Der Europäische Gesundheitsdatenraum kommt - langsam aber sicher!

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Günter Schreier
Diese Serie erscheint in Kooperation mit:

Der Europäische Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space, EHDS) ist ein Konzept, das von der Europäischen Kommission vorgeschlagen wurde, um die Verwendung und den Austausch von Gesundheitsdaten innerhalb der EU zu fördern. Ein Entwurf für eine zugrundeliegende Verordnung wurde im vergangenen Jahr vorgelegt und wird aktuell auf EU Ebene und in den Mitgliedsstaaten diskutiert.

Der EHDS soll ein Rahmen für die sichere und kontrollierte Übertragung von Gesundheitsdaten innerhalb der EU sein, und gleichzeitig die Privatsphäre und Datensicherheit gewährleisten. Um dies zu erreichen, soll für den EHDS umfangreihe legistische und technische Interoperabilität entwickelt werden. Das Konzept des EHDS ist Teil einer größeren Initiative, die darauf abzielt, die Gesundheitsversorgung in Europa durch den Einsatz digitaler Technologien zu verbessern. Es geht darum, die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren in der Gesundheitsbranche zu fördern, um den Austausch von Gesundheitsdaten zu verbessern und die Entwicklung innovativer Lösungen für Gesundheitsprobleme zu unterstützen.

In den Krankenhäusern aber auch im niedergelassenen Bereich werden enorme Menge an Daten zur Versorgung von Patienten in verschiedenen IT-Systemen generiert und gespeichert, bis hin zur Infrastruktur für den Electronic Health Record (EHR), in Österreich der ELGA.

Grundsätzlich unterscheidet der EHDS zwei Domänen von Datennutzung:

  • Primäre Nutzung – die direkte Verwendung dieser Daten in der medizinischen Versorgung, um bessere Diagnosen zu stellen und Behandlungen zu planen. In diesem Kontext werden Daten stehts direkt personenbezogen und für patientenindividuelle Entscheidungen verwendet.
  • Sekundäre Nutzung – bezieht sich auf die Verwendung dieser Daten für Zwecke, die über die direkte medizinische Versorgung hinausgehen, beispielsweise für Forschung und zur Entwicklung neuer medizinischer Behandlungen, zur Überwachung der Gesundheit der Bevölkerung (Public Health), oder zur Bewertung und Steuerung von Gesundheitssystemen. In diesem Kontext werden Gesundheitsdaten oft aggregiert, pseudonymisiert oder anonymisiert verwendet, um die Privatsphäre der Patienten zu schützen.

Der EHDS wird umfangreiche Investitionen im Bereich der Digitalisierung und Digital Health in den datenhaltenden oder verwendenden Institutionen erfordern sowie Know-how, wie die eigene IT-Infrastruktur mit dem EHDS zusammenspielen kann. Auch wenn die konkrete Ausformulierung der gesetzlichen und technischen Rahmenbedingungen für den EHDS noch vage sind – der Impakt auf den täglichen Umgang mit Daten wird von manchen Experten vergleichbar hoch eingeschätzt wie durch die Datenschutzgrundverordnung.

In Vorbereitung auf den EHDS entwickelt das Digital Health Information Systems Team der AIT eine Technologieplattform für Health Data Space Nodes, also Knoten für das zukünftige Gesundheitsdatennetz. Gemeinsam mit Partnern in Tirol (tirol kliniken, Landesinstitut für Integrierte Versorgung, UMIT) haben wir vor kurzem ein smartes Register für die Herzinsuffizienz-Forschung in Betrieb genommen, das sich aus mehreren Quellknoten automatisch befüllt und als ein Pilot für den EHDS gesehen werden kann. Diesen Ansatz werden wir in den nächsten Jahren gemeinsam mit Gesundheitsversorger, Sozialversicherungen, Öffentlicher Hand, Forschungseinrichtungen, und der Industrie konsequent weiter entwickeln. Damit soll, insbesondere für den Bereich der Sekundärnutzung, eine Basis für den Austrian Health Data Space gelegt werden, als anschlussfähige nationale Infrastruktur für den EHDS.

Um der Digital Health Community in Österreich dabei bestmögliche Orientierung zu bieten, wird der EHDS auch ein Schwerpunkt bei der jährlichen Digital Health Tagung sein, die vom 16. – 17. Mai 2023 wie üblich im Tagungszentrum Schloss Schönbrunn stattfinden wird (www.dHealth.at).

Aus unserer Sicht bringt der EHDS und die zugrundeliegenden Regularien eine einmalige Chance, Datensilos aufzubrechen und für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens zu nutzen. Nicht zuletzt soll dadurch die Position der Patienten gestärkt werden – also jenes Stakeholders im Gesundheitswesen, um den es letztlich geht.

Günter Schreier, Senior Scientist
Competence Unit Digital Health Information Systems, Center for Health and Bioresources
AIT Austrian Institute of Technology

Günter Schreier ist Absolvent der Technischen Universität Graz mit einem Schwerpunkt in Biomedizintechnik, wo er 1991 seinen Abschluss machte, 1996 promovierte und 2008 seine Habilitation in „Biomedizinischer Informatik“ erhielt. Er unterrichtet an verschiedenen Universitäten und ist Senior Scientist und Deputy Head of Competence Unit Digital Health Information Systems am Center for Health and Bioresources des AIT Austrian Institute of Technology. Er engagiert sich in mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften, unter anderem als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Biomedizinische Gesellschaft ÖGBMT, und hat 2007 die jährlichen wissenschaftlichen dHealth-Tagung in Wien ins Leben gerufen, DER Konferenz für digital Health in Österreich.

Weitere Blogbeiträge dieser Institution:

Wie die Forderung nach „Finanzierung aus einer Hand“ im österreichischen Gesundheitssektor zeigt, ist es ebenso entscheidend, die Initiative „Daten aus einer Hand“ zu verfolgen, um der Fragmentierung entgegenzuwirken. Diese Zersplitterung behindert dringend benötigte Entwicklungen, insbesondere Innovationen, die eine Verschiebung von Leistungen zwischen ambulantem und stationärem Sektor vorsehen.

Für Schlaganfallpatient:innen mit einem Verschluss einer der großen Gehirnarterien existiert seit 2015 eine neue Therapiemethode, die endovaskuläre Trombektomie. Diese kann in spezialisierten Schlaganfallzentren durchgeführt werden und die Prognose der Betroffenen signifikant verbessern. Um Patient:innen, die diese Therapiemethode benötigen, schon vor dem Transport zu identifizieren, entwickelt das AIT in internationalen Kooperationsprojekten ein EEG-basiertes Triagegerät. Durch den Einsatz dieses Gerätes sollen zukünftig Sekundärtransporte vermieden und dadurch die Prognose dieser Patient:innen verbessert werden.

Ist eine Behandlung mit Antibiotika zielführend? Zwischen bakterieller und viraler Infektion schnell und kostengünstig zu unterscheiden ist nur ein Anwendungsbeispiel für papierbasierte Biosensoren. Das EU-Projekt IMPETUS hat ein neues Fertigungsverfahren für papierbasierte diagnostische Testsysteme entwickelt. Das medizinische Fachpersonal benötigt nur noch ein Smartphone mit passender App um das Ergebnis der günstigen, umweltfreundlichen Teststreifen abzulesen, die das Labor in die Ärztliche Praxis bringen. Dieses neue Fertigungsverfahren für papierbasierte Tests und die dabei entstandene Pilotlinie ist eine wichtige Grundlage für den nächsten Schritt von reparativer zur präventiver Gesundheitsversorgung.