Knappe Ressourcen, demografische Veränderungen, neue Technologien – und all das bei hohen Erwartungen der Allgemeinheit. Im Gesundheitssystem sowie der Gesundheitsbranche bündeln sich die Herausforderungen der Gegenwart wie in sonst kaum einem anderen Bereich – und das auf sehr dünnem sozialen Eis. Reformen und Veränderungen sind unumgänglich. Unter dem Strich stehe da derzeit grundsätzlich ein Paradigmenwechsel, wie der deutsche Gesundheitsökonom Franz Knieps sagt: Die Rückkehr zu Einnahmen-orientierter Ausgabenpolitik. Knieps eilt der Ruf als „Graue Eminenz“ der deutschen Gesundheitspolitik voraus. Knieps war Gast beim Panel „Produktivität systematisch gestalten“ am ersten Tag des 16. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses am Donnerstag in Wien.
Was also kostet der Input, der den Output macht, wie es Alexander Degelsegger vom österreichischen Bundesministerium für Arbeit und Soziales ausführt. Was geht sich aus? Wie bringt man hohe Erwartungen der Allgemeinheit und politisch unpopuläre Tatsachen zusammen und welche Werkzeuge bieten Entwicklungen im digitalen Feld?
„Es sei eine äußerst interessante Zeit“, sagt Knieps. Eine Zeit voll des Reform- und Produktivitätsdrucks. Und das – so legen die Ausführungen Knieps nahe – ist keinesfalls ein Österreich-spezifisches Problem. Die Deckungslücke in deutschen Gesundheitssystem beziffert Knieps mit 15. bis 18 Mrd. Euro – Tendenz rasant steigend. Die Reformresistenzen innerhalb der Systeme sei vergleichbar. Die Rahmenbedingungen – ob wirtschaftlich oder rechtlich – seien die selben für Deutschland, Österreich oder Estland. Wieso dieser Rahmen manche beflügle und andere hemme, sei die Frage. Tatsache sei, so Knieps: Ein Gesundheitssystem sei nicht statisch, es entwickle sich mit der ökonomischen Lage und den demografischen Veränderungen. Bei einem Nullwachstum in der Wirtschaft sei eine Steigerung bei den Ausgaben im Gesundheitsbereich ganz einfach irrational.

Auch bei der Liste der angedachten Maßnahmen, weckt die deutsche To-Do-Liste alpenländische Erinnerungen: Versicherungsreform, Apotheken-Reform, Bereitschaftsdienste, Primärversorgung und Lenkung von Patientenströmen über ein Vor-Assessment per Hausarzt oder auf digitalem Weg. Ein Gesundheitssystem könne kein „Wüsch-dir-was-System“ sein, wo jeder je nach Lust und Laune da wie dort Leistungen in Anspruch nehme, so Knieps. Genau das sei letztlich auch eine demokratiepolitische Frage.
Die Branche habe ein, wie es Knieps ausdrückt „sonderbares Verhältnis zu Wettbewerb“ und sei zugleich über-bürokratisch bis zu einem Ausmaß, in dem es sich durch Regelungen selbst lähme. „Wir messen keine Qualität im System“, sagt er. „Wir weigern uns darüber zu reden, welche Qualitätsdefizite wir haben.“ Das gelte vor allem für die Versorgung von chronisch Kranken. Wie Knieps sagt, seien die Systeme in Österreich wie in Deutschland massiv von Ärzten dominiert. Die Kompetenzen anderer Gesundheitsberufe würden nicht ausreichend genutzt. Und das Ergebnis sei: „Wir haben ein Nebeneinander von Über-, Unter- und Fehlversorgung – mitunter unter einem Dach.“
Kooperation ist ein Wort, das sehr oft fällt in dieser Debatte. Gemeint ist die Kooperation zwischen Strukturen, aber auch innerhalb von Strukturen. Kooperation scheitert laut einer umfangreichen Befragung zur Wirksamkeit des Gesundheitssystems innerhalb der Community des Springer-Verlags allerdings vor allem an starren Zuständigkeits-grenzen, rechtlichen Vorgaben, Hierarchien und Standesdünkeln sowie finanziellen Interessen.
Dr. google und die Querschießer
Als Realitäts-Check auf regionaler Ebene, bezeichnet Stephanie Federspiel-Kleinhans, Geschäftsführerin in der Vinzenz Betriebs GmbH, ihre Vorgehensweise was das angeht. Das, wie zugleich auch „Durchlässigkeit“ in Institutionen. Und sie meint damit: Kooperation zwischen Einrichtungen und Sektoren aber auch Berufsgruppen. Innovativer zu werden in der Lenkung von Patientenströmen sei unumgänglich, sagt sie. Und unumgänglich sei eben auch die Veränderung – das gelte sowohl für Patienten wie auch für Mitarbeiter. Ihre Erfahrung sei es allerdings leider auch, dass sinnvolle Reformen mitunter an einzelnen Personen scheitere. Das dürfe nicht passieren.
Da ist aber noch ein Kernpunkt, den das Panel identifiziert: Ein bisweilen erschreckender Mangel an Gesundheitskompetenz unter jenen, die es betrifft – den Patienten. Stichwort: Internet, KI, Dr. google und daraus resultierend medizinisches Halb- beziehungsweise Nicht-Wissen. Und das wiederum hat konkrete Folgen, in etwa wenn es um die Überbelastung von Ambulanzen geht..
Der Patient habe letztlich kein Interesse daran, dass unnötige Leistungen an ihm vollführt würden, sagt Knieps. An Willen fehle es nicht. Es fehle viel eher an konkreten Plänen. Und auch hier weckt das deutsche Beispiel ein Österreich-deja-vue. Stichwort: Föderalismus oder auch das Fehlen eines nationalen Gesundheitsplanes. Knieps nennt das „organisierte Unorganisiertheit“.
(red.)


