Nach fünf Jahren als Kongresspräsident und Hauptorganisator des Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses zieht Heinz Brock Bilanz über Themen, Debatten und Beharrungskräfte im Gesundheitssystem.
Herr Dr. Brock, Sie standen seit Einstieg des SpringerMedizin-Verlages dem Präsidium des Gesundheitswirtschaftskongresses vor. Nach fünf Jahren übergeben Sie die Funktion an Romana Ruda. Zur Einleitung eine Grundsatzfrage: Wie wird man Kongresspräsident?
Heinz Brock: Man kann es als Präventionsmaßnahme zum Pensionsschock verstehen. Ich bin im Jänner 2020 als Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Kepler Universitätsklinikums in Pension gegangen. Schon vorher war mit dem Springer Medizin Verlag vereinbart, dass ich an der Organisation des damals frisch übernommenen Kongresses mitwirken würde. Da hatten wir lange Zeit zum Nachdenken.

Dr. Heinz Brock leitete das Präsidium des Österreichischen Gesundheitwirtschaftskongresses, seit der Branchenevent vom Springer-Verlag organisiert wird. Im Jahre 2002 wurde der Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin zum Medizinischen Direktor des AKh Linz bestellt. Im Kepler Universitätsklinikum Linz übernahm er von 2015 bis 2020 die Position des Ärztlichen Direktors und Geschäftsführers. Brock war an der Gründung der Medizinischen Fakultät und der Errichtung des Universitätskrankenhauses in Linz maßgeblich beteiligt und begleitete die Zusammenführung des Linzer AKh mit der Landes-, Frauen- und Kinderklinik sowie mit der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg zum KUK, dem nunmehr zweitgrößten Krankenhaus Österreichs.
Wie viel Arbeit steckt hinter einem Kongress, die der Teilnehmer gar nicht sieht?
Ich kannte den Kongress lange als Teilnehmer und hatte dort selbst referiert. Ich dachte zu wissen, was auf mich zukommt. Es war dann mehr, als nach außen sichtbar wird. Es gilt: Nach dem Kongress ist vor dem Kongress. Die Vorbereitung für die nächste Veranstaltung beginnt nach dem letzten Referat und zieht sich durch das ganze Jahr. Zunächst muss man die Themen eingrenzen und die Szene durchleuchten. Was passiert gerade? Was könnte notwendig werden? Welche Entwicklungen könnten auf uns zukommen? Danach sucht man die entsprechenden Themen und die Personen, die dazu etwas beitragen können. Für den letzten Kongress hatten wir, wenn ich mich richtig erinnere, 25 Meetings über das Jahr verteilt. Und zwischen diesen Besprechungen musste jeder seine Hausaufgaben erledigen.
Wenn Sie die Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems 2021 mit denen von heute vergleichen: Was hat sich gewandelt?
Enorm viel, vor allem bei den personellen Konstellationen und Voraussetzungen. Dazu kommt die Demografie. Aber die Pandemie hat diese Entwicklung verdichtet und ihre Folgen deutlicher gemacht. Die demografische Entwicklung ist im Gesundheitswesen bis dahin nie als große Herausforderung wahrgenommen worden, obwohl alle die Zahlen gekannt haben. Jetzt ist sie das zentrale Thema – im Gesundheitswesen, in der Bildung, am Arbeitsmarkt. Man hat allerdings fast den Eindruck, dass der Leidensdruck noch immer nicht groß genug ist, damit sich wirklich etwas ändert.
Wie hat die Pandemie das heimische Gesundheitssystem verändert?
Das Thema hat den Kongress in den ersten Jahren natürlich beherrscht. Die Pandemie war ein Brandbeschleuniger langfristiger Entwicklungen. Wenn sich etwas langsam verändert, merkt man das oft kaum. Mit dem Zusammenbruch vieler Reparatursysteme hat man dann gemerkt, wo es wirklich drückt und hakt. Auf einmal ist die Bedeutung von Gesundheitsdaten ganz hinauf auf den Prioritätenlisten gerückt. Die elektronische Gesundheitsakte, die jahrelang eher schleppend aufgebaut wurde, hat auf einmal wieder größere Bedeutung erlangt. Die Pandemie hat diese Probleme nicht alle verursacht, aber sie hat sie sehr stark akzentuiert.
Wo stehen wir bei der Nutzung der Gesundheitsdaten?
So viel hat sich nicht verändert – leider. Ich weiß nicht, wer wirklich den Mut hat, das Zusammenspiel der Daten grundlegend anzugehen. Es gibt immer noch diese irrationale Angst vor Transparenz und vor Missbrauch. Das sind für mich vielfach vorgeschützte Argumente. Andere Länder zeigen sehr gut, dass diejenigen einen Vorteil haben, die die Daten auch verwenden. Das war immer wieder Thema beim Kongress. Da muss man allerdings lange dicke Bretter bohren, um den Wandel einzuleiten.
Wenn die Probleme bekannt sind und seit Jahren diskutiert werden: Wie lautet Ihre Diagnose des österreichischen Gesundheitssystems?
Die fragmentierten Verantwortlichkeiten und Finanzströme enden nach wie vor in einer kollektiven Verantwortungslosigkeit. Das ist weder neu noch eine überraschende Erkenntnis. Aber die Schützengräben sind viel zu tief und viel zu einbetoniert, um sie endlich abzubauen. Auch hier ist der Leidensdruck offenbar noch nicht hoch genug. Wir reden immer wieder über dieselben Probleme, weil sich an diesen grundlegenden Voraussetzungen zu wenig verändert.
Welchen Sinn hat ein Kongress, wenn viele Debatten in einer gefühlten Endlosschleife versanden?
Ich habe den Kongress immer als sehr offenes Forum empfunden. Menschen, die sonst möglicherweise hart miteinander verhandeln, begegnen einander dort in einer anderen Situation. Sie können Dinge offener aussprechen als in direkten Verhandlungen. Auch das ist ein Wert eines solchen Kongresses: Man kann außerhalb der offiziellen Gespräche konkreter darüber reden, was man denkt und was man will. Es geht darum, aktuelle Themen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und von allen Seiten zu beleuchten.
Ist ein Kongress in Präsenz noch zeitgemäß, wenn sich Inhalte auch online vermitteln lassen?
Diese Frage haben wir uns immer gestellt, und man wird sie künftig noch stärker stellen müssen. Es geht um Inhalte, aber eben auch um die persönliche Auseinandersetzung und um Kontakte. Deshalb wird diese Grundform des Kongresses aus meiner Sicht ihren Stellenwert behalten.
Wie schwierig ist es, die gewünschten Keynote-Speaker und Diskussionsteilnehmer zu gewinnen?
Abgesehen von Terminkollisionen ist das überhaupt nicht schwierig. Begehrte Personen haben zwangsläufig volle Kalender. Aber engagierte Leute haben meistens auch das Bedürfnis, sich mitzuteilen und ihre Gedanken vor einer größeren Zuhörerschaft zu vertreten. An der Motivation ist es nach meiner Erinnerung nie gescheitert. Ich kenne auch die andere Seite, weil ich selbst schon vor meiner Präsidentschaft als Referent eingeladen war. Natürlich bedeutet eine Zusage Vorbereitung und Zeitaufwand. Aber die Idee, eine solche Anfrage abzulehnen oder zu ignorieren, wäre mir nicht gekommen.
Welche Tipps haben Sie für Ihre Nachfolgerin Romana Ruda?
Ich bin sehr froh, dass mit ihr jemand gefunden wurde, der eine neue Generation, ein neues Netzwerk, neue Ideen und neue Vorgehensweisen mitbringt. Es ist ein sehr guter Zeitpunkt für diesen Wechsel. Sie hat eine klare Vorstellung, die nötige Power und ein gutes Händchen. Ich sehe die Übergabe deshalb mit Zuversicht. Eine Frage, die man sich auch künftig stellen muss, ist die nach dem Format: Das persönliche Treffen hat seinen Wert, zugleich kann man überlegen, welche zusätzlichen Kanäle sinnvoll sind. Dass neue Ideen und Vorgehensweisen ins Spiel kommen, ist notwendig.


