Powerfrau mit Blick über den Tellerrand

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Scho

Den Weltfrauentag sieht Hanna Köttl als jährliche Erinnerung daran, dass selbst im Jahr 2022 nach wie vor große Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern vorherrschen. Erfahrungen, die sie in Bangladesch nach dem Einsturz einer Textilfabrik oder in Togo mit Opfern von Frauenhandel und Entführung machte, haben ihr Bild wesentlich geprägt. Einerseits verweigerten Frauen in Bangladesch Hilfe, um wegen ihrer Kinder nicht auf Verdienst verzichten zu müssen, und Frauen in Togo erlebte sie als Opfer grausamer Praktiken. Andererseits lernte sie jeweils „unheimlich beeindruckende, starke und stolze Frauen kennen, die mich in meinem eigenen Frausein geprägt haben“. Auch in Österreich gebe es weiterhin viel zu tun angesichts Femizide, Gender-Pay-Gap, fehlenden Zugangs und regionaler Unterschiede bei der Kinderbetreuung. „Ja, es braucht den Weltfrauentag weiterhin. Leider“, fasst Köttl zusammen.

Hanna Köttl hat als Ergotherapeutin in Psychiatrie und Geriatrie gearbeitet. Sie betrachtet ihre Patientinnen und Patienten als Mentorinnen und Mentoren, durch die sie viel über sich selbst und das Leben lernen durfte. „Geprägt haben mich auch Prof. Louise Nygård vom Karolinska Institut und ihr Team“, erzählt Köttl. „Sie haben mich immer wieder motiviert, meine Master-Arbeit in einem peer-reviewed Journal zu publizieren. Als ich nach der dritten Ablehnung aufgeben wollte, haben sie mir einfach weiter Mut gemacht und aufgezeigt, dass Ablehnungen und Misserfolge Teil des Jobs einer Forscherin sind und ich hier Lernmöglichkeiten sehen kann.“ Auch ihre Supervisorin im PhD-Studium, Prof. Liat Ayalon, hat sie beeindruckt. „Sie ist eine geniale Forscherin und hat viele große Forschungsprojekte gemanagt. Sie hat mir stets das Gefühl gegeben, dass alles möglich ist und dass man alles lernen kann, wenn der Wille da ist“, so Köttl. Schließlich hätten auch ihre Eltern sie geprägt, zwei fleißige Menschen, die ihren Träumen folgen und ihre Ziele stets im Blick haben.

Auf UN- und EU-Ebene

Im Rahmen eines MSCA (Marie Skłodowska-Curie Actions) EU Horizon 2020 Programms war Köttl in Tel Aviv an der Bar-Ilan University angestellt. Als MSCA Fellow hatte sie die Chance, eng mit UN- sowie Policy und Advocacy-Organisationen auf EU-Ebene zusammenzuarbeiten. „Es faszinierte mich, dass ich mit meinem Ergotherapie-Hintergrund gesundheits- und sozialpolitische Entscheidungen auf UN- und EU-Ebene mitbeeinflussen konnte.“

COVID-bedingt musste sie nach Hause zurückkehren und ihre Dissertation in Österreich fertigstellen. Nach der Geburt ihrer Tochter bewarb sie sich an der IMC FH Krems und wurde in einem ausführlichen Bewerbungsverfahren für die Studiengangsleitung Angewandte Gesundheitswissenschaften (AGW) ausgewählt. „An AGW begeistert mich der interprofessionelle Zugang. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir zukünftigen Herausforderungen im Gesundheitssystem interprofessionell begegnen müssen“, sagt Köttl. „Außerdem macht es mir unheimlich viel Spaß, Studierende auf Master-Niveau zu unterrichten. Unsere AGW Studierenden bringen viel Berufs- und Lebenserfahrung mit, was viele spannende Diskussionen und ein ständiges voneinander Lernen ermöglicht.“ Nach ihren eigenen Erfahrungen in Israel möchte sie AGW Master-Studierende dazu ermutigen, über den eigenen Tellerrand zu blicken. „Dieses Master-Studium bietet die Möglichkeit, eine globale, interprofessionelle Gesundheitsperspektive einzunehmen und diese mit den eigenen praktischen Erfahrungen zu verknüpfen. Ich freue mich wirklich sehr auf die Zusammenarbeit mit den Studierenden.“

Technologien und Gesundheitsförderung

Forschung hat Köttl schon als Bachelor-Studierende begeistert. Sie beschäftigte sich damals mit kulturellen Barrieren in der Ergotherapie. Logische Konsequenz war ein Master-Studium in der Schweiz, der berufsbegleitende European Master of Sciences in Occupational Therapy, mit Modulen an englischen, schwedischen, holländischen, dänischen und Schweizer Universitäten. „Ich konnte im Rahmen dieses Programms ein großes internationales Netzwerk aufbauen und ein globales Verständnis von Gesundheitswissenschaften erlangen“, sagt Köttl. Neben ihrer Tätigkeit als Ergotherapeutin arbeitete Köttl als Advanced Practitioner Therapy in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, wo es ihre Aufgabe war, „Forschung und Praxis zu verbinden und Evidenzbasierung im praktischen therapeutischen Arbeitsalltag zu fördern“.

In ihrer Dissertation hat sich Köttl mit den Barrieren zu Alltags- und Gesundheitstechnologien im höheren Alter auseinandergesetzt – insbesondere mit Ageism. Unter Ageism versteht man Diskriminierung, Stereotype und Vorurteile basierend auf Alter. Ageism ist sehr weit verbreitet und schadet nachweislich der Gesundheit und dem Wohlbefinden. Aus diesem Grund ist die Bekämpfung von Ageism in allen Lebensbereichen, aber insbesondere im Gesundheitssystem, ein aktuelles Schwerpunktziel der Weltgesundheitsorganisation. Derzeit ist sie besonders an Gesundheitsprävention interessiert, zum Beispiel wie beginnende kognitive Einschränkungen frühzeitig erkannt werden und welche Rolle dabei Einsamkeit und soziale Exklusion spielen. „Aktuell plane ich ein Forschungsprojekt zum Thema Betätigungsbalance informeller Pflegender, wobei der Fokus auf Interventionsentwicklung – voraussichtlich eine digitale Intervention – und Gesundheitsprävention liegt“, ergänzt Köttl.

Köttl war in Israel angestellt, aber im Homeoffice in Österreich tätig, als sie Mutter wurde. Sie arbeitete bis zur Geburt und begann 14 Wochen danach wieder Vollzeit zu arbeiten, da dies in Israel wie in vielen anderen Ländern üblich ist. Unterstützung fand sie in ihrem Partner und ihren Eltern, sodass trotz Arbeit viel Zeit mit ihrer kleinen Tochter blieb. „Ich glaube, dass ich durch die Mutterschaft effizienter in meiner Arbeitsweise geworden bin“, sagt die junge Wissenschaftlerin. Ihr Partner ist nun sechs Monate in Väterkarenz. „Ich sehe es als großes Geschenk, dass wir hier in Österreich individuell entscheiden können, wie lange oder welcher Elternteil beim Kind zu Hause bleibt und ab wann ein Kind fremdbetreut wird, denn jede Familiensituation ist anders. Ich wünsche mir, dass dies auch auf gesellschaftlicher Ebene ankommt und Frauen sich in Zukunft nicht mehr rechtfertigen müssen, weil sie ‚zu kurz‘ oder ‚zu lange‘ zu Hause beim Kind waren. Ich wünsche mir außerdem, dass in Zukunft auch Männer in Führungspositionen gefragt werden, wie sie es schaffen, Karriere und Kind zu vereinbaren“, legt Köttl einen Finger in die Wunde.

Kindern Forschung näherzubringen sei nicht schwierig, denn sie brächten von Grund auf Forscherinstinkt mit, ist Köttl überzeugt. Sie seien intrinsisch motiviert, die Welt zu entdecken, während Erwachsene diese Neugierde verlernt haben. „Ich wünsche mir, dass unser Schulsystem diesen Wissensdurst fördert und nicht durch ödes Auswendiglernen und Druck jede Lust an Schule und Bildung nimmt“, so Köttl.

Erfrischend ist auch die Ehrlichkeit, mit der Hanna Köttl zugibt, dass nicht alles in ihrem beeindruckenden Karriereweg einfach war: „Obwohl mein Lebenslauf vielleicht geradlinig erscheint, gab es viele Hochs und Tiefs. Besonders die Zeit in Israel war sehr herausfordernd für mich. Ich habe mich tagtäglich überfordert und auch oft sehr einsam gefühlt. Ich würde Menschen, die sich gerne weiterentwickeln möchten, raten, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Jeder und jede bringt unterschiedliche Voraussetzungen und Erfahrungen mit. Diese Diversität ist wertvoll und lässt spannende Projekte oder Initiativen entstehen.“

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