In stabiler Schieflage

Lesedauer beträgt 2 Minuten
Autor: Norbert Peter

Bekenntnisse eines Leidenden. Eine Satire von Norbert Peter.

Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen!“ – dieser Satz stammt von George Santayana, dem spanischen Philosophen: Er kommt mit einer Klarheit und Wucht, die man schon so für sich stehen lassen kann. Aber ich will, dass alle Leserinnen und Leser nicht nur aus der Geschichte lernen, sondern auch aus dieser Kolumne. Sonst wären sie verdammt, sie noch einmal zu lesen.

Es braucht nicht die griechische Antike, es reicht, wenn wir uns in den Hochsommer des Jahres 2026 zurückversetzen. Historische 41 Grad Celsius im Schatten erlauben mir, der leider oft auf das Phänomen eines Hypochonders reduziert wird, aus all meinen Emotionen zu schöpfen. Und siehe da: Meine Psyche meinte, es wäre an der Zeit, eine gewisse Panik zu entwickeln. Der menschengemachte Klimawandel wirkt leider durch die menschengemachte Unentschlossenheit, die richtigen Schritte dagegenzusetzen, noch bedrohlicher.

Mit dieser Mischung aus Angst, Depression und Verwirrung machte ich mich auf den Weg in die Klinik meines Vertrauens. Ich war mir sicher, dass man auf der Neurologie etwas für mich tun könnte und verlangte nach dem leitenden Oberarzt. Ich bekam eine entzückende Famulantin. Sie hörte sich meine Klagen an und bat mich kurz zu warten und verließ den Behandlungsraum mit einem Handbuch. Ich konnte gerade noch den Titel erfassen: „Hypochondrie für Dummies“.

Nach zwanzig Minuten Einsamkeit öffnete ich vorsichtig die Türe zum medizinischen Backstage-Bereich: der Ort, in dem in unserer Fantasie Patienten vom Personal für Eingriffe hergerichtet und ausgerichtet werden. Ich lief einem Blaukittel in die Hände, der mich mit kritischem Blick beäugte. Ich stammelte gleich los: „Es tut mir leid, Schwester…“ Er war keine Schwester. Und nein, auch kein Bruder. Er sei ein Pflegefachassistent, die Diplomierten von der Abteilung sind zu einem Drittel im Urlaub, zu einem Drittel krank und zu einem Drittel im Mutterschutz. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um ein und dieselbe Person handelte, die im Mutterschutz zum Campen am Stubenbergsee gefahren war und dort eine Sommergrippe ausgefasst hatte.

„Ich fühle mich trotzdem gut bei Ihnen aufgehoben“, versuchte ich meinem Gegenüber zu schmeicheln, immerhin war er greifbar und hörte mir zu. Er warf einen Blick auf seine Uhr und erklärte mir, dass er zu einer Herz-OP müsse. Ich blickte ihn mit großen Augen an. Er zuckte mit den Schultern, murmelte „Personalmangel“ und verschwand.

Ich machte mich auf die Suche nach dem nächsten Samariter. Ich fand hinter Vorhängen eine Patientin. Sie lag matt und erschöpft in einem Bett. Ich sprach sie an. Sie entschuldigte sich sofort und sagte, dass sie jetzt Ruhe bräuchte. Sie arbeite seit 48 Stunden durch und das wäre für ihre erste Woche als Pflegeassistentin doch eine ziemliche Herausforderung. Sie tat mir leid, was ich ihr auch mitteilte. Ihr liefen Tränen der Dankbarkeit über die Wangen. Dann meinte sie, dass der Portier immer sehr nett zu ihr gewesen sei. Zu ihm solle ich gehen, sie käme nach, wenn sie kurz geschlafen hätte. Seufzend machte ich mich auf den Weg zur Portiersloge.

Der wirkte wirklich sehr nett. Ich erläuterte ihm meine Situation. Daraufhin griff er zum Telefon und zwinkerte mir aufbauend zu: „Das haben wir gleich.“

Fünf Minuten später kam eine junge Dame. Es stellte sich heraus, dass sie seine Tochter war. Flott packte sie an: Sie legte mir einen Druckverband am Oberschenkel an – das war bei ihr vom sechsstündigen Erste-Hilfe-Kurs hängen geblieben, den sie im Rahmen der Führerscheinprüfung machen musste. Und dann wartete ich neben dem Portier auf meine Pflegeassistentin. Immerhin in stabiler Seitenlage.  

Norbert Peter
Kabarettist, Buchautor,
Radio-Redakteur bei Ö1
Peter & Tekal
medizinkabarett.at

Nächste Termine:
„Das höchste Gut“
am 4.10.2026 im CasaNova
(1010 Wien, 15.30 Uhr) und
am 6.10.2026 im Orpheum
(1220 Wien, 19.30 Uhr)

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