Wie lassen sich aus dem klinischen Alltag Forschungserkenntnisse generieren? Österreich verzeichnet einen steten Rückgang an klinischen Studien. Für Carmen Lilla, Country Medical Head bei Bristol Myers Squibb hakt es da in Österreich an einigen Stellen: Einem dezentral organisierten Gesundheitssystem und damit einhergehend komplizierten vertraglichen Strukturen wenn es etwa um die vertragliche Verankerung von Studien geht, aber auch zum Beispiel einheitliche Datenqualität. „Kooperation wirkt: Versorgung, Innovation, Wertschöpfung“ so der Titel einer Diskussion am Donnerstag beim 16. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress in Wien. Aber wie wirkt sie?
Kooperation war da auf dem Podium ein zentraler Begriff. Aber auch die Frage, wie sich Schnittstellen zwischen behandelnden Institutionen in Nahtstellen verwandeln lassen – oder wie sich unter dem Eindruck eines sich verändernden Umfeldes vermieden werden kann, dass bestehende Nahtstellen zu Schnittstellen werden.
Für die Onkologin Elisabeth Bräutigam von der Landesgesundheitsagentur Niederösterreich ist eine zentrale Frage dabei: Wie können Patientendaten – und damit Wissen – weiter wandern, damit zum Beipspiel ein Medizinstudent in St. Pölten die Daten einer Patientin im Weinviertel einsehen könne, ohne dass er die Patientin anrufen müsse. Das Problem in der Gegenwart: Das funktioniert innerhalb einer Struktur, wenn es dann aber einen andere Träger gibt, dann tue sich da eine Schnittstelle auf, so Bräutigam.

Für Peter Gläser, Ärztlicher Direktor der Klinik Ottakring, machen Datenerhebungen jedenfalls nur dann Sinn, wenn das auch in einem großen Einzugsgebiet passiere – und bei „niedrigen Mauern der jeweiligen Einrichtungen“, wenn es um Zusammenarbeit und Informationsfluss geht. Zugleich müsse man aber auch sicher stellen, dass man in der Flut der Daten nicht ertrinke. Gläser sagt: Die Zeit der alleine agierenden Spezialisten und Alleskönner sei vorbei, Kooperation, Kommunikation, ein fachlicher Austausch seien unumgänglich. Stichwort: Tumorboards.
Das ist ein relativ neues Instrument, das in dieser Runde sehr oft Erwähnung findet. Entscheidung werden da unter Einbindung vieler Fachbereiche getroffen. Ein digitalisierter Forschungsprozess schaffe zudem niederschwelligen Zugang zu eben diesem Wissensstand. Eine Krankheitsgeschichte kann unter vielerlei Gesichtspunkten betrachtet und analysiert werden.
Die Kooperation werde immer besser, so Karin Pieber, ärztliche Direktorin am Universitätsklinikum St. Pölten. Das Tumor-Board sei ein Anfang. Letztlich aber sei es die gemeinsame Vision für die Behandlung, die den Mehrwert schaffe. Anstatt, wie sie es ausdrückt: „Kleines Haus gegen großes Haus“.
„Man muss wissen, was der andere macht“
Für Bräutigam ist diese gemeinsame Vision letztlich der Schlüssel – die gemeinsame Vision der behandelnden Personen, von Forschenden, aber auch der Studienteilnehmer. „In einer Kooperation muss jeder einen Mehrwert sehen“, sagt sie. Pieber unterstreicht das: „Man muss wissen, was der andere macht.“ Und das sei schon in der Ausbildung ein zentraler Faktor.
Peter Gläser ortet nicht zuletzt aber auch nach wie vor vorhandene Finanzierungsströme im Gesundheitsbereich, die „trennende Effekte“ hätten. „Da stoßen wir an Grenzen, die die handelnden Personen nicht wollen“, sagt Gläser. Und man werde „vor dem Hintergrund, dass das Geld nicht mehr wird“, nur weiterkommen, indem man sich gegenseitig helfe und zusammenrücke. Er fordert zudem standardisierte Behandlungspfade, um Transparenz zu gewährleisten.
Für Gläser sind nicht zuletzt aber auch eingespielte Teams, Bekanntschaften und Netzwerke in dieser Verschränkung von Behandelnden, Forschenden und Industrie ein Schlüssel. Und das sei etwas, das man nicht verordnen könne: Gegenseitiges Vertrauen. Er sagt aber auch: „Forschung und Innovation wird von den Jungen eingefordert“ Es gebe diese Menschen, die „Lebenszeit und Energie in das Thema Forschung und Studien investieren“ wollten. Da gebe es die Menschen, die tätig werden wollte, die scheiterten dann aber an anderen Grenzen. Stichwort Datenschutz oder studienfinanzierte Anstellungen.
Und so ist das Fazit dieser Diskussion ein Konsens: Kooperation wirke, wenn es gelinge, für alle Beteiligten einen Vorteil zu schaffen.
(red.)


