Starker Trend zu ambulanter Reha

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Autor: Michael Krassnitzer

Die ambulante Rehabilitation wird in Österreich massiv ausgebaut. Kassen und Betreiber reagieren damit auf veränderte Lebensgewohnheiten und wachsende Bedürfnisse der Patienten. Die begleitenden Therapiephasen festigen den Heilungserfolg.

Rehabilitation ist ein zentraler Bestandteil jedes Heilungsprozesses – aber in vielen „Patient Journeys“ oft noch ohne den gebührenden Stellenwert. Dabei ist das Ziel jeder Rehabilitationsmaßnahme nicht nur die Beseitigung von Folgen einer akuten Erkrankung, die Linderung chronischer Erkrankungen und die Vermeidung von Spätfolgen, sondern auch die Wiedereingliederung in das berufliche und soziale Leben. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Reha-Programme ausschließlich stationär angeboten. Die Patienten müssen für Wochen in einer Reha-Einrichtung einchecken. Für viele ist das keine Option. Nicht jeder kann für drei bis sechs Wochen von Arbeit und Wohnort fortbleiben. Gründe dafür sind Angehörige, die gepflegt werden müssen, oder Haus- bzw. Nutztiere, um die man sich kümmern muss. Es ist auch eine Frage des zunehmenden Individualismus, die wochenlange Aufenthalte unbeliebt macht: „Wir sind mit einer Generation konfrontiert, die sich nicht mehr ohne weiteres auf eine mehrwöchige stationäre Rehabilitation einlässt“, erklärt der Chefarzt der Pensionsversicherungsanstalt PVA Martin Skoumal.

Mittlerweile jedoch erhalten Patienten ein Alternativangebot, wenn sie keine stationäre Rehabilitation in Anspruch nehmen können oder – über die stationäre Reha hinaus – weitere Therapien benötigen: Die PVA als Hauptbezahler sämtlicher Rehabilitationsprogramme setzt in den letzten Jahren verstärkt auf das Konzept der ambulanten Reha, die in den persönlichen Alltag integriert werden kann. „Der Vorteil der ambulanten Rehabilitation ist, dass sie wohnortnahe und familienfreundlich erfolgt und auch berufsbegleitend durchgeführt werden kann“, erklärt Michael Fischer, Ärztlicher Direktor des Rehazentrums Kitzbühel, das von der VAMED betrieben wird. Ein weiterer Grund, warum die ambulante Reha boomt: Sie kommt die PVA deutlich billiger. Die Pensionsversicherung spart in der ambulanten Rehabilitation rund ein Drittel der Kosten ein. So hoch ist circa der Anteil von Unterkunft und Verpflegung an einem stationären Therapieprogramm.

Berufsbegleitend. Bis zum Jahr 2025 besteht ein Bedarf von österreichweit rund 26.600 jährlichen ambulanten Rehabilitationsverfahren der Phase 2. Geldwerter Vorteil: Ambulante Therapien sind deutlich billiger als stationäre Programme.

Ausbau der Strukturen

Folglich werden in Österreich die Strukturen für ambulante Rehabilitation sukzessive ausgebaut. Laut dem vom Dachverband der Sozialversicherungsträger in Auftrag gegebenen Rehabilitationsbericht 2020 besteht bis zum Jahr 2025 ein Bedarf von österreichweit rund 26.600 jährlichen ambulanten Rehabilitationsverfahren in der ambulanten Phase‐2‐Rehabilitation (siehe Kasten). Zum Vergleich: Im stationären Bereich beträgt der Bedarf im gleichen Zeitraum zirka 11.300 Betten. Trotz Ausbau der ambulanten Strukturen bleibt die stationäre Reha unverzichtbar: für Patienten, die – nicht zuletzt aufgrund ihrer Erkrankung – nur eingeschränkt mobil sind, sich nicht selbst versorgen können oder die der Pflege bedürfen. Außerdem bietet die stationäre Rehabilitation den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass der Patient aus seinem Alltag gerissen wird. Vieles von dem, das ein Patient täglich zu Hause erledigen muss, ist für den Gesundungsprozess hinderlich.

Rehabilitationsmaßnahmen finden in sieben medizinischen Bereichen statt: Orthopädie, Neurologie, Psychosomatik/psychische Gesundheit, Onkologie, Stoffwechsel, Kardiologie und Pulmologie. „Bei der Rehabilitation geht es nicht um die Diagnose, sondern um andere Fähigkeiten des Patienten wie etwa die Mobilität“, unterstreicht Fischer. Rehabilitation umfasst – je nach Indikation – neben der laufenden ärztlichen Betreuung auch z.B. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychologie, Psychotherapie, Diätologie, Physikalische Therapie sowie Schulungen und Beratungen.

Grundsätzlich wird Rehabilitation in drei Phasen eingeteilt: Phase 1 ist die Frühmobilisation im Krankenhaus nach einem Akutereignis. Die Phase 2 beginnt idealerweise direkt im Anschluss an einen stationären Krankenhausaufenthalt, einen Unfall oder einer bestehenden chronischen Erkrankung. Zu Beginn einer ambulanten Rehabilitation legt der betreuende Mediziner gemeinsam mit dem Patienten die individuellen Ziele der Rehabilitation fest. Abhängig von der Art Rehabilitation werden die Therapieeinheiten entweder in einem Zeitraum von sechs Wochen an drei bis vier Tagen pro Woche festgelegt. Die Phase 3 dient der Stabilisierung der in der Phase 2 erreichten Effekte sowie der langfristigen positiven Veränderung des Lebensstils. Eine Maßnahme der Phase 3 wird über drei bis zwölf Monate an ein oder zwei Tagen pro Woche durchgeführt.

Erfolgreich, aber starr. Michael Fischer ist Ärztlicher Direktor des Rehazentrums Kitzbühel.
Er ärgert sich über die vorgegebenen Behandlungspakete. Ein Schlaganfallpatient
erhält eine Abfolge an Therapien – unabhängig davon, ob er sie braucht oder nicht.

30 Minuten vom Wohnort

Unter ambulanter medizinischer Rehabilitation versteht man all jene Rehabilitationsangebote, die nicht mit einer Übernachtung verbunden sind. Die infrage kommenden Patienten müssen ausreichend mobil sein und auch die häusliche Versorgung muss sichergestellt sein. Einrichtungen der ambulanten Reha dürfen maximal 30 Minuten vom Patientenwohnort entfernt sein – andernfalls ist eine Zuweisung nicht möglich. Der Zeitraum der Durchführung hingegen kann der individuellen Situation des Patienten angepasst werden.

Zentral ist auch die Bereitschaft der Patienten, aktiv mitzumachen. Die Motivation der Patienten wird bereits bei der Aufnahme geklärt. In der Regel nehmen Patienten gerne an den Programmen teil. „Der Anteil vollständig absolvierter Maßnahmen in der ambulanten Rehabilitation ist aus diesem Grund ebenfalls sehr hoch“, heißt es in Unterlagen der VAMED. Die Patienten setzen in der Therapie viele Schritte, die sie unmittelbar in ihren Alltag integrieren können. Dies erhöht die Chance, dass die Rehabilitationsmaßnahme nachhaltig wirkt.

In einer ambulanten Rehabilitation werden grundsätzlich die gleichen Fachrichtungen behandelt wie bei einer stationären Rehabilitation. Eine Ausnahme bildet die neurologische Rehabilitation: Diese ist nur stationär möglich, weil die betroffenen Patienten in der Regel stärker physisch und kognitiv eingeschränkt sind.

Der Rehabilitationsbericht 2020 zählt für die ambulante Reha eine Reihe von Zielen auf:

– stärkere Aktivierung des Selbsthilfepotenzials durch Einbeziehung der Lebenswelt (Familie, Alltagsbelastungen, Arbeitswelt)
– Förderung der (Re-)Integration in das Wohnumfeld
– Verkürzung von Arbeitsunfähigkeit, insbesondere durch gleichzeitige stufenweise Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess
– verbesserte Kooperation mit Nachsorgeeinheiten (Rehabilitationssport, Funktionstraining, Kontaktanbahnung zu Selbsthilfegruppen, Kooperation mit niedergelassenen Ärzten),
– Nutzung der Ressourcen vorhandener mobiler Pflege- und Sozialdienste

Während die Phase 2 der Rehabilitation stationär oder ambulant durchgeführt werden kann, ist die Phase-3-Reha ausschließlich als ambulante Therapie vorgesehen. Dass diese Phase meist ein Jahr lang dauert, hat einen Riesenvorteil: „Man fällt nicht in den alten Trott zurück. Was der Patient in der Rehabilitation lernt, geht auf diese Weise leichter dauerhaft in den Alltag über“, bekräftigt Fischer. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass diese Form der Rehabilitation nachhaltig ist und die meisten Patienten danach stabil bleiben. Ohne Phase 3 verschlechtere sich der Zustand einiger Patienten nach absolvierter Rehabilitation wieder, erklärt Fischer, der auch als Forscher auf dem Gebiet der Rehabilitation tätig ist. Er leitet das Ludwig-Boltzmann-Institut für Rehabilitation Research. Diese außeruniversitäre Forschungseinrichtung evaluiert Therapieprogramme und therapeutische Anwendungen. „Dieses Wissen kommt dann den Patienten zugute“, bekräftigt der Mediziner.

Ziel: maßgeschneiderte Reha

Der Inhalt der Reha-Programme ist von der PVA detailliert vorgegeben. Im Vorjahr versuchte die PVA zusammen mit ihren Vertragspartnern, neue Leistungsprofile einzuführen, die mehr Flexibilität zulassen. „Ziel war es, mehr in Richtung maßgeschneiderte Reha zu gehen, wo man sich auf die konkreten Defizite des Patienten konzentrieren kann“, erklärt Fischer. Ein Beispiel: Schlaganfallpatienten bekommen grundsätzlich eine logopädische Therapie – obwohl es einen gewissen Prozentsatz von Schlaganfallpatienten gibt, die keine Sprach- oder Sprechstörungen aufweisen. Das ins Auge gefasste neue Leistungsprofil hätte es ermöglicht, dass der Patient stattdessen eine andere, für ihn sinnvollere Therapie erhält. Allerdings konnten sich PVA und die Wirtschaftskammer zu keiner Einigung durchringen. Heuer starten die entsprechenden Verhandlungen neu. „Ich würde mir auf jeden Fall mehr Flexibilität wünschen“, unterstreicht Rehazentrum-Direktor Fischer und fügt hinzu: „Ich finde es toll, dass sich die Rehabilitation in Österreich weiterentwickelt und es nun zusätzliche Angebote gibt. Insgesamt hat die Rehabilitation in Österreich einen höheren Stellenwert als früher – und das ist eine gute Entwicklung.“

Interessanterweise ist die ambulante Rehabilitation vom allgemeinen Fachkräftemangel weniger stark betroffen als andere Bereiche des Gesundheitswesens. Das liegt daran, dass die neuen ambulanten Strukturen – wegen der geforderten Wohnortnähe – vor allem in Ballungsgebieten errichtet wurden. Und dort fällt es leichter, Mitarbeiter zu akquirieren. „In Kitzbühel ist es um einiges schwieriger, Ärzte, Krankenschwestern oder Therapeuten zu bekommen, als in Innsbruck“, bringt Fischer ein Beispiel aus seinem Bundesland. Klassische Reha-Zentren mit ausschließlich oder vorwiegend stationären Reha-Angeboten haben es da schwerer: Sie sind traditionellerweise in ländlichen Gebieten angesiedelt, wo Fachkräfte
rar sind.  

Die drei Phasen der Rehabilitation

Phase 1: Der Start in der Klinik
Die Frühmobilisation im Akutkrankenhaus regt die Blutzirkulation an und beugt Thrombosen, Lungenentzündungen oder Wundliegen vor. Körper und Kreislauf werden angeregt und Patienten bleibt der Gleichgewichtssinn erhalten. Betroffene, die sich nicht mobilisieren, verlieren Muskelmasse und damit Kraft, was später zu einem längeren Krankenhausaufenthalt und einer längeren Rehabilitation führt.

Phase 2: Wiedererlangen von Gesundheit und Lebensqualität
Die Rehabilitation der Phase 2 ist häufig im Anschluss an eine Operation oder einen Unfall sinnvoll. Sie wird auch durchgeführt, um beispielsweise tumorbedingte Beeinträchtigungen im Alltag zu verbessern oder um zu verhindern, dass sich chronische Erkrankungen verschlechtern. Dazu gibt es stationäre und ambulante Porgramme.

Phase 3: Nachhaltig im Alltag
Zur weiterführenden Stabilisierung der bisher erzielten Reha-Erfolge oder falls die Reha-Ziele noch nicht vollständig erreicht wurden, sieht der Reha-Plan eine weiterführende Phase 3 Rehabilitation vor. Sie erfolgt immer ambulant und kann sehr gut neben der Berufstätigkeit durchgeführt werden.

Quelle: Vinzenz-Gruppe. Die Rehabilitations-Forschung kennt  weitere Mehrphasen-Modelle

Quellen und Links:

Rehabilitationsbericht 2020

Ludwig-Boltzmann-Institut für Rehabilitation Research

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