Historikerin Sabine Jesner über den Cordon sanitaire der Habsburger: „Ein Aufenthalt in freier Luft war selten“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Frau Jesner, Sie bezeichnen den Aufbau des militärischen Gesundheitswesens im Lauf der „Türkenkriege“ als Vorstufe des österreichischen Gesundheitswesens. Woran machen Sie das fest?
Sabine Jesner: Das Habsburger Reich des 18. Jahrhunderts agiert nach einer neuen Perspektive: Der Staat organisierte erstmals medizinische Prävention. Dieser Gedanke ist in seiner Zeit völlig neu. Je weiter wir in das 18. Jahrhundert hineingehen, desto manifester wird der Aufbau von Seuchenschutz und der Militärmedizin.

Was meinen Sie mit dem Begriff der „Prävention“?
Die Pest stellte in dieser Zeit eine ständige Bedrohung dar. Der Balkan und die Grenze zum Osmanischen Reich galten als ständige Gefahrenquelle für Einschleppungen. Die Einrichtung eines streng kontrollierten Cordon sanitaire von der Mittelmeer-Küste bis zur Grenze mit dem Zarenreich war eine der Konsequenzen. Der Aufbau einer ständigen Feldsanität, die Einrichtung von Krankenhäusern, die Installation einer Medizinalpolizei, die Professionalisierung der Medizinerausbildung – diese Institutionen zeugen von einem ersten Fürsorgeverständnis des Staates für seine Bürger. Das Angebot staatlicher Gesundheitseinrichtungen war die logische Konsequenz. Die Eröffnung des Josephinums 1785 als k.k. medizinisch-chirurgische Josephs-Academie zur Ausbildung von Militär- und Wundärzten war eines der Resultate. Das hat es bis dahin nicht gegeben.

Die Frühneuzeithistorikerin Sabine Jesner promovierte an der Universität Graz mit einer Arbeit über habsburgische Sicherheits- und Präventionsstrategien an der siebenbürgischen Militärgrenze. Für ihre Studien zum habsburgischen Cordon sanitaire wurde sie 2020 mit dem Johann Wilhelm Ritter von Mannagetta-Preis für die Geschichte der Medizin (ÖAW) ausgezeichnet. Die Veröffentlichung des Buches „Habsburgische Gesundheitssysteme: Die militärmedizinische Versorgung in den Türkenkriegen des 18. Jahrhunderts“ ist für 2024 geplant.

Sie haben den „Cordon sanitaire“ entlang der Grenze im Südosten der Habsburger Monarchie zu Ihrem Dissertationsthema gemacht. Was war seine Aufgabe?
Mit dem Friedensvertrag von Passarowitz von 1718 kam es zu wachsenden wirtschaftlichen Beziehungen und gesteigertem Grenzverkehr, was wiederum eine Häufung der Pestwellen mit sich brachte. Rund zehn Jahre später wurde ein Patent zur „Einrichtung eines immerwährenden Cordons“ erlassen, um die Seuche gleichsam auszusperren. Es hat dann noch einen weiteren Krieg gegen die Osmanen und fast 30 Jahre gebraucht, bis das Vorhaben umgesetzt wurde.

Wie muss ich mir diese Quarantäne­zone vorstellen?
Der Cordon sanitaire liegt in der kontrollierten Militärgrenze von der Adria bis zum Karpatenbogen. Jeder, der aus dem Osmanischen Reich einreisen wollte, musste in dieser Zone bis zu 40 Tage unter Quarantäne zubringen. Es gab Magazine und Markthallen, um die Wirtschaftsgüter aufzubewahren, dazu existierten Unterkünfte und Wohnungen, in denen die Reisenden während der Quarantäne unterkamen. An den Grenzorten waren Ärzte stationiert, die die Ankommenden in einem eigenen Visitationszimmer untersuchten. Wer ohne Symptome war, durfte in seiner Wohnung bleiben, diese aber nicht verlassen. Ein Aufenthalt in freier Luft war selten und nur unter Aufsicht möglich. Die Gruppen durften untereinander nicht in Kontakt kommen. Die Regeln galten auch für lokale Bauern, die ihre Herden über die Grenzen trieben. Sie mussten mit ihren Tieren die Quarantänezeit unter freiem Himmel absitzen. Ich bezeichne die Einrichtung des Cordon sanitaire als „neuen medikalen Raum“.

Sie weisen in Ihrer Arbeit auf die Anfänge der Veteranenbetreuung hin, die einen Brückenschlag zwischen militärischer und ziviler Fürsorge darstelle. Wie ist dies gemeint?
Es gab in diesen kriegerischen Zeiten einen ständigen Strom tausender und zehntausender Soldaten, die mehr oder weniger versehrt aus dem Krieg zurückgekommen sind. Sie hatten oft kein Zuhause, keinen Beruf und waren häufig invalid.Diese Menschen haben gebettelt und zogen von Ort zu Ort. Sie wurden als Problem wahrgenommen. Die Einrichtung der ersten Invalidenhäuser Ende der 1720er-Jahre war nach Aktenlage nicht leicht zu bewältigen. Es kam immer wieder zu Finanzierungsproblemen. Diese Häuser wurden erst durch Stiftungen führender Militärs dieser Zeit möglich. Die Staatskasse hat sich da vorerst weniger engagiert.

Wie geht es mit Ihrer Forschung der Medizingeschichte weiter?
Ich bin dabei, ein Projekt einzureichen, wo wir uns mit der Sanität in den Hafenstädten der Habsburger befassen wollen. Denn dort lagen die Anfänge der Seuchenprävention. Ich hoffe, das klappt.

Quelle:

APA Science Der Kaiser schickt Soldaten aus

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