsanlagen vernachlässige und bei der aktuellen, seit Pandemiebeginn höchsten Covid-19-Welle in Krankenhäusern und Arztpraxen nicht verpflichtend Masken trägt.

„Die Wirkung von Lufthygiene ist unbestritten“, sagte Thomas Czypionka von der Forschungsgruppe Health Economics and Health Policy am Institut für höhere Studien (IHS) in Wien: Lüftungsanlagen und Keim- sowie Partikelfilter steigern die Luftqualität maßgeblich. Dadurch werden Infektionskrankheiten weniger oft weitergegeben und etwa Covid-Wellen reduziert. In Kindergärten bewirken Lüftungsanlagen laut Studien, dass die Sprösslinge zu mindestens 30 Prozent weniger krank sind.

Auch die Bildungserfolge bei Schulkindern steigen in Frischluft mit weniger Kohlendioxid-Gehalt. Klassenarbeiten fallen zum Beispiel um fünf Prozent besser aus, wenn im Unterrichtsraum statt abgestandenem Mief (0,21 Prozent CO2) akzeptable Luft (0,09 Prozent CO2) ist. „Das relative Risiko einer SARS-CoV-2-Infektion war laut einer anderen Studie zudem in Klassenräumen mit mechanischer Belüftungsanlage 74 Prozent niedriger im Vergleich zu Klassenräumen, in denen nur manuell gelüftet wurde“, so der Gesundheitsexperte.

Bis zu vier Milliarden Fehlzeitenkosten

Auch bei den Erwachsenen am Arbeitsplatz steige die Produktivität bei steigender Luftqualität im messbaren Prozentbereich. In Österreich wurden laut Daten der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) zudem 45 Prozent der Krankenstände durch Infektionskrankheiten wie Covid-19 verursacht, berichtete Czypionka. Die dadurch entstehenden betriebs- und volkswirtschaftlichen Fehlzeitenkosten bezifferte er mit drei bis vier Milliarden Euro. Ein maßgeblicher Teil davon wäre durch Einsatz von Luftfiltern und Belüftungsanlagen vermeidbar. „Es ist daher unverständlich, dass hier nicht mehr Maßnahmen gesetzt werden“, meint er: „Insbesondere auch die Wirtschaft sollte dies fordern.“

Die Ärztin Golda Schlaff kritisierte die fehlenden Präventionsmaßnahmen in Spitälern und Praxen: „Es ist medizinisch und ethisch nicht ok, dass sich Menschen in Krankenhäusern mit Infektionskrankheiten wie Covid-19 anstecken, wenn dies leicht vermeidbar ist“, sagte sie: „Bei hoher Inzidenzrate sollte daher FFP2-Maskenpflicht in Gesundheitseinrichtungen gelten.“ Sie forderte zudem, dass Covid-19 wieder meldepflichtig wird (was seit dem 1. Juli 2023 in Österreich nicht mehr der Fall ist, Anm.). Es sei außerdem ein weit verbreiteter Fehlglaube, dass „subakute“ Verläufe (solche mit wenigen Symptomen) harmlos sind. Herz-Kreislauferkrankungen bis zum Herzinfarkt und Schlaganfall, kognitive Störungen, Organschäden an Herz, Lunge, Gehirn, Nieren, Leber und Nerven sowie Autoimmunerkrankungen können direkte Folgen davon sein.

Die Initiative Gesundes Österreich (IGÖ) bietet eine Möglichkeit, zu eruieren und präsentieren, ob man etwa in einem Betrieb, einer Arztpraxis oder Schule ausreichend Lufthygienemaßnahmen betreibt. Dafür gibt es eine „IGÖ Plakette für saubere Luft“. Aktivitäten in verschiedenen Kategorien, nämlich CO2 Messung, HEPA- (high efficiency particulate air-, engl. für hocheffiziente partikuläre Luft-) Filter, Anlagen zur Luftaufbereitung, ein Testangebot bei Covid-19-Verdacht und bei Bedarf Maskentragen werden damit honoriert, sagte Hannes Fleischer von der IGÖ.

(APA/red.)

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