Der Torhüter als Mentor

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Autor: Josef Ruhaltinger

Das PVZ St. Pölten beweist, wie das Primary Healthcare-Konzept unterversorgte Regionen rasch und effizient mit hausärztlicher Betreuung ausstatten kann. Mitgründer Rafael Pichler teilt seine Gründungserfahrung über ein spezielles Mentoringprogramm.

Die Saat geht auf – zögerlich, vom Gegenwind zerzaust, aber sichtbar sprießend. Zu Jahresanfang hat mit dem PVZ Oberdöbling das 39. Primärversorgungszentrum seine Türen geöffnet. Die ehemalige Gruppenpraxis betreut ihre Patienten – wie für PVZ üblich – 52 Stunden in der Woche, Hausbesuche noch nicht inkludiert. 39 Primärversorgungszentren sind ein gutes Stück von der Vorgabe entfernt, die sich die österreichische Gesundheitspolitik 2017 gesetzt hatte. Damals beschloss der Nationalrat mit den Stimmen von SP und VP das Gesundheitsreformumsetzungsgesetz (GRUG 2017), das zum gesetzlichen Fundament des Primary Care-Gedankens in Österreich werden sollte. Die Zielvorgabe: 75 Primärversorgungseinheiten (PVE) in ganz Österreich bis 2021. 39 Zentren sind aber deutlich besser als nichts.

Schnellwuchs. Der rasante Anstieg der Patientenzahlen sowie die Symbiose mit dem kinderärztlichen „Department“ machten das PVZ St. Pölten schnell zu Österreichs größter hausärzt­licher Ordination. Im September soll der Umzug in das moderne Gesundheitszentrum St. Pölten kommen.

„Ich bleib nicht allein“

Rafael Pichler muss heute über den damaligen Optimismus der Gesetzgeber lächeln. „Da war ein Stück weit Naivität dabei. Ich bin froh, wenn sich die Primärversorgungszentren so weit im System gefestigt haben, dass man ihre Einführung nicht mehr rückgängig machen kann.“ 2019, beim Start des PVZ St. Pölten, das er maßgeblich mit angeschoben hat, war dies noch nicht so klar wie heute: „Es gab unter den Kolleginnen und Kollegen Ängste, dass wir Patienten kapern.“ Heute hätten sich die Gemüter beruhigt. Das PVZ St. Pölten ist bei der Patientenschaft extrem beliebt. 10.000 Steckungen im Quartal machen das PVZ St. Pölten zur – nach eigenen Angaben – „größten Hausarztordination“ Österreichs. Für Rafael Pichler kam der Zuspruch in dieser Dimension unerwartet. „Die Vorgaben des Businessplans hatten wir im ersten Quartal erreicht.“ Aus den ursprünglich drei Gesellschaftern sind inzwischen vier geworden. Zu Rafael Pichler, Michael Hochstöger und Anna Maria Kisser stieß Angelika Grand-Fous. Kassen und Kammer sind über ihre Schatten gesprungen, um den Stadtteil endlich medizinisch versorgt zu wissen. Es gab viel zu tun.

Als Pichler begann, sich für die Idee einer PVZ-Gründung zu interessieren, waren drei Hausarzt-Stellen in St. Pölten unbesetzt: „Wir wurden von der Kasse mit offenen Armen empfangen.“ Er selbst hatte auf Vermittlung des übergebenden Mediziners 2017 eine Einzelordination am Rande St. Pöltens übernommen. „Ich war auf einmal Hausarzt – aus dem Nichts heraus.“ Er war der einzige Bewerber – wie später auch bei der PVZ-Ausschreibung. Bei Eröffnung der Einzelordination war für Pichler klar: „Ich bleibe in der Ordination nicht allein.“ Die spätere Chance, seine Einzelpraxis in ein PVZ zu überführen, wollte Pichler „unbedingt“ nützen. Die größte Herausforderung bei der Gründung eines PVZ ist immer die Wahl der Weggefährten und Weg­gefährtinnen. Es war nicht so, dass die Interessenten Schlange gestanden wären. „Ich hatte außer dem Versprechen eines guten Betriebsklimas nichts vorzuweisen“, erinnert sich Pichler. Es gab bis auf seine eigene Praxiszahlen keine wirtschaftlichen Grundlagen. „In puncto Einkommen war unser Start ein Schuss ins Blaue“, erinnert sich der langjährige Tormann des „Austrian Medical Soccer Teams“ und aktuelle Betreuungsarzt des Champions-League-Teilnehmers SKN im Frauenfußball. Es waren persönliche Bande und Bekanntschaften, die die Gründungsmannschaft des PVZ St. Pölten zusammenbrachten.

Die Katze von Harland. Rafael Pichler war jahrelang
Torhüter des österreichischen Ärzte-Fußballteams.
Das von ihm (mit)gegründete PVZ ist mittlerweile die
größte Hausarztordination Österreichs.

Sonderfall Kinder-Ordination

St. Pölten ist in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. So ist dem PVZ eine große Kinderordination angeschlossen, hausintern „Department“ genannt. Vier Kinderärzte ordinieren im Umfeld des Zentrums. Dabei handelt es sich um ein Pilotprojekt, in dem die Kinderärzte, die ÖGK und das PVZ auf ungewöhnliche Art zusammenarbeiten. Die Ärzte arbeiten selbstständig auf Basis eines Fixhonorars, stellen dem PVZ dafür die Rechnung. Die PVZ-Administration reicht die Kosten inkl. eines Verwaltungsaufschlags an die Kassen weiter. Die Patienten können die Dienste der Kinderärzte im Rahmen ihrer eCard kostenlos nützen. Grund für diese Konstruktion war der eklatante Kinderarztmangel im Raum St. Pölten. Vor zwei Jahren fanden sich sämtliche vier Kinderarztstellen im Raum St. Pölten ohne Arzt oder Ärztin. Ein Gutteil des rasanten Patientenwachstums des PVZ St. Pölten war auf genau diese Konstellation zurückzuführen: Eltern suchten mit ihren kleinen Patienten Hilfe im PVZ. Kassen und letztlich auch die Ärztekammer stimmten aufgrund der eklatanten Unterversorgung auf dem kindermedizinischen Bereich dem Pilotprojekt zu. Der erhöhte Platzbedarf wird mit Herbst des Jahres durch den Umzug in das neue Gesundheitszentrum St. Pölten in der Mathilde Beyerknecht-Straße gedeckt werden.

Erfahrung teilen

Rafael Pichler ist ein Mentor, auch wenn er sich bei diesem Begriff windet. In der jüngeren Vergangenheit wurde er immer wieder von Kollegen um Rat und Einschätzung für eine PVZ-Gründung gefragt. Es war für ihn kein großer Sprung, in das Mentorenprogramm der GÖG-Plattform www.primärversorgung.at einzusteigen. Er ist einer von gegenwärtig 14 Mentorinnen und Mentoren, die ihre Erfahrungen für Neugründer zur Verfügung stellen. Das Ziel des Programms ist der Aufbau eines Mentoring-Pools, bestehend aus Ärzten und PVE-Managern mit Erfahrung aus der Gründung. Rafael Pichler stellt dabei auch die Zahlen seines PVZs zur Diskussion. Honorarvereinbarungen können fallweise zwischen Mentor und Mentee erfolgen, falls die Beratung intensiver wird. Rafael Pichler ist das Thema Honorierung eher unangenehm. In der Regel genüge „eine gute Essenseinladung“.

Informationen unter Mentoring-Programm von www.primärversorgung.at im Mitgliederbereich. 

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