Karlheinz Christian Korbel ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut und seit 2019 Ärztlicher Direktor im Landesklinikum Mauer. Im ÖKZ-Brennpunkt-Interview spricht er über die NÖ Landesausstellung und wie diese im laufenden Klinikbetrieb umgesetzt wird.
Im März wurde die NÖ Landesausstellung im Landesklinikum Mauer eröffnet. Sie sind der Ärztliche Direktor des Hauses. Wie kommt man auf die Idee, ein Event mit hunderttausenden Besuchern in einem laufenden Klinikbetrieb zu organisieren?
Karlheinz Christian Korbel: Ich bin nach den vielen Vorarbeiten schon müde, bevor es überhaupt begonnen hat. Die Idee gibt es aber schon seit sieben, acht Jahren. Die Landesausstellung ist ein breit getragenes Projekt von 31 Gemeinden, stark getrieben von der Bürgermeisterin von Oed-Öhling. Dabei wurde das Klinikum als zentraler Standort definiert. Aber jetzt haben wir es geschafft.

Karlheinz Christian Korbel (63), Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut, ist seit 2019 Ärztlicher Direktor im Landesklinikum Mauer. Zuvor leitete der gebürtige Wiener von 2005 bis 2013 die Region Mostviertel des Psychosozialen Dienstes der Caritas St. Pölten. Korbel ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und fungiert zudem als Suchtgiftbeauftragter des Landes Niederösterreich.
Das Thema ist für eine Landesausstellung ungewöhnlich: „Wenn die Welt Kopf steht – psychische Gesundheit im Wandel der Zeit“ Kommt da der Einfluss des Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie zum Tragen, der Sie ja auch sind?
Das Thema ist aus mehreren Überlegungen heraus entstanden. Ein wesentlicher Ausgangspunkt war die besondere Architektur des Standorts: Das Klinikareal ist eines der größten zusammenhängenden Jugendstil-Ensembles Europas, mit einer Geschichte, die bis ins Jahr 1902 zurückreicht. Und es war mir ein Anliegen, die Psychiatrie stärker in die öffentliche Diskussion zu bringen. Wenn man die Tore öffnet und hunderttausende Besucher einlädt, ist das in gewisser Weise die maximale Form der Öffnung. Aber ja: Die Entscheidung für dieses Thema war durchaus mutig – auch seitens des Landes.
Psychische Gesundheit ist ein abstraktes Thema. Wie wird das für Besucher greifbar?
Die Ausstellung wurde bewusst nicht von Medizinern, sondern von Menschen aus dem Kulturbereich entwickelt. Es geht daher nicht um eine klassische Wissensvermittlung, sondern um einen künstlerischen und thematischen Zugang. Gezeigt werden Objekte, Bilder und Arbeiten – darunter auch Werke von Patienten sowie historische Exponate aus der Psychiatrie. Das Ziel ist, unsere Besucher empfänglich für das Thema zu machen.
Sie erwarten rund 200.000 Besucher. Gleichzeitig läuft der Klinikbetrieb weiter. Wie kann das funktionieren?
Das war eine der größten Herausforderungen. Für uns war von Anfang an klar: Der Schutz der Privatsphäre von Patienten und Bewohnern hat oberste Priorität, ebenso wie ein reibungsloser Arbeitsablauf für die Mitarbeiter. Zentral ist, dass ausschließlich Gebäude genutzt werden, in denen kein Patientenverkehr stattfindet. Dafür wurde etwa die Verwaltung aus dem Hauptgebäude ausgelagert und in andere, bereits adaptierte Bereiche übersiedelt. Die frei gewordenen Räume wurden renoviert und für die Ausstellung vorbereitet. Ein wesentlicher Bestandteil ist ein geführter Rundweg über das Gelände. Die Besucher werden gezielt gelenkt. So lassen sich Berührungspunkte mit dem klinischen Alltag weitgehend vermeiden.
Das Landesklinikum Mauer hat eine belastete Geschichte als Standort der NS-Medizinverbrechen. Wie geht man heute damit um?
Das ist eine schlimme Sache. In der NS-Zeit war der Standort Mauer als Teil eines Netzwerkes an den NS-Medizinverbrechen beteiligt. 2848 Menschen wurden deportiert und ermordet oder kamen in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt ums Leben. Ein eigener Ausstellungsbereich im Haus 18, das nicht von Patienten genutzt wird, widmet sich diesem Thema. Der Rundweg führt bis zum Friedhof, wo eine dauerhafte Gedenkstätte entsteht. Entlang dieses Pfades informieren Stationen über die Geschichte und den Ort. Wir wollen so Erinnerung und Einordnung verbinden.
Was bleibt von der Landesausstellung übrig?
Ein Teil der Ausstellung wird nach November 2026 wieder zurückgebaut. Aber viele Maßnahmen sind fix. Gebäude wurden saniert, statisch ertüchtigt und barrierefrei gemacht und können künftig wieder für den Klinikbetrieb genutzt werden. So entstehen neue Werkstätten für Patienten, während die Verwaltung in modernisierte Räume zurückkehrt. Und es bleibt viel von der neu geschaffenen Infrastruktur erhalten: Der kuratierte Rundweg dient künftig als Orientierung am Gelände. Im Bereich zur NS-Geschichte entsteht ein dauerhafter Lern- und Gedenkort mit Ausstellungs- und Vermittlungsräumen. Unser Landesklinikum wird lange profitieren.

