Kinderreha: Kuscheln für alle

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Autor: Michael Krassnitzer

Die Kinder- und Jugendreha gilt als Erfolgsstory: Seit 1. November haben Eltern Anspruch auf Freistellung, um ihr Kind bei einem Reha-Aufenthalt zu begleiten. Den Reha-Standorten geht es wie allen Gesundheitseinrichtungen: Sie kämpfen mit dem Personalmangel.

Wenn sich Kinder nach schwerer Erkrankung oder Verletzung einer mehrwöchigen Rehabilitation unterziehen müssen, tun sie dies in Begleitung zumindest eines Elternteiles. Doch für viele Eltern, die im Arbeitsleben stehen, war die wochenlange Abwesenheit mit großen Schwierigkeiten verbunden. Aus Angst vor einer Kündigung nahmen viele Erziehungsberechtigte Urlaub oder Zeitausgleich, um ihren Sprösslingen bei der Reha in einer oft weit vom Wohnort entfernten Einrichtung beizustehen.

Schutz in schweren Zeiten. Seit 1. November besteht ein Rechtsanspruch der Eltern auf Begleitung der Kinder beim Reha-Aufenthalt – inklusive Kündigungsschutz.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Seit 1. November besteht ein Rechtsanspruch für Eltern zur Begleitung der Kinder beim Reha-Aufenthalt – inklusive Kündigungsschutz. Eltern müssen also nicht mehr befürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie ihr Kind bei einer länger andauernden Rehabilitation begleiten. Insgesamt vier Wochen lang können die Erziehungsberechtigten künftig ihrem Kind zur Seite stehen, wobei sich Elternteile diese Zeit aufteilen können. Im Rahmen der sogenannten Familien­rehabilitation – die etwa bei onkologischen Indikationen vorgesehen ist – haben beide Elternteile Anspruch auf eine vierwöchige Freistellung. Zugleich erhalten Eltern, die ihr Kind bei der Reha begleiten, für diesen Zeitraum Pflegekarenzgeld zur finanziellen Absicherung.

„Damit wurde ein Meilenstein für die Gesundung der Kinder umgesetzt“, freut sich Markus Wieser, Gründer und Obmann des Fördervereins Kinderreha, der sich seit vielen Jahren für eine derartige Regelung eingesetzt hat: „Eine Begleitung der Eltern beim Reha-Aufenthalt von Kindern und Jugendlichen darf nicht von finanziellen oder arbeitsrechtlichen Belangen abhängen.“ Die Neuregelung erleichtert auch die Planbarkeit für die Reha-Einrichtungen. Weil sich viele Eltern Urlaub für die Begleitung nehmen mussten, waren die Sommermonate und der Herbst, wenn viele Fenstertage anfallen, besonders begehrt. Im Rest des Jahres hingegen lag die Nachfrage nach Kinderrehabilitation deutlich niedriger.

In Österreich gibt es sechs Zentren für Kinder- und Jugendlichenrehabilitation: in Rohrbach (Oberösterreich), St. Veit im Pongau (Salzburg), Bad Erlach (Niederösterreich), Wiesing (Tirol), Gratwein-Straßengel und Wildbad Einöd (beide Steiermark). Zuletzt hat die Reha-Einrichtung in Wiesing im März dieses Jahres die Tore geöffnet. Bis zu 37 Kinder (und 22 Begleitpersonen) können am Tiroler Standort untergebracht werden, wo sie ein 50-köpfiges Team betreut. Mit der Inbetriebnahme des Rehabilitationszentrums in Wiesing wurde die letzte regionale Versorgungslücke in Sachen Kinder- und Jugendlichenrehabilitation in Österreich geschlossen. Insgesamt stehen jetzt 343 Betten in drei Versorgungsregionen zur Verfügung.

Einsatz mit Nachdruck. Der Kinder- und Jugendpsychiater Reinhold Kerbl gilt als einer der prononciertesten Kämpfer für eine verbesserte Kindergesundheit. Er ärgert sich, dass zu wenige seiner Arzt-Kollegen über die neuen Möglichkeiten der heimischen Kinder- und Jugendreha Bescheid wissen.

Spezielle Bedürfnisse

Kinder- und Jugendlichenrehabilitation wurde in Österreich lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Eine Kinder- und Jugendlichenrehabilitation, die diesen Namen verdient, wurde hierzulande erst 2016 in Angriff genommen. 2017 wurden die ersten Nachsorgezentren eröffnet, die ausschließlich auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet sind. Bis dahin mussten die jungen Patienten in eine Reha-Einrichtung für Erwachsene oder ins Ausland.

„Kinder wurden in der Rehabilitation lang behandelt wir kleine Erwachsene“, ist Reinhold Kerbl, Primar der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im LKH Hochsteiermark/Leoben und Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ), heute noch irritiert. Dabei sei klar, dass Kleinkinder ebenso wie Teenager bis 18 Jahre nach einem anderen Zugang verlangen als ältere und alte Menschen. Kinder benötigen familiäre Begleitung und die Einbindung der Eltern auch in die Therapie. Mit dem Österreichischen Strukturplan Gesundheit 2012 und dem dazugehörigen Kapitel der Kinder- und Jungendlichenrehabilitation wurde diesen speziellen Bedürfnissen Rechnung getragen.

Mehr Geld gefordert

Trotz aller Fortschritte in der jüngsten Zeit sehen die Experten noch Verbesserungspotenzial in Sachen Kinder- und Jugendlichenrehabilitation in Österreich. Beim jüngsten Finanzausgleich etwa sei die Kinder- und Jugendgesundheit ignoriert worden, kritisiert Wieser, der sich unter anderem eine Initiative gegen die immer weiter steigende Zahl psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen erwartet hatte. Nun setzt er seine Hoffnungen auf die nächste Bundesregierung; 2024 wird ja der Nationalrat neu gewählt. Der Obmann des Fördervereins Kinderreha Markus Wieser, im Hauptjob AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB NÖ-Vorsitzender, fordert gar ein eigenes Staatssekretariat für Kinder- und Jugendgesundheit im Gesundheitsministerium, das mit einer Querschnittskompetenz ressortübergreifend für die Interessen von Kindern und Jugendlichen eintreten soll. Ebenso erforderlich sei eine „Kinder- und Jugendgesundheitsmilliarde“. Wieser: „Jeder Cent, der hier investiert wird, hilft der Prävention bei Kindern und Jugendlichen und spart dem Gesundheitssystem später ein Vielfaches ein.“

Geht es nach Primar Reinhold Kerbl, dann muss die im Rehabilitationsplan 2009 festgelegte Bettenverteilung nachjustiert werden. Es hat sich herausgestellt, dass der Bedarf an pulmologischen Rehabilitationsbetten geringer ist als gedacht, während für psychiatrische und psychosoziale Rehabilitation mehr Plätze gebraucht werde, als ursprünglich veranschlagt. Die Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen hat ja in den letzten Jahren rasant zugenommen. Hinzu kommt, dass sich zwei Rehabilitationszentren – Rohrbach und Bad Erlach – infolge der COVID-19-Pandemie vermehrt auf die Rehabilitation von Long COVID bzw. Post COVID bei Kindern und Jugendlichen konzentrieren müssen.

Ein weiteres Problem ist, dass es sich unter vielen Ärzten noch nicht herumgesprochen zu haben scheint, dass es in Österreich so etwas wie Kinder- und Jugendlichenrehabilitation gibt. „Wir müssen daran arbeiten, dass sich diese Information noch weiter verbreitet“, betont der Kinder- und Jugendpsychiater. Für manche Ärzte könnte auch die Scheu vor dem Ausfüllen des Antragsformulars eine Rolle spielen, vermutet Kerbl. Diese Angst möchte er seinen Kollegen nehmen: „Das Ausfüllen des Vordruckes dauert nur ein paar Minuten“, unterstreicht er. Das zweiseitige Formular, das für alle Indikationen und alle sechs heimischen Einrichtungen gilt, bestehe hauptsächlich aus Passagen zum Ankreuzen.

Fachkräftemangel

Und dann gibt es noch ein ganz grundsätzliches Problem. „Die Rehabilitationszentren haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie das gesamte Gesundheitssystem: mit einem eklatanten Mangel an Fachkräften“, stellt Kerbl klar. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Ärzten und Pflegepersonal. Im Reha-Zentrum Rohrbach zum Beispiel fehlt derzeit ein Kinder- und Jugendpsychiater. In Wildbad Einöd gibt es keinen Kinderkardiologen mehr, sodass kardiologische Rehabilitation für Kinder und Jugendliche dort nicht mehr angeboten werden kann. Derzeit kann eine Rehabilitation für kardiologische Erkrankungen ausschließlich in Rohrbach durchgeführt werden. 

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