Entwicklungen wie Touchscreens werden für blinde oder sehbeeinträchtigte Menschen zur Sackgasse. Die Digitalisierung baut am Weg zur Barrierefreiheit neue Hürden auf.
Die Digitalisierung bringt für blinde oder sehbehinderte Menschen in vielen Fällen Unterstützung und Hoffnung. Wenn Barrierefreiheit aber nicht zu Ende gedacht wird, erweist sich der technische Fortschritt als unüberwindbares Hindernis. Ein paar Beispiele.

Stimmgesteuert. Touchscreens sind für sehbeeinträchtigte Menschen praktisch unzugänglich. Viele Smartphone-Apps werden daher mit stimmengenerierenden Funktionen unterlegt. Aber nicht immer funktionieren diese Hilfsmittel.
Versteckte barrierefreie Gebrauchsinformationen: Seit dem 31.12.2020 müssen Gebrauchsinformationen für Arzneimittel als barrierefreies PDF zur Verfügung stehen. Es kann aber vorkommen, dass das hinterlegte PDF barrierefrei ist, die Nutzung der Datenbankrecherche aber nicht. „Bessere Ergebnisse erziele ich, wenn ich per Webbrowser in einer Suchmaschine nach Medikamenten suche“, so Eva Papst, ehemalige Leiterin des Braille-Zentrums des Bundes-Blindeninstitutes im Ruhestand.
Die Sache mit dem Datenschutz: Franz Kirnbauer ist von Geburt an blind. In seiner aktiven Zeit in der VAEB wurde er oftmals intern zum Testen von Websites herangezogen. Er kritisiert Pop-ups wie Datenschutzerklärungen und Cookies. „Wenn ich alles akzeptiere, funktioniert dies meist barrierefrei. Wenn ich die Cookies auswählen will, hört die Barrierefreiheit schnell auf.“
Bezahlen ja, Auswahl nein: Franz Kirnbauer ist beruflich viel unterwegs. Er findet auf seinen Reisen Getränke- oder Snackautomaten vor, bei denen zwar der Bezahlvorgang, nicht aber die Produktauswahl mit Sprache unterstützt wird. Er fragt sich, wie er denn wissen solle, welches Produkt der Automat anbiete.
eMedikation – ein Erfolg: Für blinde oder sehbehinderte Menschen sind Wege im öffentlichen Raum nicht ganz ungefährlich, wie tragische Unfälle in U-Bahnen immer wieder zeigen. Daher wird das eRezept sehr gerne angenommen. „Es nimmt mir den Weg zum Arzt ab und das ist eine echte Erleichterung“, sagt Franz Kirnbauer.
Touchscreens sind unüberwindbar: Ein berührungsempfindlicher Bildschirm stellt für blinde Menschen eine unüberwindliche Hürde dar. Technische Hilfsmittel wie VoiceOver und Talkback sind auf Apps des Betriebssystems Android aber häufig nur unzureichend implementiert. Franz Kirnbauer sagt dazu: „Ich bleibe beim iPhone, weil ich mir sicher sein kann, dass Apps funktionieren. Bei Android weiß man das nie so genau.“ Touchscreens im Haushalt, ob bei der Waschmaschine, bei Herd oder Heizung – können nur manchmal sprechen. Oft machen sie keinen Mucks. Findige Start-ups sollen dies schon vereinzelt als Nachrüstung anbieten. Einfacher wäre es, bei Tasten zu bleiben, die sind auch ohne viel Technik für Blinde bedienbar, meint Kirnbauer.
Wann bin ich nun dran? Auch in einem Diagnose-Institut zogen mit der modernen Technik neue Barrieren ein: „Beim Eingang muss man irgendwo eine Nummer ziehen“, sagt Eva Papst. „Zum einen finde ich blinde Patientin den Automaten nicht, zum anderen kann ich die Nummer nicht lesen. Und die Anzeige, wann ich dran bin, auch nicht. Das Personal umschifft dieses Problem perfekt. Ich werde zum Schalter gerufen, man füllt für mich das Formular aus und zeigt mir einen Sitzplatz.“ Die Digitalisierung helfe sicher in vielen Bereichen, schaffe aber auch ganz neue Barrieren, die ohne menschliche Hilfe zu Problemen führen können. Eva Papst zieht ein Fazit: „Die Notwendigkeit von Barrierefreiheit hat sich herumgesprochen, auch wenn die Umsetzung noch hinterherhinkt.“ Optimaler liefe es, wenn von Anfang an Tester aus der Zielgruppe der blinden oder sehbehinderten Menschen mit ins Boot geholt werden würden.

