Experten fordern ganzheitlichere Sicht auf die Patienten

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Autor: Scho

„Logbuch Gesundheitswesen – die Fahrt ins Ungewisse“, lautete das diesjährige Motto beim 15. qualityaustria Gesundheitsforum. Im Zentrum stand nicht das allgegenwärtige Thema Pandemie, sondern eine viel breitere Betrachtung des Gesundheitswesens. „Wir müssen Mittel und Wege finden, um medizinische und pflegerische Dienstleistungen künftig nicht nur effektiver und effizienter zu erbringen, sondern vor allem auch qualitativ hochwertiger“, erklärte Dr.med.univ. Günther Schreiber, Netzwerkpartner, Projektmanagement und Koordination Branche Gesundheitswesen, Quality Austria. Ein zentraler Ansatz sollte dabei eine ganzheitlichere Betrachtung der Patienten sein.

Interdisziplinäres Forschungsgebiet Psychoneuroimmunologie

Der qualityaustria Experte brachte unter anderem die Themen Psychoneuroimmunologie und Epigenetik ins Spiel. Bei Psychoneuroimmunologie handelt es sich um ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, das sich mit der Wechselwirkung der Psyche, des Nervensystems und des Immunsystems beschäftigt. Ein Nachbargebiet ist die Psychoneuroendokrinologie, die auch die Wechselwirkungen des Hormonsystems einbezieht. Forscher haben nämlich Indizien dafür gefunden, dass Gefühle – ähnlich wie Bewegung, Ernährung oder Schlaf – eine Schlüsselrolle in unserem Immunsystem spielen. Die enge Verbindung zwischen Gefühlen und dem menschlichen Körper könnte daher bei der Behandlung künftig eine größere Rolle spielen als heute.

Epigenetik als Bindeglied zwischen Umwelteinflüssen und Genen

Die Entdeckung der Epigenetik wiederum hat ein lang gehegtes Dogma der Biologie widerlegt: Die Idee, dass die Eigenschaften eines Organismus durch das bei der Geburt vererbte Genmaterial unveränderbar bestimmt werden. Tatsächlich erlaubt die Epigenetik selbst subtilen Umweltveränderungen den Zugriff auf unser Erbgut. „Epigenetik gilt als das Bindeglied zwischen Umwelteinflüssen und Genen. Sie bestimmt beispielsweise unter welchen Umständen welches Gen ‚angeschaltet‘ und wann es wieder ‚stumm‘ wird. Man spricht dabei von Genregulation“, erläuterte Schreiber.

Stärkerer Fokus auf die zehn Gesundheitsziele

Für eine konsequentere Einhaltung der zehn Gesundheitsziele Österreichs plädierte Dr.med.univ. Martin Sprenger, Leiter des Universitätslehrgangs Public Health der Medizinischen Universität Graz. Die zehn Ziele wurden von zahlreichen Experten entwickelt und bilden bis 2032 den Handlungsrahmen für eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik. „Wenn Österreich die vorliegenden zehn Gesundheitsziele stärker beachten würde, könnten wir die Zahl der gesunden Lebensjahre spürbar erhöhen und würden auch international besser dastehen“, plädiert der Public Health-Experte. Derzeit gehöre Österreich punkto Gesundheitserwartung (Healthy life years at birth) mit 57 Jahren bei Männern und mit 58 Jahren bei Frauen noch zu den Schlusslichtern: Der EU-Schnitt (inklusive Schweiz, Norwegen und Island) liegt bei 64 Jahren bei Männern bzw. 65 Jahren bei Frauen. „Die zehn Gesundheitsziele wurden bereits 2012 im Parlament beschlossen und feiern daher ihr zehnjähriges Jubiläum. Aber kaum jemand kennt sie“, bemängelt Sprenger.

Österreich müsse laut dem Public Health-Experten zudem vorausschauender planen, denn ähnlich wie bei der Behebung des Pflegekräftemangels würden 20 bis 30 Jahre vergehen, bis die Gesundheitsziele ihre volle Wirkung entfalten. Viele Versäumnisse der 80er- und 90er-Jahre sind heute noch spürbar. Während etwa in skandinavischen Ländern teilweise weniger als 10 Prozent der Bevölkerung rauchen, sind es in Österreich noch immer fast 30 Prozent.

Sprenger fordert mehr Gesundheitsfolgeabschätzungen

Der Public Health-Experte wünscht sich auch mehr Gesundheitsfolgeabschätzungen, damit die Politik ein besseres Gefühl dafür bekommt, welche Folgen ihre Entscheidung auslösen können. Mache man das nicht, tendiere man dazu, nur den Nutzen zu sehen und nicht die möglichen Nebenwirkungen. In anderen Ländern würde dies stärker praktiziert. „Die Arbeitsgruppen sollten unter anderem aus Ökonomen, Psychologen, Pädagogen und Public Health-Experten bestehen, denn je breiter der Blickwinkel, desto besser können erwünschte und unerwünschte Nebenwirkungen eruiert werden“, forderte Sprenger. Bei Gesundheitsfolgeabschätzungen gehe es auch um soziale Gerechtigkeit, denn die Pandemie habe die Ungleichheit weiter vergrößert.

Schutz gegen Cyber-Kriminalität verstärken

Digitalisierung war beim Gesundheitsforum ebenfalls ein wichtiges Thema. Der qualityaustria Netzwerkpartner Schreiber skizzierte Szenarien für das „Krankenhaus der Zukunft“ und stellte auch die technologischen Entwicklungen in Großbritannien und Österreich vor. Klaus Veselko, Geschäftsführer der CIS – Certification & Information Security Service GmbH, warnte angesichts der immer größer werdenden Fülle an sensiblen Daten im Gesundheitssystem vor der Bedrohung des fragilen Systems. „Medizinische Einrichtungen geraten immer stärker in den Fokus von Cyber-Kriminellen. Die Angreifer wissen, dass sie wegen der Wichtigkeit medizinischer Systeme im Falle geglückter Cyber-Attacken sehr hohe Geldsummen verlangen können“, gab Veselko zu bedenken. Das Credo müsse daher sein, den anonymen Bedrohungen durch konsequentes Setzen von Maßnahmen im Bereich der Cyber-Security immer einen Schritt voraus zu sein.

Verbesserung in der Pflege und Bewältigung von Krisen

Paul Bechtold, qualityaustria Auditor, Trainer und Netzwerkpartner, behandelte das Thema „Krisenmanagement im Gesundheitswesen“ und skizzierte im Zuge dessen, wie der Weg aus der Krise mit Hilfe von Krisenmanagement-Handbüchern, Kontinuitätsmanagement und anderen Methoden gelingen kann. Darüber hinaus widmete sich Marianne Fehringer, qualityaustria Auditorin, Trainerin und Netzwerkpartnerin, dem Thema „Pflegenotstand“. Sie verwies auf diverse Hebel, etwa auf Führungs-, Budget- oder rechtlicher Ebene, um eine wirksame Verbesserung der Pflege kurz-, mittel- und langfristig anstoßen zu können.

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