Lungenkrebs: Bessere Chancen bei Diagnose im Frühstadium

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Autor: Scho

Auch Patienten mit einem Lungenkarzinom im Frühstadium haben ein hohes Rückfallrisiko. Bei Erkrankten mit einer genetisch speziellen Form von Lungenkrebs verringert eine zielgerichtete medikamentöse Behandlung nach der Operation im Vergleich zu Chemotherapie diese Gefahr stark, zeigt jetzt eine internationale Studie mit Beteiligung von Wiener Spezialisten.

Pro Jahr erkranken in Österreich rund 5.000 Menschen an einem Lungenkarzinom. Etwa 4.000 Patienten sterben jährlich an Lungenkrebs. Seit einigen Jahren bringen zielgerichtete Therapien gegen „Treiber-Mutationen“ und die moderne Immuntherapie deutliche Fortschritte. Die jetzt im weltweit angesehenen „New England Journal of Medicine“ publizierte Studie betrifft eine dieser zielgerichteten Therapien für Patienten in den relativ frühen Stadien Ib bis IIIa, bei denen der Tumor per Operation entfernt werden kann.

Maximilian Hochmair, Pneumologe und Lungenkrebsspezialist des Karl Landsteiner Instituts für Lungenforschung und pneumologische Onkologie an der Klinik Floridsdorf und Co-Autor der internationalen Studie, gegenüber der APA: „Wir testen alle Patienten mit einem Lungenkarzinom auf genetische Charakteristika der bösartigen Zellen, um eventuell jeweils ganz spezifisch wirksame Medikamente einsetzen zu können.“ Zunächst begann man mit diesen zielgerichteten Therapien bei Patienten im Spätstadium und bereits inoperablen Karzinomen. Mittlerweile geht die Entwicklung zu immer früher und sogar schon vor dem chirurgischen Eingriff erfolgenden Behandlungsstrategien.

In der neuen Studie widmeten sich die Wissenschafter Patienten mit einem sogenannten ALK-positiven Lungenkarzinom. Hochmair: „Das sind bei uns in Österreich zwischen zwei und drei Prozent der Lungenkrebskranken. Während die meisten Betroffenen von einem Lungenkarzinom bei der Diagnose um 65 bis 70 Jahre alt und Raucher oder Ex-Raucher sind, ist das bei diesen Patienten anders. Kranke mit einem ALK-positiven Lungenkarzinom haben zumeist nie geraucht. Sie sind im Durchschnitt 45 bis 50 Jahre alt und verstehen buchstäblich die Welt nicht mehr, wenn sie mit dieser Diagnose konfrontiert werden.“ Als Komplikation treten auch noch besonders häufig gefürchtete Gehirnmetastasen auf.

Doch mittlerweile gibt es auch für solche Patienten mit Wirkstoffen wie Alectinib Medikamente, die eine große Hilfe bei der Kontrolle der Erkrankung darstellen können. „Chemotherapie hilft diesen Erkrankten kaum. Die zielgerichtete Therapie hingegen hat bei Patienten mit fortgeschrittenem ALK-positivem Lungenkarzinom eine gute Wirkung gezeigt. Wir wollten in der Studie wissen, ob das auch bei Erkrankten der Fall ist, bei denen ein ALK-positives Karzinom in einem relativ frühen Stadium erkannt und erfolgreich operiert werden konnte“, sagte der Pneumologe.

Trotz der Operation und einer belastenden Chemotherapie mit Cisplatin oder ähnlichen Medikamenten nach dem chirurgischen Eingriff mit Entfernung des Tumors betrug bisher die Rückfalls- und Todesrate bei diesen Patienten innerhalb von fünf Jahren 45 Prozent im Stadium Ib und sogar 76 Prozent im Stadium III. Die neue Untersuchung verglich deshalb die herkömmliche Chemotherapie bei solchen Patienten mit einer Behandlung mit Alectinib. Insgesamt wurden 257 Probanden nach der Operation in die Studie aufgenommen (Stadium IB bis IIIA). 130 Probanden bekamen zweimal am Tag je eine Tablette (600 Milligramm) des ALK-Inhibitors, 127 Personen aus der Vergleichsgruppe wurden mit einem Platin-Chemotherapeutikum behandelt. Nach zwei Jahren erfolgte die Auswertung nach der Häufigkeit von Rückfällen und der Sterblichkeit.

Reduktion der Rückfalls- und Todesrate um 76 Prozent

Die Ergebnisse sprechen für die zielgerichtete Therapie bei ALK-positivem Lungenkarzinom nach der Operation mit Substanzen wie Alectinib. „Der Prozentsatz der Patienten am Leben und ohne Rückfall betrug nach zwei Jahren in der Gruppe mit Alectinib 93,8 Prozent, in der Chemotherapie-Gruppe hingegen 63 Prozent (Erkrankte in den Stadien II bis IIIA; Anm.)“, heißt es in der Publikation. Die relative Reduktion der Rückfalls- und Todesrate betrug 76 Prozent. Auch Gehirnmetastasen und/oder Todesfälle traten unter der zielgerichteten Therapie innerhalb von zwei Jahren um 78 Prozent weniger häufig auf.

Die wissenschaftliche Studie könnte die Behandlung von Patienten mit ALK-positiven Lungenkarzinomen in einem noch operablen Stadium in Zukunft wesentlich verändern. Die zielgerichteten Therapeutika sind nämlich deutlich weniger mit schweren Nebenwirkungen behaftet als die Chemotherapie mit Cisplatin oder ähnlichen Wirkstoffen.

Alle diese Entwicklungen sprechen auch für eine möglichst frühe Diagnose von Lungenkarzinomerkrankungen. „Noch bekommt etwa die Hälfte unserer Patienten die Diagnose im fortgeschrittenen Stadium IV, etwa ein Drittel mit einem lokal fortgeschrittenen Tumor im Stadium III. Nur bei etwa 25 Prozent der Betroffenen wird die Krankheit im Frühstadium festgestellt“, lautet die Bilanz von Hochmair.

Die Fachpublikation finden Sie hier.

(APA/red.)

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