Andere Länder, andere Pflege – ein Reisebericht

Lesedauer beträgt 6 Minuten
Autor: Markus Golla

Viele reiche Länder fischen in ärmeren Staaten nach frischem Pflegepersonal. Dies veranlasste uns, Gesundheits- und Ausbildungseinrichtungen in Asien, Südamerika und Afrika zu besuchen, um hier einen „gemeinsamen Nenner“ in Sachen Pflege zu finden.

Abgesehen von ethischen Komponenten gibt es auch noch große Unterschiede in der Ausbildung. Gerade in den asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Ländern ist die Pflegefachkraft eher eine medizinische Assistenzkraft oder Forscherin. So übernehmen in vielen Ländern die Zu- und Angehörigen das Bereitstellen von Essen, die Unterstützung beim Essen, die Körperpflege und einige andere Tätigkeiten, die in vielen europäischen Ländern die Pflegefachkräfte durchführen bzw. unterstützen würden.

Hart an der Grenze. Auf der ganzen Welt fehlen laut WHO 14 Millionen Pflegende. Die Standards an Ausbildung und Aufgaben des Pflegepersonals sind auf der ganzen Welt sehr unterschiedlich.

Dies spiegelt sich dann auch im Verhalten der Patient:innen wieder. Da es kaum Krankenversicherungen gibt, die sich ein Normalbürger leisten kann, geht man erst ins Krankenhaus, wenn man wirklich überhaupt nicht mehr kann. Dies führt auch dazu, dass in vielen Ländern die Leute viel zu spät in die Klinik gebracht werden und man bei einem früheren Eintritt ins Spital, vielleicht einen besseren Outcome erwirkt hätte. Andere Länder wiederum lassen Patient:innen, die nicht zahlungsfähig sind, einfach so lange am Gang liegen, bis wirklich alle Arbeiten erledigt sind und man noch Zeit oder Ressourcen übrig hat. Ich erinnere mich an einen Vorfall in Indien: Ein Patient mit Schädelbasisbruch, der aber keinerlei Kreditkarte besaß bzw. Bargeld hatte, musste auf einer Liege so lange verweilen, bis man alle OPs des Tages beendet hatte. Die Bauchtücher und Instrumente der VorOP wurden kurz unter das Leitungswasser gehalten und für diesen Eingriff benutzt. So hatte das Krankenhaus wesentlich weniger Kosten. Von einem hygienischen oder ethischen Ansatz braucht man hier gar nicht reden.

Facetten der Pflege. Der Klinik-Besuch in Kathmandu, Nepal unterstrich, wie verschieden Schwerpunkte in der Pflege gesetzt werden. In dem fünfstöckigen Krankenhaus war eine (!) Flasche Desinfektionsmittel zu sehen.

Fremd- und Eigensicht

In Nepal besichtigten wir ein gehobeneres Krankenhaus. Auffallend ist hier, dass es nahezu auf keiner Station ein Desinfektionsmittel gibt. Wir haben eine (!) Flasche Desinfektionsmittel in einem 5-stöckigen Krankenhaus gesehen. Für die Pflegepersonen ist dies normaler Alltag. Über eine nosokomiale Infektionsrate oder Krankheiten macht sich hier keiner Gedanken. Assistenzberufe waren in diesem Krankenhaus nicht zu finden. Mit einem Patient:innenschlüssel von 1:7 scheinen hier alle zufrieden zu sein.

Bei einem Praktikum in Afrika werden wir schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass, wenn wir Handschuhe wollen, wir diese aus Europa mitnehmen sollen. Im Krankenhausalltag werden diese nicht benutzt. Haben wir in Europa ein anderes Hygieneverständnis oder sind wir zu hysterisch, wenn es um solche Themen geht? Die Webseiten der WHO scheinen aber doch Europa recht zu geben.

Es gibt also allein schon in der Pflege im Akutbereich grobe Unterschiede im Tagesablauf. Das Hygieneverständnis ist auch ein anderes. Zusätzlich gilt die Regel: Wer nicht bezahlen kann, der hat eben in vielen Landstrichen einfach Pech gehabt. Auch dies muss man als Pflegekraft erstmal aushalten. Direkt abgerechnet wird hier sogar oft die Tätigkeit des Blutdruck- oder Fiebermessens oder der Verbandwechsel. Wer es sich leisten kann, bekommt ein Zweibettzimmer, wer nicht, liegt in einem großen Schlafsaal, der eher an die Schwarzweiß-Bilder der europäischen Krankenhausvergangenheit erinnert. Kommt jemand aus dem Dorf im Krankenhaus zu Schaden, kann sich schon mal das halbe Dorf (Asien als auch Afrika) vor der Klinik versammeln, um den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.

Herzzerreißend. Ein Spital in Syrien. Medizinisches und pflegendes Personal am Weg zu den Patienten und im OP. Viele Kriegsopfer im Kindesalter zeigen schwerste Verbrennungen.

Pflege ist Familiensache

Doch dies ist nicht der einzige Faktor. Für viele Länder ist der Bereich der Langzeitpflege ein wesentlich kleineres Arbeitsfeld, als es bei uns in Europa ist. Die Selbstverständlichkeit der Pflege- und Wohneinrichtungen für ältere Menschen sind Resultate des westlichen Kulturverständnisses. Altenbetreuung ist Aufgabe der Familie – Pflegeheime finden wir im asiatischen Raum nur bedingt und nicht so verbreitet wie in Österreich oder Deutschland. In einer Welt, in der die Familien das Essen ins Krankenhaus bringen, ist es auch selbstverständlich, dass man sich im normalen Alltag um die alten Menschen kümmert. Familiäre Wohngemeinschaften mit mehreren Generationen sind eine Selbstverständlichkeit.

In Vietnam erlebten wir zum ersten Mal die besagte „Ehre deine Alten“-Mentalität. Hier stellt sich nicht die Frage, wohin man die Mutter gibt, wenn sie pflegebedürftig ist. Auch hier lernten wir einen besonderen Fall kennen. Ein junger Professor aus Asien, sein Bruder war Veterinärmediziner in Amerika, seine Schwester Physiotherapeutin mit eigener Ordination in Irland, musste nach einem familiären Streichholzziehen seine Karriere in Europa aufgeben, weil die Mutter in der Heimat pflegebedürftig wurde. Hier gab es kein Hinterfragen, sondern die Karriere wurde einfach ad acta gelegt. Dadurch sind Langzeitpflegeeinrichtungen für den östlichen Raum absolut ungewöhnlich. Genau deswegen gibt es hier kaum Biographiearbeit, Bezugspflege oder ähnliche wichtige Komponenten, auf die wir in Europa unsere Pflege aufgebaut haben. Zumindest konnten wir sie in den Reisen der letzten fünf Jahre nicht finden. Der Hauptfokus liegt ganz klar auf medizinischen (Hilfs)Tätigkeiten.

Hauskrankenpflege oder Community Care findet in den besuchten Ländern entweder in einem Community Center oder im Krankenhaus statt. Hausbesuche macht hier maximal der Hausarzt, wenn dies überhaupt passiert, und auch hier gilt dies nur für Menschen, die das Ganze auch bezahlen können. Dies wirkt auf unseren Reisen aber gar nicht mehr so befremdlich, wie es sich anhört. In den meisten Ländern kümmert man sich um sein Umfeld und dies mit einer Selbstverständlichkeit, die uns zum Nachdenken bringt. Sollten wir vielleicht dies in unserer Gesellschaft öffentlich diskutieren, anstatt unseren Pflegebedarf dauernd mit anderen füllen zu wollen?

Hoch angesehen. Das Gesundheitssystem genießt in Vietnam einen hohen Stellenwert. Altenpflege ist dabei eine streng familieninterne Angelegenheit.

Noch komplexer wird es für die nostrifizierenden Stellen durch die unterschiedlichen Ausbildungsinhalte im Ursprungsland. Viele der Länder haben nur eine Empfehlung, wie eine Pflegeausbildung aussehen sollte. So kann es passieren, dass viele Pflegekräfte aus einem Land 2.000 Praktikumsstunden vorweisen können und man zwei Städte weiter dieselbe Ausbildung mit 350 Praktikumsstunden absolvieren kann. Dann wären da noch die Unterschiede in den Stundenangaben. Während die Ausbildungsstunde in einem Land 60 Minuten bedeutet, wird in der Nebenprovinz die Ausbildungsstunde mit 45 oder sogar 30 Minuten gerechnet. Die Vergleichbarkeit wird zur arbeitszeitfüllenden Herausforderung.

Wie passt dies dann mit unserer Erwartungshaltung zusammen, Pflegekräfte aus anderen Ländern in unserem System unterzubringen? Können Personen, die so ausgebildet und sozialisiert werden, überhaupt in unseren Gesundheitseinrichtungen zurechtkommen? Das der Wille hierzu vorhanden ist, will natürlich niemand absprechen. Doch die Barriere der Sprache, vermischt mit unserer Erwartungshaltung, macht dieses Unterfangen sicherlich nicht zu einer einfachen Angelegenheit. Da wurde von den klimatischen Unterschieden oder der „grantigen“ Art des Österreichers noch gar nicht gesprochen.

Zu guter Letzt möchte wir noch ein anderes Phänomen weitergeben, welches wir auf unseren Reisen erleben durften. In vielen Ländern gab es einen ausgeprägten Berufsstolz und eine Berufshaltung, die man in Europa erst suchen muss. Ist dies der Grund, warum der Pflegeberuf in vielen Ländern ein hohes Ansehen hat?

Wir haben diese Reisen begonnen, um für unsere Ausbildung und die Situation in Österreich Lösungen und Ideen zu erhalten, doch bei jeder Heimkehr hatten wir mehr Fragezeichen im Gepäck als vorher.

Eines können wir jedoch sagen: Pflege ist vielfältig, Pflege ist weltweit so bunt, wie die Kulturen, in denen wir sie besucht haben. Genau diese Vielfalt ist es, die es doch ein wenig komplexer macht, als sich so mancher Politiker oder Agenturen für eine europäische Lösung wünschen. Wir werden natürlich weiterreisen, um diesen Blumenstrauß an Unterschieden weiterhin zu begutachten. 

Prof.(FH) Markus Golla, MScN, BScN ist Institutsleiter für Pflegewissenschaft an der IMC FH Krems, Studiengangsleiter an drei Standorten sowie diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger. Seit 2015 ist Golla auch Herausgeber der Fachmagazine „Pflege Professionell“, „Lehren und Lernen im Gesundheitswesen“ und „Pflegende Angehörige“.

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