Medikamentenengpass: Die Schwachstellen der Globalisierung

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Autor: Josef Broukal

Der Medikamentenengpass ist eines der sichtbarsten Symptome für überstrapazierte Lieferketten. Ein neues Forschungsinstitut soll den logistischen Verwerfungen auf die Spur kommen.

Gezählte 337 Medikamente waren Anfang März in Österreich „nicht verfügbar“, meldet das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen. Weitere 235 Medikamente gäbe es nicht in jeder Apotheke – sie sind bloß „eingeschränkt verfügbar“. Die Ursache: Seit Corona und Ukraine-Krieg die Welt in Atem halten, klappen eingespielte Geschäftsbeziehungen nicht mehr. Unternehmen in aller Welt warten auf Rohstoffe. Können nichts erzeugen, weil diese fehlen – Lockdowns und Massenerkrankungen zwingen eingespielte Lieferketten in die Knie.

Die scheppernden Logistikketten bereiten Sorge. Wirtschaftsminister Martin Kocher stellte eine Gruppe von 15-20 Wissenschaftlern zusammen, die sich auf die Suche machen soll, wo es in Sachen „Supply Chain“ hakt – und was zu tun wäre, um zum Beispiel bei Medikamenten jene Engpässe zu vermeiden, die uns jetzt gerade so quälen. Der organisatorische Rahmen: das „Supply Chain Intelligence Institute Austria“, kurz ASCII. Gerade neu gegründet und mit Geld für fünf Jahre Forschung ausgestattet. Chef des Ganzen: Peter Klimek, Wissenschaftler des Jahres 2021, wichtiger Berater der Bundesregierung in Sachen Covid-19-Pandemie. Im Hauptberuf ist Klimek Komplexitätsforscher – also jemand, der gewohnt ist, sich durch Datenberge durchzukämpfen. Und zu erkennen, was wie warum wovon abhängt.

Das neue Institut ist breit aufgestellt: Neben dem Wirtschaftsministerium und dem Land Oberösterreich als Fördergeber ist auch das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO an Bord, die „Fachhochschule Oberösterreich“, der Verein „Netzwerk Logistik Österreich“ und der Complexity Science Hub, wo Klimek wissenschaftlich tätig ist. Präsident des ehrenamtlichen Vorstands ist WIFO-Chef Gabriel Felbermayr. Dem Beirat sitzt Infineon-CEO Sabine Herlitschka vor.

Graben nach den Ursachen. Das „Supply Chain Intelligence InstituteAustria“ will nach den Gründen für Brüche in den globalen Lieferketten suchen.

Erstes Thema: Medikamentenmangel

Da ist also viel an Kraft und Sachverstand an Bord. Wohin soll die Reise gehen? An erster Stelle steht Ursachenforschung in Sachen Medikamentenmangel, sagt Peter Klimek im Gespräch mit der ÖKZ: „Wir wollen zunächst einmal erforschen und verstehen, wie sich da die strategischen Abhängigkeiten darstellen und entwickeln. Da geht es einerseits um die großen internationalen Händler. Aber es geht auch darum, wie die Spitäler in Österreich ihre Medikamente einkaufen.“ Die Lieferketten-Problematik werde oft auf der Ebene einzelner Unternehmen betrachtet – also was fehlt einer Firma konkret an Rohmaterialien und Vormaterial, etwa Computer-Chips. Was aber fehlt, sei der strategische Überblick, die Makro-Ebene. Auch bei Medikamenten. Da kenne man seinen Lieferanten, vielleicht noch dessen Lieferanten, aber je weiter zurück man schaut, desto nebuloser werde die Sache.

Was das Herstellen von Medikamenten betrifft, habe sich Europa in den letzten Jahrzehnten ent-industrialisiert, sagt Klimek. An der Oberfläche sehe es dennoch so aus, als würde es ohnedies viele internationale Händler geben. In Wahrheit aber kauften die bei wenigen Firmen in Indien und China ein. Hier brauche es einen Überblick bis an die Quelle der einzelnen Medikamente – und den wolle das ASCII geben. Engpässe treten jedoch auch bei Medikamenten auf, die nach wie vor in Europa oder sogar in Österreich in größerem Stil produziert werden. Auch marktwirtschaftliche Aspekte müssen daher berücksichtigt werden – also die Frage, ob die Konzerne nicht lieber dorthin liefern, wo sie mehr verdienen können.

Logistikketten sind auch komplex. Der frisch berufene Institutsleiter Peter Klimek hat die Mangelanalyse bei Medikamenten ganz oben auf seine To-do-Liste geschrieben.

Ergebnisse werden frei verfügbar sein

Durch die gesicherte Finanzierung ist das Supply Chain Intelligence Institute Austria nicht angewiesen, seine Studien teuer zu verkaufen. Was am ASCII erforscht wird, soll für die breite Öffentlichkeit frei verfügbar sein. „Wir wollen für die Industrie relevant sein, und für die Politik“, sagt Klimek. Deshalb werde man erforschen, warum Unternehmen bei wem einkaufen. Welche Engpässe es für sie gibt. Da wolle man beraten und helfen. „Aus der Unternehmens-Perspektive mitdenken“, nennt Klimek das. Man sehe sich als Ansprechpartner für Unternehmen, die mehr über ihre Lieferketten wissen wollen.

Als Ratgeber für die Politik wolle man Ergebnisse erzielen, aus denen sich Impulse für die Handels- und die Industriepolitik ableiten ließen. Konkret beim Thema Medikamente: Muss man da an Bevorratung denken? Soll man Medikamente in Österreich verkaufen dürfen, schon weil sie in anderen Staaten zugelassen sind – oder braucht es in jedem Fall ein Zulassungsverfahren? Hier wolle man Grundlagen für evidenzbasierte Entscheidungen liefern. Kurz gesagt: Man werde für die Unternehmen da sein, für die Politik und für die ganze Gesellschaft.

Vor etwa zwei Jahren hat Peter Klimek zum ersten Mal öffentlich beklagt, wie wenig Daten es über das Gesundheitssystem in Österreich gibt. Ist das nicht auch eine „Lieferkette“, die es zu untersuchen und zu ändern gilt? Stimmt, sagt Klimek. Wenn die öffentliche Hand nicht die Daten aller am Gesundheitssystem Beteiligten bekommt, habe sie ein Problem. Klimek hofft auf den geplanten Europäischen Gesundheitsdatenraum. Der werde hoffentlich auch in Österreich so umgesetzt, wie das angedacht ist.

Der österreichischen Politik, sagt Klimek, werde die Arbeit seines Instituts auch helfen, in der EU eine gewichtige Stimme zu haben. Das Thema Lieferketten sei in Wahrheit ein europäisches, ja ein globales Thema. Österreich sei bloß ein kleiner Knotenpunkt in den internationalen Netzwerken. Aber durchaus mit eigenen Stärken, etwa bei der Chip-Industrie. Nur den österreichischen Tellerrand zu betrachten, mache wenig Sinn.

Profis gesucht

Das Supply Chain Intelligence Institute Austria werde im Vollausbau etwa 15 bis 20 ganztägige Beschäftigungen bieten. Bei Teilzeit sei die Zahl der Mitarbeiter natürlich größer. Gesucht werden Personen, die Know-how in der Datenanalyse und der Mathematik mit betriebs- und volkswirtschaftlicher Expertise verbinden. „Solche Leute wachsen natürlich nicht auf den Bäumen“, sagt Klimek. Da werde man sich auch international umschauen müssen …

Aber damit nicht genug: Wenn das Institut bezahlte Forschungsprojekte an Land ziehe, werde man befristet zusätzliche Personen beschäftigen können. Nur so könne das Ziel erreicht werden, mit dem Thema Lieferketten schneller, effizienter und evidenzbasierter umgehen zu können. „Das wollen wir natürlich über die derzeit konkret finanzierten fünf Jahre hinaus aufbauen“, sagt Klimek.

Seine Arbeit am Complexity Science Hub und an der Medizin-Universität Wien wird Klimek deutlich reduzieren, aber nicht aufgeben: „Wir haben nach wie vor viele Herausforderungen im Bereich Medizin und Gesundheit – und jede Menge Fragestellungen und Probleme. Vor der Covid-Pandemie habe ich mich auch schon mit Versorgungsfragen in der Gesundheit beschäftigt. Dieses Thema ist natürlich jetzt in den Vordergrund gerückt.“ 

Das soll das ASCII leisten

Das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) setzt sich auf dem Gebiet der Lieferketten- und Resilienzforschung folgende Ziele:

– Faktenbasierte Unterstützung der Wirtschaftspolitik in Österreich und in der EU in Fragen zu Lieferketten und Produktionsnetzwerken

– Unmittelbare und praxisorientierte Wissenserzeugung im Bereich von Wertschöpfungsnetzwerken, Veränderungsprozessen und ihrer Integration in den volkswirtschaftlichen Kontext

– Erhöhung des methodischen Wissens zur Bewältigung der Komplexität und Dynamik von Wertschöpfungsnetzwerken

– Internationale Ausrichtung der Ausbildung der nächsten Generation
– Hoher Wirkungsgrad der Ergebnisse durch die inhärente Beteiligung von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft

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