ÖGWK 2023: Veränderung in ungewissen Zeiten

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Josef Ruhaltinger

Der 13. Österreichische Gesundheitswirtschaftskongress brachte fesselnde Vorträge und spannende Diskussionen. Am Kongress für 2024 wird bereits gearbeitet.

In der Regel sind Politiker und deren Reden nicht gerade die Anheizer einer Veranstaltung. Beim 13. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress war dies anders (22.-23. Juni im Austria Trend Hotel Savoyen). Nach den Begrüßungsreden der Veranstalter gaben Gesundheitsminister Johannes Rauch und Stadtrat Peter Hacker einander das Wort. Spätestens seit Beginn der Finanzausgleichsverhandlungen zu Weihnachten gelten der Minister und der Stadtrat als durchaus vertraut miteinander. Bundesminister Johannes Rauch signalisierte in seinem Vortrag klar die Bereitschaft des Bundes, mehr Geld in die Hand zu nehmen: Es gelte „nicht nur zu sparen, sondern auch gezielt zu investieren“. Aber dafür gäbe es Bedingungen: Es werde in den Gesundheitsbereich investiert, „aber nicht ohne Reformen“. Die Analyse des Ministers sollte sich nicht von dem unterscheiden, was Stadtrat Hacker im Anschluss zur Situation zu sagen hatte. Der Umbau des ambulanten Systems sei unaufschiebbar, der Fachkräftemangel bringe das System an seine Grenzen und der Ausbau der digitalen Technologien müsse forciert werden. Ohne Digitalisierung gebe es keine Modernisierung. Und so ist der Appell des Ministers durchaus persönlich an den Stadtrat adressiert, als er mit den Worten abschloss: „Aber ich kann dies nicht allein richten.“ Bis Jahresende müssten die Grundpfeiler des Systems stehen, so Rauch. Danach gäbe es nur mehr Flickwerk – „und das sei nicht gut“.

Die Entgegnung Peter Hackers konzedierte seinem politischen Gegner „ehrliches Bemühen um den großen Wurf“. Aber bei den Lösungen nannte er andere Ansätze: Unter den vielen Problemen des Gesundheitsbereichs sei das drängendste der Ärzte- und Pflegekräftemangel: „Wir schaffen die Versorgungsleistung nicht mehr.“ Aus seiner Sicht liegen die Versäumnisse im Bereich der Ausbildung – und damit beim Bund. Hacker plädierte vehement für einen Ausbau der Studienplätze für angehende Ärzte. Wien habe die Ausbildungsplätze für Pflegende deutlich erhöht. Auf Süffisanz wollte der Stadtrat nicht verzichten: „Seit 20 Jahren sprechen wir über eine anrollende Pensionierungswelle. Und jetzt sind wir überrascht?“ Und er fragte mehrmals rhetorisch: „Wann haben wir die Weichenstellung übersehen?“ Die Probleme seien nur zu lösen, wenn die Länder mehr Verantwortung erhielten – eine Forderung, die der Bundesminister mit einem Lächeln quittierte. Zum Abschluss seines Vortrages gab sich Peter Hacker „zuversichtlich“: Die Gesundheitsreform werde mit Minister Rauch stattfinden.

Meet & Greet: Es braucht auch im professionellen Umfeld Raum zum Reden.

Die Wirtschafts-Sicht der Dinge

Susanne Herbek nennt die Kongresseröffnung der beiden Politiker dann auch „erfrischend“. Die ehemalige ELGA-Geschäftsführerin, Chefärztin des Fonds Soziales Wien sowie SeniorInnenbeauftragte ist Mitglied des Kongresspräsidiums und gemeinsam mit Heinz Brock für die Auswahl der Themen und Vortragenden verantwortlich. Im Rückblick waren die beiden Vorträge „genau die Art von Start, die man für eine erfolgreiche Veranstaltung braucht“, zumal die anschließende Keynote-Rede von Ex-Wifo-Leiter Christoph Badelt „die inhaltliche Qualität des Kongressstarts noch einmal toppen konnte“.

Der aktuelle Präsident des Fiskalrates, Christoph Badelt, fragte in seinem Vortrag nach den Ergebnissen des hohen Aufwands, der im Gesundheitssystem getrieben werde. Der Ertrag sei angesichts der Kosten nicht zufriedenstellend: „Wir geben viel aus für das Gesundheitssystem. Aber bei den gesunden Lebensjahren sind wir nicht berühmt.“ Die Demographie sei für den Gesundheitssektor die stillste, aber gefährlichste Herausforderung: Die alternde Bevölkerung benötige immer mehr Gesundheitsdienstleistungen. Dem wachsenden Bedarf stünden aber ein immer kleiner werdendes Reservoir an Gesundheitsfachkräften und immer weniger Beitragszahler gegenüber. „Wir haben viele Baustellen, die Geld kosten“, so Badelt. Ohne zusätzliche Ausgaben werde es nicht gehen. Es sei „Zeit zum Anpacken und politische Entscheidungen zu treffen“.

Für Kongress-Vizepräsidentin Herbek brachte der Input des Ökonomen Badelt spannende Perspektiven: „Der Vortrag zog auf den Podien und im Publikum sehr angeregte Gespräche nach sich.“ Dieser Umstand habe sie sicher gemacht, dass „die Veranstaltung ihre Aufgabe erfüllt“. Denn der Gesundheitswirtschaftskongress sei ein Ort, an dem „die Akteure des Gesundheitsbereiches miteinander reden und zuhören können“. Diese Gelegenheiten seien im beruflichen Alltag sehr selten geworden. Daher wird diese Art der Begegnungen nie aus der Mode kommen: „Ein Kongress bringt eine Vielzahl an Informationen und Kontakten.“ Die personellen wie inhaltlichen Neuigkeiten werden anlässlich derartiger Events „am einfachsten und angenehmsten nachvollziehbar“. Teilnehmer wüssten danach, „was sich in der Branche tut“.

Organisatorin. Vizepräsidentin Susanne Herbek ist mitverantwortlich für die Wahl der Themen und der Vortragenden: „Die Teilnehmer wollen wissen, was es Neues in der Branche gibt.“

Konkrete Themenstellungen

Der zweite ÖGWK-Kongress seit Einstieg des Springer Medizin-Verlages stand unter dem Leitgedanken „Unterwegs in ungewissen Zeiten“. Die Suche nach „Klartext, Wissen, Standpunkten“, so der Subtitel, sollte Ideen liefern, wie Lösungen aussehen können. Auch wenn letztendlich die Entscheidungen anderswo getroffen werden: Derartige Veranstaltungen helfen, mögliche Auswege zu skizzieren. Stadtrat Peter Hacker unterstrich nicht umsonst in seiner Rede: „Wir brauchen solche Veranstaltungen.“ 450 Teilnehmer teilten dann auch diese Meinung, ein leichtes Plus zur Veranstaltung 2022. „Die Themen waren heuer schärfer gefasst und zugespitzter, als sie es im vergangenen Jahr waren.“

Der diesjährige Kongress gliederte sich nach den Eröffnungsreden in vier Schwerpunkte, die in jeweils zwei parallelen Sessions behandelt wurden. Ein Stream widmete sich den Menschen im Gesundheitswesen. Es war nicht zu übersehen, dass die Themen Personalknappheit, Recruiting und Employer Branding die Teilnehmer in ihrem Berufsalltag am stärksten beschäftigen. Ein weiterer Schwerpunkt des Kongresses widmete sich den neuen Formen der Organisation: Vorträge unterstrichen, dass man heute auf Herausforderungen wie IT-Kriminalität, Blackouts und Medikamentenengpässe gründlich vorbereitet sein muss.

Das dritte Schwerpunktthema fragte nach den Finanzierungsströmen im Gesundheitssystem – ein ewiges Thema mit mäandernden Antworten. So war die Sicht des ÖGK-Managers Franz Kiesl auf dem Weg zu einem österreichweiten Ärztegesamtvertrag extrem spannend. Es wäre aufschlussreich gewesen, dabei auch die Argumente der Ärztekammer als Interessenvertretung zu hören – die nicht der Kongress-Einladung folgte. Im vierten und letzten Stream wurden die Potenziale des digitalen Wandels hinterfragt: Wie verändern sich die medizinische und pflegerische Tätigkeit unter dem Einfluss digitaler Hilfsmittel und Künstlicher Intelligenz.

Susanne Herbek zeigt sich überzeugt, dass Kongresse „auch in Zeiten der Videocalls nie ihre Attraktivität verlieren“. Es würden sich die Formate verändern, „aber ein persönliches Zusammentreffen einer Gruppe ähnlich interessierter Menschen wird immer gefragt bleiben“. Seit September werde an den Ideen für den kommenden Kongress am 13. und 14. Juni 2024 gewerkelt. Susanne Herbek: „Ich bin optimistisch, dass wir über die Ergebnisse einer Gesundheitsreform diskutieren können, die ihren Namen auch verdient.“

Save the date

Der 14. Österreichische Gesundheitswirtschafts­kongress findet am 13. und 14. Juni 2024 im Austria Trend Hotel Savoyen, Rennweg 16, A-1030 Wien, statt.

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