Smarte Sohlen

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Autor: Alexandra Keller

Das Linzer Start-up sendance entwickelt smarte Sensoren für Medizinprodukte. Orthopädische Einlagen für Diabetiker sind der erste Streich.

Die Vision ist groß. Am Körper getragene und mit verschiedenen Sensoren ausgestattete Wearables begleiten Patienten im Alltag. Sie schlagen bei Fehlfunktionen Alarm, lange bevor der Körper dies tut. „Mit den Sensoren wollen wir Patienten unterstützen und Daten generieren, die sich zur besseren Behandlung und Früherkennung von Krankheiten eignen“, skizziert Robert Koeppe ein Stück Zukunft. Erste vielversprechende Schritte in diese Zukunft werden bereits gesetzt.

Robert Koeppe ist Geschäftsführer des Start-ups sendance, einem Spin-Off-Unternehmen des Soft Materials Lab der Johannes Kepler Universität Linz (JKU). Sendance hat sich einer speziellen Art der Sensorik verschrieben, die im Mai 2022 bei der OTWorld in Leipzig – der Weltleitmesse für alle, die moderne medizinische Hilfsmittel entwickeln – wie eine kleine Bombe eingeschlagen hat. Die Linzer lockten vor allem Orthopädietechniker und Hersteller orthopädischer Hilfsmittel an ihren Stand. Die cleveren Sensoren sorgten für heftiges Interesse. „Wir haben unsere Technologie vorgestellt und super Feedback von allen möglichen potenziellen Kunden und Anwendern bekommen“, sagt Koeppe und ergänzt: „Seitdem sind wir dabei, mit den Kunden erste Projekte abzuwickeln.“

Zu den ersten Projekten, die Koeppe anspricht, zählt beispielsweise ein flexibles Sensornetzwerk, das in Einlegesohlen für Diabetiker eingebettet wird. Mit den generierten Daten werden Einblicke gewonnen, die bislang im Verborgenen geblieben waren. Menschen mit Diabetes erhalten spezielle Einlegesohlen, um Durchblutungsstörungen und Druckgeschwüre beziehungsweise den sogenannten „diabetischen Fuß“ zu verhindern. Allein in Deutschland werden jährlich über eine Million dieser individuell auf die Patienten „zugeschnittenen“ Einlegesohlen gefertigt. Handarbeit ist angesichts dieser Mengen undenkbar und so werden die Füße gescannt und große Hersteller produzieren die Sohlen auf Basis der digitalen Fußabdrücke.

Gefühl im Tritt. Das Linzer Start-up sendance entwickelt Sensoren, die in flexible Materialien eingebettet werden können. Sie machen Schuheinlagen zu Datencentern.

Im Zuge der MDR (EU Medical Device Regulation) wurden die Produzenten verpflichtet, die Wirkung auch individuell angefertigter Medizinprodukte zu messen beziehungsweise nachzuweisen. „Da kommen unsere Sensoren zum Einsatz, die im endgültigen Produkt integriert werden“, erklärt Koeppe. Aufgrund der durch die sendance-Sensorik gewonnenen Informationen – etwa zur Druckverteilung – kann gezeigt werden, ob dies die Einlagen sind, die der Patient wirklich braucht oder ob weitere Anpassungen nötig sind. Große Hersteller von Einlegesohlen oder anderen, den neuen EU-Regeln unterworfenen Medizinprodukten zeigen höchstes Interesse an einer standardisierten Messmethode. Das Linzer Start-up liefert mit seiner Technik punktgenaue Antworten auf knifflige medizinische und ökonomische Fragen. Der durch das neue Zulassungsreglement bedingte Bedarf der Medizintechnik-Branche wirkt wie ein Booster für das junge Unternehmen aus Linz.

Gesellenstück mit Lerneffekt

„Schon bei meinem Studienabschluss in München habe ich mit dem Gedanken gespielt, in Richtung Firmengründung zu gehen“, blickt Koeppe zurück ins Jahr 2002. Koeppe hatte Physik studiert. Die konkrete Anwendbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse lockte ihn nach Linz, wo er neben seiner Doktorarbeit bald auch an der Gründung eines Start-ups im Bereich der Photosensoren arbeitete. Das Start-up wurde zu einer Art Gesellenstück mit allen Höhen und Tiefen. „Es war eine spannende Zeit, doch mein Partner und ich haben einige strategische Fehler gemacht und sind in Schwierigkeiten gekommen“, so Koeppe. Die Geschichte endete in einer Art Notübernahme durch ein Industrieunternehmen. Der erste Ausflug in die Start-up-Szene war keine Pleite, aber auch kein spektakulärer Erfolg. Koeppe kehrte zurück an die Uni: „Am Soft Materials Lab bin ich mit meinen Mitgründern zusammengekommen, die wissenschaftlich sehr erfolgreich gearbeitet haben, aber keine Zukunft im Wissenschaftsbetrieb sahen.“

Robert Koeppe, Daniela Wirthl und Thomas Stockinger entwarfen ein Geschäftsmodell „rund um“ medizintechnische Themen. Ausgangspunkt ihrer Entwicklungen waren – dem Namen ihres Institutes verpflichtet – Sensorik und Elektronik, die in weiche, flexible Materialien eingebettet sind. Individualisierte Sensoren – speziell in der Orthopädietechnik – wurden zur Geschäftsidee von sendance. Bei der Gründung 2021 unterstützt wurden sie dabei von der Förderagentur FFG, dem Austria Wirtschaftsservice AWS, dem Klimaschutzministerium und dem Land Oberösterreich. Den letzten Kick bekamen die Gründer durch die Aufnahme in das Incubatorprogramm Tech2B. „Das war der wichtigste Schritt. Da wussten wir, jetzt wird’s ernst, wir ziehen das jetzt durch“, so Koeppe.

Gesunde Fühler. Das sendance-Gründerteam hat gemeinsame Wurzeln an der JKU. Ein umfunktionierter Vierkanter in einem Linzer Vorort fungiert seit Sommer als
Headquarter des Start-ups.

Sprung in den Datenpool

Seitdem ist wenig Zeit vergangen, aber viel passiert. So ist im Sommer 2021 Yana Vereshchaga zum Gründerteam gestoßen. Koeppe nennt dies „einen glücklichen Zufall. Yana hat lange Jahre an der medizinischen Mechatronik gearbeitet und füllt die Lücke, was Softwareentwicklung und die medizinischen Themen angeht“. Das kontinuierliche Messen, Speichern und Auslesen der erfassten Daten erfordert nicht weniger Know-how als die Weiterentwicklung der Sensoren selbst. Aktuell können sendance-Produkte Druck und Temperatur erfassen. „Was wir demnächst einbauen wollen, ist die Berechnung von Feuchtigkeit und Verformung. Die Sensoren sind weich und können beliebige Oberflächen abdecken“, erklärt Koeppe. Auch chemische Sensoren, die den PH-Wert messen, zählen zum Zukunftsspektrum von sendance. Dessen Veränderung kann ein Hinweis dafür sein, dass sich der Zustand eines Patienten verschlechtert.

Neben der Zivilisationskrankheit Diabetes sind auch COPD oder Epilepsie Krankheiten, bei denen eine permanente Überwachung heilend wirken kann. „Da geht es darum, dass die Patienten rechtzeitig zum Arzt gehen, aber nicht dauernd zum Arzt gehen müssen“, erläutert Koeppe. Prävention bei chronischen Krankheiten wird dadurch wesentlich erleichtert.

Das Potenzial der Sensoren ist enorm. Das auf 15 Mitarbeiter gewachsene sendance-Team konzentriert sich darauf, die Pilotprojekte erfolgreich abzuwickeln und die Produktionsmöglichkeiten so zu automatisieren und auszubauen, dass die Technik gegen Lizenzgebühr auch bei den Kunden – vor Ort – aufgebaut werden kann. „Wir wollen bei der Philosophie des Additive Manufacturing bleiben, damit produziert werden kann, wann und wo man’s braucht“, sagt der Geschäftsführer. Im Juni 2022 wurde ein alter Bauernhof in einem Vorort von Linz zum sendance-Firmensitz umfunktioniert. Eine feine Umgebung und ein fruchtbarer Boden für große Visionen. 

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