Wenn Medikamente krank machen

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Autor: Scho

„Für jedes Wehwehchen gibt es ein Mittelchen“ heißt es. In Form von Arzneimitteln können sie – exakt dosiert und konzentriert – beim Gesundwerden unterstützen, Schmerzen lindern und sogar Leben retten. Allerdings missinterpretiert unser Körper mitunter diese wohlwollende Absicht und vermutet dahinter einen schädlichen Eindringling, den es zu bekämpfen gilt. Eine Arzneimittel-Unverträglichkeit kann sich in unterschiedlichen Formen bemerkbar machen. Eine davon ist die Allergie. Diese geht mit einer Reihe von typischen Symptomen vor allem auf der Haut einher, die fachkundige Allergolog:innen bereits mit freiem Auge erkennen können. Den endgültigen Nachweis für die Allergie gegen einen bestimmten Wirkstoff liefert aber nur eine aufwändige, mehrere Tage dauernde Testung im Spital.

Mehr als 1.000 solcher Testungen allein auf Medikamentenallergien werden auf der Fachabteilung „Dermatologie und Venerologie“ am Landeskrankenhaus Feldkirch pro Jahr durchgeführt. Rund 5.500 PatientInnen aus den Spitälern und Arztpraxen des Landes werden jährlich mit dem Verdacht auf eine Arzneimittelallergie zur Abklärung nach Feldkirch überwiesen. Die Abteilung feiert heuer das 20-jährige Jubiläum der klinischen Dermatologie und Venerologie in Vorarlberg.

Fehlgeleitete Abwehrreaktion

Das menschliche Immunsystem reagiert im Falle einer Allergie immer gleich – egal, ob diese sich als Heuschnupfen zeigt, als Reaktion auf ein Haarfärbemittel oder auf ein Arzneimittel: Der Körper entwickelt wegen eines bestimmten Erkennungsstoffes Maßnahmen zu dessen Bekämpfung. An und für sich eine ganz normale Abwehrreaktion, mit der das Immunsystem auch feindliche Erreger bekämpft und die in unserem Körper prinzipiell gegen rund 200 Milliarden Stoffe angelegt ist. „Bei einer Allergie ist die Reaktion allerdings fehlgeleitet, die kämpfenden Strukturen sehen einen harmlosen Stoff fälschlicherweise als gefährlich an und gehen dagegen vor. Warum es zu dieser Fehlleitung kommt, ist bis heute ungeklärt. Prinzipiell kann jeder Mensch – vom Kleinkind bis zum Greis – zu jeder Zeit eine Allergie auf einen Wirkstoff entwickeln“, erklärt Prim. Univ.-Prof. Dr. Robert Strohal, der Leiter der Abteilung „Dermatologie und Venerologie“ am LKH Feldkirch.

Die typischen Reaktionen bei einer Arzneimittelallergie sind von Mensch zu Mensch verschieden stark ausgeprägt und unvorhersehbar. Sie decken die gesamte Bandbreite von „kaum merkbar“ bis „akut lebensbedrohlich“ ab. Medikamente, die bei dem einen erst nach einer Woche eine Allergie verursachen, können beim anderen sofort nach der Einnahme einen anaphylaktischen Schock zur Folge haben: „Dieser tritt ganz plötzlich auf, und es ist in so einem Fall immer höchste Eile geboten. Diese Reaktion ist zwar selten, kann aber ohne ärztliche Hilfe tödlich verlaufen“, warnt der Fachmann.
Daneben zeigt sich die Medikamentenallergie zumeist in diversen Formen von Hautausschlägen und -veränderungen. Diese Form der Allergien ist deshalb ein essentieller Teil der Dermatologie.

Stationäre Behandlung

Die Teams arbeiten häufig mit NotfallmedizinerInnen zusammen, denn auch Ausschläge auf der Haut können ein bedrohliches Ausmaß annehmen: Gefährlich wird es laut Primar Strohal vor allem dann, wenn der Ausschlag große Teile der Haut betrifft: „Je ausgeprägter die Anzeichen, desto heftiger die Allergie. Hier in Feldkirch werden jährlich ca. 250 PatientInnen wegen großflächigen Hautbefalls behandelt. Es gibt sogar Reaktionen, bei denen sich die Haut abschält: Bei durchschnittlich fünf Betroffenen jährlich gehen große Teile der Haut verloren.“ Als Richtlinie für PatientInnen gilt: Wenn mehr als das Zehnfache einer Handfläche der Haut von einem Ausschlag betroffen ist, sollte man sich rasch in stationäre Behandlung begeben.

Weitere Hinweise auf eine Medikamentenallergie sind ein schneller Puls, Schwindel, Bewusstlosigkeit, ein Anschwellen der Handflächen und Fußsohlen, der Lippen und des Gesichts sowie – und da wird es wiederum lebensgefährlich – ein Anschwellen der Zunge, was zu akuter Atemnot führen kann: „Auch in diesen Fällen müssen sich die Betroffenen unbedingt ärztliche Hilfe holen. Am besten rufen sie umgehend die Rettung.“

„Häufig kommen Medikamentenallergien gegenüber bestimmten Antibiotika (z.B. Penicilline), Schmerz-und Rheumamittel (Acetylsalicylsäure, Ibuprofen), Röntgenkontrastmittel und heparinartigen Arzneimittel vor“, erklärt der Leiter der Spitalsapotheke am LKH Feldkirch, Mag. Günther Graninger. Aber auch bestimmte Arzneimittel für Antikörpertherapien im onkologischen Bereich können Abwehrreaktionen hervorrufen. „ÄrztInnen und ApothekerInnen sind gesetzlich dazu verpflichtet, im Rahmen der Arzneimitteltherapie auftretende allergische Reaktionen behördlich zu melden. Die Behörde kann bei einer Häufung derartiger Meldungen dann veranlassen, dass die Fachinformation des jeweilige Arzneimittels angepasst wird.“

Die Abwehrreaktion im Falle einer Medikamentenallergie richtet sich in den überwiegenden Fällen gegen den Wirkstoff selbst. Abgesehen davon kann der Körper auch ablehnend gegenüber Träger- und Hilfsstoffen, gegenüber Konservierungsmittel oder auch einer Verbindung des Medikaments mit dem Krankheitserreger reagieren, verdeutlicht Prim. Dr. Robert Strohal an einem Beispiel: „Durch die Verbindung etwa von Penicillin und einem Krankheitserreger wird ein Antigen gebildet, das dem Abwehrsystem bekannt ist. Das Immunsystem schickt dann seine Truppen aus und bekämpft diese Verbindung – wir erkennen die Folgen als Allergie. Wird demselben Menschen bei einer anderen Krankheit Penicillin verabreicht, kann die Verbindung eine andere Form annehmen und der Körper akzeptiert diese. Das Phänomen kommt öfter vor, nur eine Testung kann hier Klarheit darüber bringen, was genau die Arzneimittelallergie verursacht.“

Aufwändige Testverfahren

Je nach Schweregrad wird eine Medikamentenallergie in erster Linie mit Antihistaminika und antiallergischen Infusionen sowie individuell dosiertem Kortison behandelt. Zudem werden exakt abgestimmte Salbentherapien verschrieben. Um eine Arzneimittelallergie definitiv abzuklären, werden in enger Zusammenarbeit mit dem Fachteam der Spitalsapotheke äußerst aufwändige und zeitintensive Testungen durchgeführt. Die PatientInnen durchlaufen eine Reihe von Blutwertebestimmungen, Haut- und Spritztests samt genauester Überwachungsprotokolle. Mitunter ist im Anschluss eine sogenannte „Provokation“ durch den verdächtigen, extrem verdünnten Medikamentenwirkstoff mit langsam steigender Dosierung nötig. Die gesamte Prozedur erstreckt sich über mehrere Tage.

Bereits die Vorbereitung ist sehr zeit- und personalintensiv: „Da die Wirkstoffe direkt unter die Haut geritzt bzw. in die Haut gespritzt werden, müssen Zusammensetzung und Dosierung unter Bedingungen geschehen, die eine bakterielle Verunreinigung verhindern“, sagt Apothekenleiter Mag. Graninger. Eine einzelne Produktion dauert rund anderthalb Stunden und erfordert den Einsatz von zwei MitarbeiterInnen. „Diese müssen das entsprechende Knowhow haben. Insgesamt bereiten wir Testungen für sechs verschiedene Substanzen allein im Schmerzmittelbereich selbst zu, darunter für so bekannte Wirkstoffe wie Acetylsalicylsäure (in Aspirin), Diclofenac (in Voltaren), Ibuprofen und Paracetamol.“ Daneben hat die Pharmaindustrie auch fertige Test-Sets – unter anderem für die Austestung gegen weitere Bestandteile von Arzneimitteln (Füllstoffe, Farbstoffe, Konservierungsmittel) – entwickelt, die ebenfalls über die Spitalsapotheke an die Abteilung ausgegeben werden.

Bewährte Methoden mit Feinschliff

„Generell sind diese Testungen eine hohe Kunst, die von allen Seiten viel Fachwissen voraussetzen“, betont Primar Strohal. „Sie werden nur bei strenger Indikation durchgeführt, nur dann, wenn eine absolute Notwendigkeit besteht. Und das ist bei etwa drei von zehn PatientInnen, die zur Abklärung kommen, der Fall. Beispielsweise wenn ein Schmerzpatient dringend ein Medikament braucht, aber gegen bestimmte Arzneien bereits allergisch reagiert hat.“ Oft wird dann nach einem Ausweichmedikament gesucht, denn jede Arzneimittelgruppe besteht aus diversen Untergruppen mit unterschiedlicher Verträglichkeit. „Die Testungen und Therapien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten bewährt“, fasst der Experte im Hinblick auf das 20-jährige Jubiläum seiner Abteilung zusammen: „Wir können die Methoden zur Allergiebekämpfung auf einer Basis verfeinern, die über all die Jahre hinweg zuverlässig dieselbe geblieben ist.“

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