Die Gesundheitsbranche im Wandel: Warum sich ein Blick über den Tellerrand lohnt

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Michaela C. Topolnik

Ein Plädoyer für ein Grenzen überschreitendes Netzwerken.

Es ist in der Natur des Menschen sich erstmal mit dem unmittelbaren Umfeld zu beschäftigen, das gilt auch im Berufsleben. Das eigene Team, der eigene Fachbereich, die lokalen Stakeholder sind von höchster Priorität. Doch viele Branchen sind im Umbruch, die Gesundheitsbranche im Besonderen. Der Fachkräftemangel, eine drohende zukünftige Versorgungslücke und der steigende Innovationsdruck durch neue technische Möglichkeiten (Stichwort: KI) machen den Austausch mit Expert:innen aus dem europäischen Ausland lohnenswert.

Die Gesundheitsbranche befindet sich europaweit im Wandel

Die Europäische Kommission stellt gemeinsam mit der OECD jedes zweite Jahr einen Statusbericht zur Situation der Gesundheitsversorgung in Europa namens „Health at a Glance“ vor. Darin kann man detailliert nachlesen, wie Österreich im Vergleich zu anderen EU-Ländern reüssiert. Der letzte Bericht zeigt zum Beispiel, dass Österreich 40% über dem EU-Durschnitt liegt, wenn es um die Zahl der verfügbaren Krankenhausbetten pro 1,000 Einwohner geht [1] und Patient:innen verhältnismäßig die niedrigste Menge an Antibiotika verschrieben bekommen [2]. Dahingegen liegt die Lebenserwartung unserer 65-Jährigen nur knapp über dem europäischen Durchschnitt [3], bei der Zahl der Hüftprothesen pro 100.000 Einwohner gehören wir zum Spitzenfeld. Was allerdings auch in diesen Statusberichten auffällt, sind die viele ähnlichen Themen, die die EU-Länder beschäftigen: steigende Gesundheitsausgaben in Relation zum Bruttosozialprodukt, lange Wartezeiten für bestimmte Operationen, wachsender Personalmangel, der Ausbau der Telemedizin, eine geringere Gesundheitsversorgung auf dem Land und Herausforderungen bei den Spätfolgen der COVID-19 Pandemie, um nur einige zu nennen. Der Druck der Gesundheitsbranchen dieser Länder, sich weiter zu optimieren, neue Technologien einzusetzen und nach neuen Lösungen für bestehende und zukünftige Probleme der Gesundheitsversorgung zu suchen und zu finden, ist also flächendeckend hoch.

Ein gemeinsamer Datenraum zum Wohle der Patient:innen

Doch anstatt allein an Lösungen zu tüfteln, gibt es genug Themen, die zeigen, dass eine Zusammenarbeit zwischen den Ländern dringend nötig ist. Nehmen wir zum Beispiel das Trendthema „Künstliche Intelligenz“: kaum ein Start-up im Gesundheitswesen zeigt nicht dieses Wort in seinen Pitch-Decks und fast jede Gesundheitskonferenz diskutiert über die Sinnhaftigkeit und Unsinnigkeit mancher Anwendungen. Dennoch ist absehbar, dass sich KI-Anwendungen in der allgemeinen Gesundheitsversorgung etablieren werden. Es sind allerdings ausgesprochen große Mengen an (anonymisierten, pseudonymisierten oder synthetischen) Daten notwendig, um nützliche Ergebnisse für Patient:innen und Ärzt:innen zu erzielen. Daten, die Österreich allein nicht zur Verfügung hat. Hier kommt Europa ins Spiel: 2021 haben das EU-Parlament und der Rat den Data Governance Act [4] beschlossen. Dieser zielt darauf ab, das Vertrauen in die gemeinsame Nutzung von Daten zu stärken, er schafft neue EU-Vorschriften für die Neutralität von Datenmarktplätzen und erleichtert die Wiederverwendung bestimmter Daten im Besitz des öffentlichen Sektors. Es werden gemeinsame europäische Datenräume in strategischen Bereichen geschaffen, der Gesundheitsbereich wurde – auch als Folge der Pandemie – priorisiert.

Mit dem „European Health Data Space“(EHDS) soll nun ein Grenzen überschreitender Gesundheitsdatenraum gestaltet werden, ein Jahrhundertprojekt, welches sich die EU und die Mitgliedsstaaten vorgenommen haben. Der EHDS soll ein Gleichgewicht zwischen dem Recht der Patient:innen auf Kontrolle und dem Zugang zu ihren eigenen Gesundheitsdaten schaffen. Gleichzeitig sollen die Bedürfnisse der Angehörigen der Gesundheitsberufe, der Gesundheitsversorger, der Industrie, der Forscher:innen und der Entscheidungsträger:innen berücksichtigt werden. Mit dem Projekt sollen nicht nur die technischen und administrativen Voraussetzungen für Innovation in diesem Bereich langfristig geschaffen werden, sondern auch ein größerer Nutzen für Patient:innen.

Doch die Praktiken und Standards für die Erhebung, Verarbeitung und Speicherung von Gesundheitsdaten variieren je nach Sektor und Land stark. Diese Unterschiede stellen eine Herausforderung für die Interoperabilität dar. Interoperabilität bedeutet die Fähigkeit von Organisationen und Technologien, sinnvoll zu interagieren, ohne den Inhalt der Daten zu verändern. EHDS-Rechtsvorschriften sollen gemeinsame Regeln und Verpflichtungen für diese Interoperabilität festlegen. Der europäische Gesundheitsdatenraum kann aber nur ein Erfolg werden, wenn sich die Expert:innen der einzelnen Länder regelmäßig austauschen, nicht nur während der Gestaltungsphase des Regelwerks, sondern auch während der Implementierung. Welche gute und schlechte Erfahrung sammeln wir in Österreich? Wo hakt es? Europäische Expert:innen können sicherlich von unseren Erfahrungen mit ELGA, der elektronischen Gesundheitsakte, profitieren, wir könnten ebenfalls von einem regelmäßigen Austausch mit Datenexpert:innen und Best Practice Beispielen z.B. aus Schweden Nutzen ziehen.

Durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen steigen die Ansprüche ans Fachpersonal weiter

All diese neuen Technologien und damit verbunden Datenerhebungen müssen in die alltäglichen Abläufe des echten Praxis- und Kliniklebens integriert werden. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig Fachkräfte in Kliniken und in der Pflege fehlen. Dieses Problem hat Österreich nicht alleine. Eine Antwort der Europäischen Kommission darauf ist der sog. „Pact for Skills“, eine Leuchtturm-Initiative der „European Skills Agenda”. Der Pakt hat das Ziel, öffentliche und private Organisationen bei der Weiterqualifikation und Umschulung zu unterstützen, damit sie den grünen und digitalen Wandel erfolgreich meistern und nutzen können. Die Mitglieder des Pakts haben Zugang zu Wissen über den Bedarf an Fort- und Weiterbildung, zu Beratung über einschlägige Finanzierungsinstrumente zur Förderung der Qualifikationen von Erwachsenen in ihren Regionen und Ländern sowie zu Vernetzungsmöglichkeiten.

Der Pakt umspannt Aktivitäten in sämtlichen Sektoren und ist nicht nur für die Gesundheitswirtschaft gegründet worden. Für den Gesundheitsbereich koordiniert seit Ende 2023 der für Gesundheitsinnovationen zuständige Arm des European Institute for Innovation and Technology, EIT Health, die Pact for Skills Partnerschaft für den europäischen Gesundheits- und Life Science Sektor. EIT Health tut das in enger Abstimmung mit der Europäischer Kommission, genauer gesagt mit der Generaldirektion für Generaldirektion Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU (DG GROW) und der Generaldirektion für Beschäftigung, Soziales und Integration (DG EMPL). Die Besonderheit an diesem Pakt ist, dass er von der Industrie angeführt werden soll.

Ziel des Paktes ist es, gemeinsam auf die Bedürfnisse und Herausforderungen der Gesundheitsbranche zu reagieren und ein gemeinsames Modell für Weiterbildungsprogramme in Europa zu schaffen. Wissen, Erfahrungen und Ressourcen sollen gebündelt werden. Am Ende geht es darum, attraktive Angebote zu entwickeln, die der Branche helfen, neue Mitarbeiter:innen anzuziehen und gleichzeitig die vorhandenen Arbeitskräfte durch Umschulungs- und Weiterbildungsinitiativen aktiv bei den Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung zu unterstützen.

Wir stehen am Anfang, daher lohnt sich der Austausch besonders

Doch der European Health Data Space und der Pact for Skills im Gesundheitsbereich stehen noch am Anfang. Wir können also noch mitreden. Doch dafür müssen wir uns über die Grenzen hinweg zu diesen Themen vernetzen! Dafür gibt es in den nächsten Monaten zahlreiche Möglichkeiten innerhalb und außerhalb von Österreich: Da wäre zuerst einmal der Health Day am 4. März, der jährlich von der AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA organisiert wird. Dort werden u.A. die Ergebnisse des österreichischen Roundtables zum EHDS diskutiert, der im September von EIT Health Austria organisiert worden ist. Dort kamen rund 30 Expert:innen von Organisation wie Universitäten, Verwaltung, Industrie, Interessensvertretungen etc. zusammen, um einen österreichischen Beitrag und Weg zum Aufbau des europäischen Gesundheitsdatenraumes zu diskutieren. Ähnliche Roundtables fanden in zehn weiteren Ländern statt. Die Ergebnisse der Diskussionen und der daraus resultierende pan-europäische Bericht werden von EIT Health im April vorgestellt. Lohnenswert ist die Reise nach Rotterdam, wo am 18.-19. April der EIT Health Summit zur Diskussion um Gesundheitsinnovation in Europa einlädt: Dort wird neben dem EHDS und dem Pact for Skills auch das gerade anlaufende Projekt EP PerMed diskutiert, welches mit einer Förderung von 375 Millionen Euro personalisierte Medizin schneller Patient:innen zur Verfügung stehen soll. Wer sich aber erstmal über Themen, Programme und die Netzwerkmöglichkeiten des EIT Health informieren möchte, hat nun eine Anlaufstelle in Wien. Möglich wurde die Gründung von EIT Health Austria durch zusätzliche Fördermittel der FFG, des Bundesministeriums für Arbeit und Wirtschaft (BMAW), des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) und der Wirtschaftsagentur Wien für das Projekt HealthGateway.Austria. Der Zugang zu einem Netzwerk aus europäischen Expert:innen im Gesundheitswesen war also noch nie so einfach. Neugierig was sich noch so hinter dem österreichischen Tellerrand verbirgt? Viel Spaß beim Netzwerken!

Mag.a Michaela C. Topolnik, MA

Public Affairs and Stakeholder Relations Lead, EIT Health Austria

Michaela C. Topolnik absolvierte das Studium der Politikwissenschaften (Wien) und Intl. Beziehungen & Ökonomie an der Johns Hopkins University (Italien, USA). Danach folgt eine langjährige leitende Tätigkeit in der Forschung-, Wissenschafts- und Innovationspolitik, in der außeruniversitären Forschung, öffentlichen Verwaltung, Universität. Sie hat eine Expertise in Public Affairs, Kommunikation und in der Strategieentwicklung (zahlreiche zentrale F&E Strategien).

Quellen:

[1] OECD/European Union (2022, S. 190), Health at a Glance: Europe 2022: State of Health in the EU Cycle, OECD Publishing, Paris. URL: https://health.ec.europa.eu/system/files/2022-12/2022_healthatglance_rep_en_0.pdf  (Abrufdatum: 05.02.2024)

[2] OECD/European Union (2022, S. 165), Health at a Glance: Europe 2022: State of Health in the EU Cycle, OECD Publishing, Paris. URL: https://health.ec.europa.eu/system/files/2022-12/2022_healthatglance_rep_en_0.pdf  (Abrufdatum: 05.02.2024)

[3] OECD/European Union (2022, S. 91), Health at a Glance: Europe 2022: State of Health in the EU Cycle, OECD Publishing, Paris. URL: https://health.ec.europa.eu/system/files/2022-12/2022_healthatglance_rep_en_0.pdf  (Abrufdatum: 05.02.2024)

[4] Europäisches Parlament (2021, 30. November), Data governance: deal on new rules to boost data sharing across Europe [Pressemeldung]. URL: https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20211129IPR18316/data-governance-deal-on-new-rules-to-boost-data-sharing-across-the-eu (Abrufdatum: 05.02.2024)

Video-Tipp:

Sehen Sie hier den Vortrag von Mag.a Michaela C. Topolnik, MA, auf dem Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress 2023

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