„Ich sehe, dass die Leute im Berufsalltag ausbluten“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Enis Smajic (35) erzählt von seinem Arbeitsalltag. Smajic ist Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger und arbeitet auf einer Intensivstation. Dort ist er auch für die Betreuung von Auszubildenden zuständig (Praxisanleitung). Nach der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege Hietzing hat er zahlreiche Weiterbildungen absolviert und unter anderem das Masterstudium ANP an der PMU (Paracelsus Medizinische Privatuniversität) in Salzburg durchlaufen. Aktuell unterrichtet er nebenberuflich an Fachhochschulen und Akademien.

Herr Smajic, Sie sind seit zehn Jahren in der Pflege in Österreich tätig. Was hat sich seither verändert?
Enis Smajic: Es hat sich viel verändert. Der Mangel an Pflegekräften nimmt zu; die Verweildauer im Beruf nimmt ab. Die Belastung im System ist sehr hoch und die Pandemie hat den Trend weiter beschleunigt.

Seit 2016 werden Pflegefachkräfte auch an Fachhochschulen ausgebildet. Der Beruf wurde also teilweise akademisiert. Macht das den Beruf attraktiver?
Die Ausbildungsnovelle von 2016 ist noch nicht wirklich in der Praxis angekommen. Dafür ist der Zeitraum zu kurz. Der Beruf wird dadurch attraktiver, aber noch wichtiger wäre es, den Beruf in der Gesellschaft aufzuwerten. Dafür sollte es vom zuständigen Ministerium Pflegekampagnen geben, die zeigen, wie wichtig die Pflege für unsere Gesellschaft ist. Es sollte deutlich auf die demografische Entwicklung und den Mangel an Pflegekräften hingewiesen werden. Auch ich möchte in 30 Jahren gepflegt werden.

Was muss sich im Pflegebereich ändern?
Die Rahmenbedingungen müssen passen. Vor allem das Gehalt und die Arbeitszeiten. Es geht darum, nicht nur auszubilden, sondern die Leute auch im Beruf zu halten. Dafür brauchen wir ein angemessenes, leistungsorientiertes Gehalt, das sich mehr an technischen Berufen orientieren sollte. Es wäre auch sinnvoll, den Beruf für Männer attraktiver und sichtbarer zu machen. Es sollte ein Mindestgehalt geben, das für alle Kollektivverträge in diesem Bereich gilt; für Mobil- und Langzeitpflege, aber auch für die Spezialbereiche. In Deutschland gibt es diesbezüglich aktuell eine Diskussion um ein Mindestgehalt von 4.000 Euro brutto.

Häufig kritisiert werden auch die Arbeitszeiten …
Der Beruf ist physisch und psychisch anstrengend. Die Dienste sind meist in 12,5-Stunden-Schichten eingeteilt. Wenn jemand 14 Dienste im Monat macht und wegen des Personalmangels zwei bis drei zusätzliche Dienste übernimmt, kommt er auf 200 Stunden oder mehr im Monat. Das ist zu viel. Die 40-Stunden-Woche hat ausgedient. Es muss eine Arbeitszeitverkürzung stattfinden.

Wie geht es Ihnen dabei?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das bis zur Pension mache. Ich sehe, dass die Leute im Berufsalltag ausbluten. Erwiesenermaßen steigt durch Nachtdienste die Gefahr von Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. Besondere Belastungen gibt es zum Beispiel auch bei der Betreuung von psychisch kranken Menschen. Auch das ist Schwerarbeit. Wer in der Pflege tätig ist, sollte daher auf jeden Fall nach 45 Jahren Arbeit ohne Abschläge in Pension gehen können.

Was wäre noch hilfreich?
Die Honorierung von Bildungsabschlüssen sollte verbessert werden. Viele bilden sich fort, aber die Kompetenzen werden oft nicht gezielt eingesetzt. Ich halte einen Skill-and-Grade-Mix für zielführend. Wichtig wäre auch eine verstärkte Zusammenarbeit von verschiedenen Berufsgruppen. Also zum Beispiel, dass jemand mit ANP-Ausbildung (Advanced Nursing Practice – Masterausbildung im Pflegebereich, Anm.) gemeinsam mit einer Pflegeassistenz und einer Pflegefachassistenz arbeitet. Nur müsste man das organisatorisch auch entsprechend umsetzen.

Sonstiger Reformbedarf aus organisatorischer Sicht?
Wichtig wäre auch die Novellierung der Kompetenzen der Pflege. Der Beruf ist stark getriggert durch den Einfluss der Ärzte. Egal ob Wundmanagement, Inkontinenz oder wenn jemand einen Rollstuhl braucht – ich bin immer auf die Anordnung eines Arztes angewiesen. Pflegepersonen sollten ihre Kompetenzen einsetzen können und Verordnungen für diese Dinge schreiben dürfen.

Ein Thema, das insbesondere selbstständige Pflegekräfte betrifft …
Ja, wir haben ein riesiges Potenzial für die Freiberuflichkeit. Diese Pflegekräfte sind leider nur privat einsetzbar. Eine Verrechnung mit der Krankenkasse würde die Pflege zu Hause attraktiver machen. Pflege muss leistbar sein. Auch da muss der Gesetzgeber Maßnahmen und Modelle schaffen.

Oft sind es ja nicht geschulte Angehörige, die sich um pflegebedürftige Menschen kümmern …
Auch die brauchen Unterstützung vom Staat. Man sieht das auch bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen, die auf Unterstützung der Eltern zu Hause angewiesen sind. Oder zum Beispiel Menschen, die einen Unfall haben und dann schwerbehindert sind. Oft müssen pflegende Angehörige ihren Job einschränken und ihre Finanzen aufbrauchen, um ihre Angehörigen zu betreuen.

Und was gefällt am Job?
Die Arbeit mit und für Menschen ist eine Bereicherung. Auch der Teamzusammenhalt ist ein wichtiges Kriterium, um in der Pflege zu bleiben. Pflege ist facettenreich, professionell und vielseitig. Ich gehe gerne in die Arbeit und bin stolz, in der Pflege tätig zu sein. Abschließend ist zu sagen, dass das österreichische Gesundheitssystem seine Stärken und Schwächen hat. Ziel ist es, die Stärken hervorzuheben und die Schwächen des Systems zu reduzieren.

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