Humangenetiker des Uniklinikums Salzburg erforschen das Argonauten-Syndrom

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Scho

Johannes (6 Jahre) aus Österreich, Emma (3) aus der Schweiz, Uxue (4) aus Spanien, Finn (7) aus Deutschland und Devyn (16) aus den USA sind fröhliche Kinder bzw. Jugendliche. Sie alle leiden aber an einer seltenen neurologischen Entwicklungsstörung, die sich in verzögerter motorischer Entwicklung, Krampfanfällen, Sprach- und Verständnisproblemen sowie kognitiven Schwächen äußert.

2020 identifizierten und beschrieben Professor Davor Lessel, Vorstand des Universitätsinstituts für Humangenetik der Paracelsus Medizinischen Universität (PMU) am Uniklinikum Salzburg, und sein damaliger langjähriger Arbeits- und Bürokollege Professor Hans-Jürgen Kreienkamp erstmals die Ursache dafür: Eine Veränderung im AGO2-Gen. 2021 benannte die Human Genome Organization (HUGO) diese neu entdeckte seltene Krankheit als Lessel-Kreienkamp-Syndrom.

Wenig später entdeckten französische Forscher ähnliche Veränderungen am AGO1-Gen. Heute werden diese beiden Krankheiten nach den mythologischen griechischen Reisenden als Argonauten-Syndrome bezeichnet: Jeder Fall ist für die Betroffenen, deren Familien und auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte eine herausfordernde Reise durchs Leben.

320.000 Euro für Grundlagenforschung

Nun stellt der Österreichische Wissenschaftsfonds FWF dem Universitätsinstitut für Humangenetik am Uniklinikum Salzburg für drei Jahre ein Budget von 320.000 Euro für Grundlagenforschung zum Argonauten-Syndrom zur Verfügung. „Wir wollen die Krankheit und deren Mechanismus verstehen und so die Grundlagen für therapeutische Ansätze schaffen“, beschreibt Professor Lessel das Ziel des Projekts.

Ein Teil ist klassische genetische Laborarbeit: Erforscht werden die Entwicklungen von drei Zell-Linien, die auf Genomen basieren, die aus Hautproben von drei erkrankten Kindern gewonnen wurden. „Wir können derzeit die Krankheit mittels Hochdurchsatz-Sequenzierung identifizieren. Aber wir verstehen noch nicht, welche Auswirkungen die Veränderung der Gene auf zellulärer Ebene und auf Ebene des gesamten Organismus hat“, erklärt Professor Lessel.

In Hamburg forscht eine zweite Gruppe um Professor Kreienkamp anhand von Tiermodellen in dieselbe Richtung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stellt dazu weitere rund 250.000 Euro zur Verfügung.

Auf der Suche nach Fällen

Im zweiten Teil des Projekts geht es um Natural History Study: Derzeit gibt es weltweit 80 bestätigte Fälle des Argonauten-Syndroms. Die Familien und Ärzteteams aller Patientinnen und Patienten erhalten umfangreiche Fragebögen, in denen Symptome und Verläufe erhoben werden. Professor Lessel: „Derzeit gibt es zu wenige Fälle und die Krankheit ist noch zu kurz bekannt, um gesichert sagen zu können, welche Symptome tatsächlich mit der Krankheit zusammenhängen und wie die Krankheit verläuft.“

Eine zentrale Rolle spielen hier das Internet und die Sozialen Medien: Wird irgendwo auf der Welt ein neuer Fall bestätigt, werden Eltern oder Ärztinnen bzw. Ärzte im Internet nach ähnlichen Fällen googeln. Dann stoßen sie zwangläufig auf Professor Lessel und seine Grundlagenarbeit und erhalten die Einladung, am Aufbau eines Argonauten-Patientenregisters mitzuwirken.

Drei Jahre sind in der Forschung quasi ein Augenblick. Was macht Professor Lessel zuversichtlich, dass er in dieser kurzen Zeit die Krankheit verstehen lernt und Grundlagen für therapeutische Ansätze erarbeiten kann? „Das weltweite Interesse der Betroffenen und der Forschenden ist enorm. Wir haben im Vorjahr in Regensburg eine erste Argonauten-Konferenz abgehalten, zu der mehr als 100 Forschende und die Familien von 12 der damals 50 weltweit bekannten erkrankten Kindern gekommen sind. Sie alle arbeiten ehrenamtlich mit.“

Professor Lessel ist erst seit 1. Jänner 2023 Vorstand des neu geschaffenen Universitätsinstituts für Humangenetik und kam aus Hamburg nach Salzburg. Umso mehr freut sich Dozent Paul Sungler, Geschäftsführer der Salzburger Landeskliniken, über das Forschungsgeld, das der weltweit anerkannte Humangenetiker nun an die Salzach holen konnte: „Dieser hoch dotierte FWF-Grant ist eine deutliche Bestätigung unserer Strategie und hebt die Bedeutung unserer Humangenetik hervor. Das neue Universitätsinstitut ist die eine deutlich sichtbare Bereicherung der medizinischen Forschung am Uniklinikum und im Bundesland Salzburg.“

(APA/red.)

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