Von der Widerstandskämpferin bis zum Wehrmachtssoldaten: Nach Kriegsende 1945 trafen nicht nur im Alltag, sondern auch in der Psychiatrie viele unterschiedliche Personengruppen und Lebensrealitäten aufeinander. Ein Forschungsprojekt hat nun die Krankheitsgeschichten von mehr als 700 Patientinnen und Patienten der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie aufgearbeitet und zum Teil in einer Web-App zugänglich gemacht. Auch künstlerisch wird das Thema vermittelt.
Eine dem NS-Regime wohlgesonnene 18-Jährige mit der Diagnose „menstruelles Irresein“ und Angst vor den Besatzungsmächten, eine 45-jährige von der Gestapo gefolterte depressive Widerstandskämpferin und ein nach einem Selbstmordversuch eingewiesener Wehrmachtssoldat: Im Projekt „Wien. Krankensaal 1945“ wird am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter der Leitung von Johannes Feichtinger die Psychiatrie als soziales Abbild der Nachkriegszeit erforscht.

In den Krankensälen fanden sich Kriegsheimkehrer und Angehörige von Gefallenen genauso wie jüdische Überlebende oder Geflüchtete. „Es waren Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, deren Kriegserfahrungen oft der Auslöser für eine psychische Erkrankung waren“, erklärte Initiatorin Katja Geiger-Seirafi in einer Aussendung. Eine Web-App soll nun einen Einblick in die historische Forschung und die Schicksale der Patientinnen und Patienten ermöglichen.
Ob die Menschen tatsächlich miteinander gesprochen haben oder wie diese Begegnungen verlaufen sind, ist unklar, so Geiger-Seirafi. Deshalb setze man auch auf künstlerische Vermittlung. So gibt es am Mittwoch (13. Mai) eine Veranstaltung mit Publikumsgespräch an der ÖAW, bei der Burgtheaterschauspielerin Maresi Riegner und Burgtheaterschauspieler Thiemo Strutzenberger aus Krankengeschichten lesen (Bearbeitung Julia Jost).
Die Web-Ausstellung finden Sie hier.
(APA/red.)

