Der Bruttonutzen von Digital Healthcare: Was Digitalisierung entlang der Patient Journey heute schon bewirkt

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Christian Helmenstein & Michaela Zalesak
Diese Serie erscheint in Kooperation mit:

Erstmals wurde in Österreich systematisch erhoben, welchen konkreten Nutzen digitale Lösungen entlang der Patient Journey stiften. Die Ergebnisse einer Primärdatenerhebung unter 26 Gesundheitseinrichtungen zeigen: Digitalisierung spart messbar Zeit, entlastet das Personal und steigert die Zufriedenheit – und sie ist angesichts der drohenden Versorgungslücke längst keine Kür mehr, sondern eine versorgungsstrategische Notwendigkeit.

Digitalisierung verändert das Gesundheitswesen in ungekanntem Tempo. Doch wie weit ist die Patient Journey in österreichischen Gesundheitseinrichtungen tatsächlich digital unterstützt – und was bringt das konkret? Diesen Fragen ist eine neue Studie des Forschungsinstituts Economica im Auftrag des Competence Center Digital Healthcare by MP2 IT-Solutions nachgegangen. Die Ergebnisse wurden beim Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress (ÖGWK) im Juni 2026 in der Session „Gelungene Partizipation: Lösungen mit Menschen gestalten“ präsentiert.

Im Mittelpunkt steht der sogenannte Bruttonutzen der Digitalisierung – also der Gesamtnutzen vor Abzug der damit verbundenen Kosten und Risiken. Erfasst wurden dabei nicht nur monetär bewertbare Effekte wie eingesparte Personalstunden, sondern auch qualitative Verbesserungen wie geringere Fehlerquoten oder eine bessere Informiertheit der Patient:innen. Grundlage ist eine Befragung von 26 österreichischen Gesundheitsbetrieben – darunter Rehabilitations- und Kurbetriebe, Privatkliniken und kombinierte Einrichtungen – im April und Mai 2026.

1. Solide digitale Basis – mit klaren Lücken an der Schnittstelle zu Patient:innen

Das wohl deutlichste Ergebnis vorweg: Keine einzige der befragten Einrichtungen schätzt ihre Patient Journey als durchgängig digital ein. Die Hälfte verortet sich auf einer teildigitalen Stufe, 46 Prozent sehen sich „großteils digital“ mit vereinzelten Medienbrüchen.

Dahinter verbirgt sich eine charakteristische Zweiteilung. In der klinischen Kerndokumentation ist die Digitalisierung weit fortgeschritten: Die medizinische Dokumentation erreicht einen durchschnittlichen Automatisierungsgrad von 88 Prozent, die pflegerische Dokumentation 85 Prozent, Abrechnung und Verwaltung 81 Prozent. Elektronische Verordnungssysteme, Patientenakten und Krankenhausinformations­systeme bilden in der großen Mehrheit der Häuser eine stabile digitale Grundlage.

Ganz anders sieht es an der direkten Schnittstelle zu den Patient:innen aus. Die Phase „Nachbetreuung“ weist mit einem Wert von 3,4 von 10 Punkten den niedrigsten Digitalisierungsgrad auf. Patient:innen-Apps und Online-Portale sind in weniger als 40 Prozent der Einrichtungen vorhanden, digitale Nachbetreuung und die Befundbereitstellung sogar nur in 12 Prozent. Auch viele patientennahe Alltagsprozesse bleiben analog: Speisekarten (73 %), Hausordnungen und Informationsmappen (71 %) sowie Therapie- und Behandlungspläne (63 %) liegen mehrheitlich weiterhin in Papierform vor.

Die Daten zeigen damit zwei Muster: Der Digitalisierungsgrad ist niedriger bei Schnittstellen zu Patient:innen, und die Digitalisierung konzentriert sich bislang stärker auf die Kernleistungen als auf die begleitenden Prozesse.

2. Der Bruttonutzen wirkt auf drei Ebenen

So unterschiedlich der Digitalisierungsgrad ausfällt – der Nutzen dort, wo digitalisiert wurde, ist eindrücklich und lässt sich auf drei Ebenen messen.

Kostenbezogen-ökonomisch: Über alle erhobenen Tätigkeitsbereiche hinweg werden durchschnittlich 52 bis 62 Prozent der aufgewendeten Zeit eingespart. Die größten Effekte zeigen sich bei der Termin- und Therapiekoordination (62,5 %) sowie beim Dokumentationsaufwand (60,1 %). Hinzu kommt, dass redundante Arbeitsschritte in 90 Prozent und Medienbrüche in 88 Prozent der Einrichtungen abgenommen haben.

Qualitativ: In 85 Prozent der Einrichtungen gingen Dokumentationsfehler zurück, und über die Hälfte berichtet von einer verbesserten Informiertheit der Patient:innen. Bemerkenswert ist hier aber auch eine kritische Stimme: Rund ein Viertel der Einrichtungen verzeichnete bei der Patienteninformation auch Verschlechterungen – ein Hinweis darauf, dass Qualitätsgewinne nicht automatisch entstehen, sondern bewusster Gestaltung bedürfen.

Persönlich-sozial: Besonders auffällig ist, dass die positiven Effekte auf die Mitarbeiter:innen jene auf die Patient:innen sogar übersteigen. Die Arbeitsbelastung sank in rund 80 Prozent der Einrichtungen, die Mitarbeiter:innen-Zufriedenheit stieg in 67 Prozent, die Patient:innen-Zufriedenheit in 57 Prozent. 68 Prozent berichten zudem von kürzeren Wartezeiten für Patient:innen. Negative Effekte bleiben dabei durchwegs die Ausnahme.

3. Die Hürden liegen im Operativen, nicht im Strategischen

Wo es hakt, hat selten mit fehlender Überzeugung zu tun. Als größte Hürde nennen 42 Prozent der Einrichtungen fehlende personelle Ressourcen, gefolgt von der Akzeptanz bei Patient:innen und fehlenden finanziellen Mitteln (je 38 %) sowie der Akzeptanz bei Mitarbeitenden (33 %). Technische und rechtliche Aspekte wie Datenschutz, IT-Integration oder Cybersecurity spielen eine Rolle, treten aber eher als ergänzende Umsetzungshürden auf.

Ein Befund sticht heraus: Fehlende Unterstützung durch die Geschäftsführung wurde von keiner einzigen Einrichtung als Hürde genannt. Die digitale Transformation wird auf Führungsebene also klar mitgetragen – sie scheitert nicht an der Strategie, sondern an Ressourcen, Akzeptanz und operativer Kapazität. Das spiegelt sich auch in der hohen strategischen Relevanz wider: Die Erfüllung regulatorischer Anforderungen wird von 100 Prozent der Befragten als relevant eingestuft, die Verbesserung der Behandlungsqualität und die Effizienzsteigerung in der Verwaltung von jeweils 95 Prozent. Entsprechend ausgeprägt ist die Investitionsbereitschaft für die kommenden drei Jahre.

4. Digitalisierung als Hebel gegen die Versorgungslücke

Die eigentliche Brisanz der Ergebnisse zeigt sich im demografischen Kontext. Bis zum Jahr 2050 werden in Österreich rund 196.500 zusätzliche Pflege- und Betreuungspersonen benötigt – zusammengesetzt aus dem demografisch bedingten Zusatzbedarf und dem Ersatz ausscheidender Beschäftigter. Aus einem schrumpfenden Arbeitskräftepool lässt sich diese Lücke nicht allein durch zusätzliches Personal schließen.

Verschärft wird die Lage durch die Belastungssituation im Pflegeberuf: 65 Prozent der Pflegepersonen fühlen sich durch die Verantwortung für andere Menschen stark oder eher belastet, 24 Prozent gelten als burnout-gefährdet (gegenüber 17 % im berufsübergreifenden Durchschnitt), und nur 43 Prozent können sich vorstellen, den Beruf bis zur Pension auszuüben (gegenüber 66 % im Durchschnitt aller Berufe).

Genau an diesen Belastungspunkten setzt Digitalisierung an: Sie senkt die Arbeitsbelastung, reduziert den Dokumentationsaufwand um rund 60 Prozent und lässt repetitive administrative Tätigkeiten spürbar abnehmen. Damit leistet sie nicht nur einen Beitrag zur Effizienz, sondern auch zur Personalbindung – einem der kritischsten Engpässe im System. Effizienzsteigerung durch Digitalisierung ist vor diesem Hintergrund keine Option mehr, sondern eine versorgungsstrategische Notwendigkeit. Sie wirkt dabei nicht über eine Absenkung der Versorgungsqualität, sondern über eine produktivere Nutzung der knappen Ressource Personal – im Einklang mit dem in der Gesundheitsreform verankerten Grundsatz „digital vor ambulant vor stationär“.

Fazit

Die Studie zeichnet ein konsistentes Bild: Österreichische Gesundheitseinrichtungen haben die technische Grundlage für die digitale Transformation weitgehend gelegt – und ernten bereits heute messbare Effizienz- und Entlastungseffekte. Vier Punkte fassen die Erkenntnisse zusammen:

  1. Die Einrichtungen befinden sich auf einem mittleren Digitalisierungsniveau – keine schätzt ihre Patient Journey als durchgängig digital ein, während die medizinische Kerndokumentation bereits stark digitalisiert ist.
  2. Der größte Aufholbedarf liegt in der Nachbetreuung und in der Kommunikation während des Aufenthalts; die Hürden sind operativer, nicht strategischer Natur.
  3. Digitalisierung erzielt einen messbaren Bruttonutzen auf drei Ebenen – kostenbezogen-ökonomisch (52–62 % an Zeiteinsparung), qualitativ (85 % berichten von weniger Dokumentationsfehlern) und persönlich-sozial (80 % von geringerer Arbeitsbelastung).
  4. Angesichts von rund 196.500 zusätzlich zu rekrutierenden Pflegepersonen bis 2050 ist die konsequente Umsetzung einer durchgängig digitalen Patient Journey keine Kür, sondern eine systemische Notwendigkeit.

Die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre liegt damit weniger im Aufbau technischer Basisinfrastruktur als in der konsequenten Integration digitaler Lösungen über die gesamte Patientenreise hinweg – mit besonderem Augenmerk auf die patientennahen und nachsorgenden Bereiche.


Die Studie „Der Bruttonutzen von Digital Healthcare – Primärdatenbasierte Evidenz zu Effizienzgewinnen“ wurde von der Economica GmbH im Auftrag des Competence Center Digital Healthcare by
MP2 IT-Solutions erstellt (Wien, Juni 2026).

Infos zu Österreichs ersten Studie zur digitalen Patient Journey: www.mp2.at/studie

Michaela Zalesak, MSc
Researcherin bei Economica GmbH

Michaela Zalesak ist Researcherin bei Economica. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der empirischen Wirtschaftsforschung sowie in der ökonomischen Bewertung von Digitalisierungseffekten – unter anderem im Rahmen der mehrteiligen Studienserie „Digitale Dividende“. Sie studierte Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien und verfügt über fundierte Kenntnisse in qualitativen, quantitativen und ökonometrischen Methoden.

Kontakt
E-Mail: michaela.zalesak@economica.eu
LinkedIn: linkedin.com/in/michaela-zalesak

Prof. Dr. Christian Helmenstein
Economica GmbH, Professor für Volkswirtschaftslehre

Christian Helmenstein ist Gründer und Leiter des Cognion Forschungsverbundes (Economica, Research Studios, CELEX, SpEA u.a.), Chefökonom der österreichischen Industriellenvereinigung und ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Privatuniversität Schloss Seeburg/Salzburg. Seine Forschungsagenden erstrecken sich insbesondere auf die Gebiete der Makro- und Regionalökonomik, der Finanzwirtschaft, des wirtschaftlichen Strukturwandels und der Sportökonomie.

Kontakt
E-Mail: christian.helmenstein@economica.eu

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