Dänische Spurensuche

Lesedauer beträgt 1 Minuten
Autor: Sissi Eigruber

75 Prozent der dänischen Bevölkerung haben sich bereits den zweiten Stich geholt – ohne Impfpflicht und Unterdrückungsgeschrei. Im September konnten sämtliche Anti-Covid-Maßnahmen im kleinsten Land Skandinaviens aufgehoben werden.

Dänemark tickt anders. Während im September 2021 die meisten europäischen Länder ihre Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-Pandemie wieder verschärfen mussten, hat das skandinavische Land mit 10. September fast alle Einschränkungen aufgehoben. Die Maskenpflicht fiel fast gänzlich und selbst für den Besuch von Bars, Restaurants und Nachtclubs benötigte man keinen Grünen Pass mehr. Man fragt sich: „Warum machen die das?“ Die Antwort lautet: „Weil sie es können.“ Und dafür gibt es mehrerlei Gründe. Manche davon lassen sich in Zahlen festmachen. Andere haben mehr mit Emotionen zu tun. Und viele mit dem Danish Way of Life.

Dänemark ist ein kleines Land; kleiner als Österreich. Die Besiedelung ist etwas dichter. Die Anzahl der Personen, die bis Ende September 2021 mit einer Covid-19-Infektion verstorben sind, ist mit 2.646 auch in Relation zur Bevölkerungszahl deutlich niedriger als in Österreich, wo bis Redaktionsschluss 10.712 Todesfälle registriert wurden. Dänemark kommt damit auf 0,5 Corona-Sterbefälle pro 1.000 Einwohner, während es in Österreich 1,2 sind – in Deutschland übrigens 1,1. Der Anteil der vollständig immunisierten Bevölkerung lag in Dänemark Ende September bei 75 Prozent. In Österreich betrug die Covid-Impfrate 60 Prozent, in Deutschland 65 Prozent.

Offenbar hat Dänemark irgendetwas richtig gemacht – besser als andere Länder. Wobei die skandinavischen Nachbarn Finnland, Norwegen und Island gemessen an der Bevölkerungszahl noch weniger Covid-Tote zu beklagen haben als Dänemark. Bei der Suche nach Ursachen stößt man auf ähnliche Erklärungsmuster wie in Dänemark, nur Schweden ist mit 1,4 Covid-Sterbefällen pro 1.000 Einwohnern ein negativer Ausreißer in der Region. Grund dafür ist der, auf Empfehlungen des schwedischen Chef-Epidemiologen Anders Tegnell eingeschlagene, „Schwedische Weg“ ohne Lockdowns und Maskenpflicht. Das Resultat: gute Wirtschaftsdaten aber hohe Sterberaten.

Wenn man der Regierung vertraut

Dänemark ist Beispiel dafür, dass die Eindämmung der Pandemie besonders gut funktioniert hat. Ein grundlegender Faktor dafür sei das gegenseitige Vertrauen von Bevölkerung und Regierung, analysiert der Mediziner und Ökonom Dr. Thomas Czypionka in einem Videobeitrag der Tageszeitung „Der Standard“. Czypionka leitet die Forschungsgruppe Gesundheitsökonomie und -politik am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien. Seine Einschätzung bezüglich Covid-Maßnahmen in Dänemark: „Sowohl die Bevölkerung vertraut der Regierung, was die Bekämpfung der Covid-Pandemie betrifft, aber die Regierung hat auch gezeigt, dass sie der Bevölkerung vertraut.“ In Österreich habe es indessen Diskussionen über die verpflichtende Einführung der Corona-App und über die Impfpflicht gegeben. Es gab Unklarheiten über die Menge des zur Verfügung stehenden Impfstoffes und die Sinnhaftigkeit von Masken. Widersprüchlichkeiten fördern Widerstand, so Czypionka. Politikwissenschafts-Professorin Hanne Foss Hansen am Institut für Staatskunde an der Universität Kopenhagen ortet im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“ großes Vertrauen der Bürger in die Kompetenz ihrer Regierung: „Die Dänen sind den Normen und Empfehlungen ihrer Regierung mit überwiegender Mehrheit gefolgt. Aus meiner Sicht ist das der wohl wichtigste Erfolgsfaktor bei der Eindämmung der Pandemie in Dänemark. Dadurch war es auch möglich, die Lockdowns weniger strikt anzuordnen.“ Die Regierung hätte sich auf die Bevölkerung verlassen können.

Ein weiterer Unterschied: Während in Österreich zuerst regelmäßig Bundeskanzler, Gesundheits- und Innenminister vor die Presse getreten sind, hat die dänische Minderheitsregierung unter Ministerpräsidentin Mette Frederiksen von Anfang an die Opposition sehr stark eingebunden. Dadurch hat es in der Bevölkerung viel weniger Diskussionen und Zweifel an den Maßnahmen gegeben.

Auch mit Impfskeptikern wurde anders umgegangen. In Dänemark hat man sich bemüht, sehr transparent die Nachteile der Impfung zu kommunizieren. Wesentliche Auswirkungen hatte vermutlich auch der Umgang mit dem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca. Anfang März 2021 wurde in Medien über Todesfälle in Dänemark und Österreich in zeitlichem Zusammenhang mit Impfungen berichtet. Als Ursache wurde die Entstehung von Thrombosen vermutet. Auch wenn dem Impfstoff in weiterer Folge Unbedenklichkeit bescheinigt wurde, so hat Dänemark auf weitere Impfungen mit diesem Impfstoff verzichtet. „Das hat das Vertrauen in die Impfung gestärkt“, wird die dänische Epidemiologin Lone Simonsen von der Roskilde University im „Spiegel“ zitiert.

„Generell sind die skandinavischen Staaten in der Risikokommunikation um einiges besser“, resümiert IHS-Experte Czypionka. Politische Beobachter teilen die Analyse: Dänemark habe nie Druck auf die Bevölkerung ausgeübt und sehr offen auch über kritische Aspekte gesprochen. Zudem sei den Dänen ein gesellschaftspolitischer Aspekt zugutegekommen: Den skandinavischen Staaten wird nachgesagt, dass das Gemeinschaftsbewusstsein viel stärker ausgeprägt ist als in Österreich, wo starker Individualismus dominiere. Nicht der gemeinschaftliche Nutzen, sondern die eigenen Vor- und Nachteile stünden für die meisten Österreicher im Vordergrund.

Höheres Tempo, umfassende Digitalisierung

In Dänemark wie in Österreich erfolgten die ersten Covid-19-Impfungen Ende Dezember 2020, Ende Juli war da wie dort rund ein Drittel der Bevölkerung vollständig geimpft. Doch während hierzulande das Impftempo deutlich nachließ, drückten die Dänen aufs Tempo und erreichten Ende September 2021 die 75-Prozent-Marke. In Österreich stagniert die Impf­rate seit Anfang September rund um die 60 Prozent. Belastbare Begründungen fehlen.

Schnell reagiert hat die dänische Regierung nicht nur in Sachen Impfung, sondern auch schon zu Beginn der Corona-Pandemie. Der erste Covid-19-Fall wurde in Dänemark am 27. Februar 2020 bekannt. Bereits am 11. März 2020 ordnete die dänische Regierung die Schließung von Schulen und weiteren öffentlichen Einrichtungen an. In Österreich startete der erste Lockdown ebenfalls relativ bald am 16. März 2020 – in Großbritannien, das eine sehr hohe Sterberate verzeichnet, zum Beispiel erst am 23. März 2020.

Covid-Tests wurden in Dänemark mit der gleichen – hohen – Geschwindigkeit eingeführt wie der Grüne Pass. Der wurde in Österreich zwar für April angekündigt, dann aber erst Ende Juni 2021 ausgerollt. Dänemark konnte hingegen tatsächlich Anfang April mit dem gültigen Impfnachweis durchstarten. Rund um Ostern wurden die Anti-Covid-Maßnahmen gelockert, wohingegen es in vielen anderen Ländern wieder zu Verschärfungen kam. Die „Osterruhe“ ist im Osten Österreichs nicht vergessen.

Bei all diesen Schritten nützte Dänemark einen Vorteil: Die Digitalisierung im Gesundheitsbereich ist weit fortgeschritten. Das habe zum Beispiel die Impfaktion erleichtert, berichtet IHS-Gesundheitsökonom Czypionka: „Die Menschen haben Einladungen (zur Covid-19-Impfung) bekommen, wussten auch, wo sie sich anmelden und einen individuellen Impftermin bekommen. Bei uns war das sehr viel mehr von eigener Aktivität geprägt.“ Er habe sich stets selbst informieren müssen, wann welche Gruppe dran sei. Dafür sei der Besuch einer Webseite und eine Registrierung notwendig gewesen. Die Hindernisse seien zahlreich gewesen: „Dann habe ich das vielleicht nicht gekonnt oder die Webseite ist abgestürzt oder was auch immer.“ In Dänemark nutzte die Regierung die Möglichkeit, auf elektronischem Weg direkt mit einzelnen Bürgern zu kommunizieren. Das dänische digitale Impfregister existiert seit dem Jahr 2013.

Hat Dänemark also den Dreh raus, um die Pandemie besser zu bewältigen als andere? Trotz der bisherigen Erfolge scheuen sowohl Politiker als auch Virologen vor derartigen Aussagen zurück. Soren Riis Paludan, Professor für Virologie an der Universität Aarhus kommentiert gegenüber der Nachrichtenagentur AP die Aufhebung der Covid-Maßnahmen im September wie folgt: „Wir haben die Tür geöffnet, aber wir haben auch gesagt, dass wir sie schließen können, falls nötig.“    //

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Weiterlesen

Aktionsbündnis Patientensicherheit stärkt Sicherheit in der medizinischen Behandlung

Am 16. Februar 2023 titelt die BILD-Zeitung: „Neue Schock-Zahlen aus Arztpraxen, Kliniken, Pflegeheimen. Jeden Tag 300 Mal Medizin-Pfusch“. Vorweg dazu: Wie hoch die Zahlen wirklich sind, ist in Deutschland nicht bekannt.