Omikron-Welle stellt Spitäler vor neue, massive Herausforderungen

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Autor: Scho

Seit zwei Jahren sind die Spitäler fast durchgehend im Krisenmodus. In einem gewaltigen Kraftakt müssen die Mitarbeitenden in dieser Ausnahmesituation den Betrieb aufrechterhalten – rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Es ist eine Dauerbelastung, für sie selbst und für ihre Familien. Nun hat die fünfte Welle mit anhaltend hohen Infektionszahlen die Spitäler besonders hart getroffen.

„Wir befinden uns mitten in einer ‚Absonderungswelle‘“, berichtet Direktor Dr. Gerald Fleisch, Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsgesellschaft. „Die coronabedingten Ausfälle verbunden mit anderen Krankenständen bringen uns zunehmend in Schwierigkeiten. Nicht nur im klinischen Bereich, sondern auch in der Verwaltung, Technik, Küche oder Kinderbetreuung.“ Im Moment sind 371 der rund 6.000 Mitarbeitenden aller Vorarlberger Krankenhäuser Corona-positiv getestet, zusätzlich sind neun in Quarantäne. Zählt man sonstige Krankenstände dazu, können insgesamt mehr als 630 Mitarbeitende nicht arbeiten.

Einschränkungen mangels Personal

Schon in den vergangenen Wochen mussten alle Spitäler von Tag zu Tag flexibel auf die immer knapper werdenden Personalressourcen reagieren und laufend ihre Dienstpläne anpassen. „Inzwischen sind wieder in mehreren Häusern Leistungseinschränkungen unvermeidlich, um die Akut- und Notfallversorgung neben der Pflege der Covid-19-Patient:innen gewährleisten zu können“, sagt Fleisch. Die Krankenhäuser in Bludenz, Hohenems und Dornbirn vermelden zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Beeinträchtigungen des Regelbetriebs – dieser lässt sich allerdings überall nur noch unter vollstem Einsatz der Mitarbeitend aufrechterhalten. Im LKH Bregenz ist die Personaldecke in einzelnen Abteilungen relativ dünn, sodass Leistungseinschränkungen kurzfristig notwendig werden könnten. Betroffen sind vor allem kleine Abteilungen, in denen schon einzelne Personalausfälle kritisch sind. Am LKH Rankweil wurden in geringem Ausmaß bereits Einschränkungen in der Neurologie notwendig.

Am prekärsten ist die Lage aktuell am größte Vorarlberger Krankenhaus, dem Schwerpunktkrankenhaus Feldkirch. Dort müssen mangels Personal zahlreiche Operationen abgesagt beziehungsweise verschoben werden. 215 Mitarbeitenden sind Stand heute in Absonderung, bei steigender Tendenz. Sonstige Krankenstände mit eingerechnet fehlen 300 Arbeitskräfte. Das entspricht etwa 15 Prozent der Belegschaft.

Nur noch halbes OP-Programm am LKH Feldkirch

„Gestern haben wir das OP-Programm zunächst für eine Woche über alle medizinischen Fächer hinweg um 50 Prozent reduziert“, informiert Dr. Wolfgang Hofmann, Leiter der Abteilung für Gefäßchirurgie und OP-Koordinator am LKH Feldkirch, und fügt hinzu: „In so hohem Maße mussten wir unsere Kapazitäten im Laufe der ganzen Pandmie noch nie zurückfahren.“ Dass dieser drastische Schritt notwendig geworden sei, liege in der Komplexität des Spitalsbetriebs: „Derzeit fehlt das Personal vor allem auf den Stationen. Dadurch ist aber beispielsweise auch die Nachbetreuung operierter PatientInnen gefährdet. Indem wir OP-Säle schließen, spielen wir Mitarbeitende frei.“ Durch diese Umschichtungen versuche man, Engpässe zu umgehen.

Bei den Feldkircher Abteilungen handelt es sich vielfach um „Monopolabteilungen“. Die hier durchgeführten Eingriffe werden somit nirgendwo sonst in Vorarlberg angeboten. Eines möchte Hofmann dabei jedoch vorausschicken: „Die Versorgung aller akut bedrohten PatientenInnen hat selbstverständlich Vorrang und ist nach wie vor absolut gesichert.“ Verschoben würden ausschließlich planbare Eingriffe wie zum Beispiel Operationen eines Leistenbruchs oder von Krampfadern. In allen Fachbereichen entscheidet ein ärztliches Gremium darüber, welche Eingriffe schlussendlich durchgeführt werden. „Dabei bemühen wir uns nach Kräften, für alle PatientInnen das Bestmögliche zu erreichen,“ betont der OP-Koordinator.

Nichtsdestotrotz bedeuten verschobene Operationen immer eine Belastung. Einerseits für die Betroffenen und deren Angehörige, die sich oft wochen- oder monatelang auf den Eingriff vorbereitet hatten. Andererseits für das Krankenhauspersonal und hier vor allem für jene Mitarbeitenden, die telefonisch über Absagen und Verschiebungen informieren müssen. „In Einzelfällen können Eingriffe nun schon zum dritten Mal nicht wie geplant stattfinden“, bedauert Hofmann. Die Anspannung sei daher auf allen Seiten groß. „Auch unsere Patientinnen und Patienten sind mittlerweile coronamüde und zeigen verständlicherweise immer weniger Verständnis, wenn ihnen diese Hiobsbotschaft überbracht wird.“

„Profitieren von dieser Solidarität immens“

Doch einmal mehr verweist der Mediziner auf die noch nie dagewesene Ausnahmesituation, in der sich die Krankenhäuser befinden: „Unser Gesundheitssystem hat in der Vergangenheit stets zuverlässig funktioniert und seine Leistungsfähigkeit auch im Laufe dieser Pandemie wiederholt eindrucksvoll unter Beweis gestellt.“ So wurden 2019, im Jahr vor der Corona-Krise, in den Landeskrankenhäusern an die 38.000 Operationen durchgeführt. 2020 waren es bis Jahresende mit 37.000 Operationen fast gleich viele.

Das Jonglieren mit Dienstplänen gehört für Jürgen Zengerle mittlerweile zum Alltag. Seit mehreren Wochen erreichen den pflegerischen Bereichsleiter der Abteilung für Innere Medizin am Krankenhaus Dornbirn fast täglich Anrufe von erkrankten Mitarbeitenden oder solchen, die einen Zufallsbefund erhalten haben und nun abgesondert sind. Für die anderen KollegInnen ist dann Einspringen angesagt. „Ob Nachtdienst, langer Tagdienst oder Wochenenddienst – die Bereitschaft unserer Mitarbeitenden, diese Ausfälle abzufedern, ist nach wie vor unglaublich groß“, schildert Zengerle stolz den hohen persönlichen Einsatz, der das Werkl am Laufen hält. „Von dieser Solidarität, von dem starken Miteinander auch zwischen Abteilungen und Häusern, profitieren wir immens.“ Dennoch habe er manchmal fast ein schlechtes Gewissen, weil mitunter auch private Pläne über den Haufen geworfen oder sogar Urlaube unterbrochen würden.

Bei massiven Ausfällen in einer Abteilung muss das verbleibenden Team jedenfalls Großes leisten. Denn die Betten sind zu dieser Jahreszeit traditionell gut belegt. „Zu den bekannten Infekten kommt Corona noch dazu“, bringt es Zengerle auf den Punkt. In den Spitälern müssen noch immer verhältnismäßig viele Covid-19-Patient:innen versorgt werden. Die Zahl hat sich in den vergangenen Tagen bei etwa 100 eingependelt. Die meisten liegen auf der Normalstation, lediglich vier positiv getestete PatientInnen benötigen intensivmedizinische Betreuung.

Covid-Infektion häufig Nebendiagnose

Rund die Hälfte der Corona-Kranken ist allerdings nicht wegen, sondern vielmehr mit Covid-19 im Krankenhaus. Bei ihnen ist die Viruserkrankung eine Nebendiagnose, viele haben nur milde oder gar keine Symptome. „Diese Patient:innen bleiben auf den jeweiligen Fachstationen, werden dort nach einem positiven Testergebnis jedoch umgehend isoliert“, erklärt Zengerle. Für die Pflegekräfte steigt damit der Arbeitsaufwand: Vor Betreten des Isolationszimmers müssen sie sich jedes Mal einschleusen, die umfangreiche Schutzausrüstung anlegen und in dieser ihre Tätigkeiten verrichten. „Handelt es sich bei den PatientInnen beispielsweise um demente oder sturzgefährdete Personen mit hohem Pflegeaufwand, ist die Arbeit im Isolationsbereich noch fordernder.“

Selbst wenn in den Krankenhäusern kaum mehr schwere Covid-Verläufe zu sehen sind, ist die Situation für alle Beteiligten auch jetzt ermüdend. „Und kaum zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer ab, macht die nächste Prognose wieder alles zunichte“, so Zengerle.

„Maske tragen ist der neue Applaus“

In ihrer Funktion als Rückgrat und Ruhepol der Gesundheitsversorgung werden die Spitäler durch die coronabedingten Ausfälle empfindlich gestört. Fehlende Planungssicherheit und laufende Dienstplanänderungen verlangen allen nicht erkrankten Mitarbeitenden ein hohes Maß an Flexibilität und Teamwork ab. „Sie arbeiten derzeit unter besonders extremen Bedingungen“, verdeutlicht Gerald Fleisch. Durch das Zurückfahren von Leistungen nehmen die Krankenhausleitungen nun etwas Druck von besonders belasteten Bereichen. „Zugleich sind unsere Führungskräfte aber auch mit dem Ohr an ihr Mitarbeitenden, um gezielt Verbesserungen der Arbeitsbedingungen machen zu können.“

Die Sehnsucht nach Normalität ist gerade beim Gesundheitspersonal entsprechend groß. Fleisch appelliert daher an die Bevölkerung, ob der vermeintlich „milden Omikron-Variante“ nicht alle Vorsicht über Bord zu werfen, sondern weiterhin auf sich selbst und andere zu schauen: „Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Und wer Maske trägt, entlastet damit auch die Spitalsmitarbeitenden.“ Denn diese schütze auch vor anderen Infekten und natürlich der Grippe. Insofern begrüßt der Direktor der KHBG auch die Wiedereinführung der Maskenpflicht.

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