Die meisten PatientInnen versterben auf der Normalstation

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Autor: Josef Ruhaltinger

Paul Sungler, Leiter der Salzburger Landeskliniken SALK, brach mit seiner „Überlastungsanzeige“ den Burgfrieden im Land der Krisenverdrängung. Er ist nicht sicher, ob der Lockdown seine Kliniken vor der Triagierung retten kann.

Herr Sungler, Salzburg und Oberösterreich werden besonders hart von der vierten Welle getroffen. Was spielt sich derzeit in Ihren Kliniken ab?
Das Personal ist wirklich maximal gefordert. Ich glaub, dass man es sich kaum vorstellen kann, was 98 bis 100 Aufnahmen auf der Normalstation in einer Woche bedeuten. Wir haben vom 15. auf den 16. November über Nacht einen Zuwachs von neun Intensivpatienten gehabt. Das ist ein Quantensprung. Einer unserer Primarii hat mir berichtet, dass einen Tag später innerhalb von 30 Minuten fünf Patienten zur Aufnahme und Übernahme auf eine Intensivstation angestanden sind. Das sind Zahlen, die sind wirklich besorgniserregend.

Sie haben die Politik, Aufsichtsrat und die Gesundheitsbehörden informiert, dass die Lage zu eskalieren drohe. Wozu die Warnung?
Das fordert das Krankenanstalten-Gesetz. Politik und Aufsichtsrat waren schon vorgewarnt, dass es eine Überlastungsanzeige geben werde. Das sollte eigentlich ein Frühwarninstrument an die Behörden und an die Bevölkerung sein. Es war und ist eine Anzeige, dass wir in eine Notsituation gehen, in der die Auslastung der Spitalbetten ein Übermaß erreicht. Unter diesen Umständen kann die Behandlung von Patientinnen und Patienten nicht mehr nach allen Grundregeln der medizinischen Wissenschaft erfolgen.

Hat der Hilferuf genützt?
Das hat uns sehr geholfen. Es wurden sehr schnell neue Kanäle aktiviert. Es ist auch ein Dank an die Pensionsversicherungsanstalt, die es möglich gemacht hat, dass wir einen raschen Transfer von Patientinnen und Patienten von uns in eine Früh-Reha bringen können.

Betraf dies COVID-Patienten?
Dabei ging es um keine COVID-Patienten. Aber wir konnten durch Umschichtungen Platz für neue COVID-Patienten schaffen. So räumte man die Neuro-Care-Station in der Christian-Doppler-Klinik frei. Die dortigen Patienten mussten ihre Rehabilitations-Phase abbrechen, was mir sehr leid tut. Aber wir haben 30 zusätzliche Betten gewonnen. Und das mit den dafür notwendigen Ärztinnen und Ärzten. Wir können Stand jetzt wieder Patientinnen und Patienten in einer COVID-Transfer­station aufnehmen.

Wie weit sind diese COVID-Patienten erkrankt?
Es handelt sich in der Transferstation um Patientinnen und Patienten, die zwar noch COVID-positiv sind, die aber keiner wirklichen stationären Behandlung mehr bedürfen, bis sie dann nach Hause oder in ein Seniorenwohnheim abfließen können.

Sie haben in den Salzburger Kliniken ein Triage-Team in Vorbereitung. Was bedeutet dies?
An und für sich ist es in der Medizin so, dass wir immer eine gewisse Triage vornehmen. Es ist ein Irrglaube, dass alle Menschen, denen es schlecht geht, wie in einem Stufenplan von der Normalstation auf die Intensivstation kommen und dort versterben. Die meisten PatientInnen versterben auf der Normalstation, was im Prinzip auch das Menschenwürdigere ist, weil das Umfeld ein besseres ist. Dort kann man sich ohne Barrieren und Schläuche verabschieden. Triagierung bedeutet im Wesentlichen, dass man sich in einem Expertenteam unterhält, welcher Patient unter Umständen nicht mehr von einer Intensivbehandlung profitiert.

Was steht zur Wahl?
Es ist nicht mehr so, dass man Patienten, die Atemnot haben und schlecht atmen, sofort intubiert. Das hat sich mit der Erfahrung in der Behandlung von COVID-Patienten weiterentwickelt. Wir versuchen, so lange wie möglich mit nicht-invasiven Methoden die Patienten mit einer Art Überdruckmaske zu beatmen. In Wahrheit ist auch das schon eine Form der Triagierung. Intubiere ich oder setze ich auf diese nicht-invasive Behandlung? Tatsache ist, dass die nicht-invasive Behandlung sehr gute Ergebnisse erzielt und die Intubation immer eine Maßnahme ist, die es sehr gut zu überlegen gilt. Denn wenn ein Mensch am Respirator hängt, dann muss man davon ausgehen, dass der Zustand sehr kritisch ist. Daher ist die Triagierung nichts Neues. Zudem gibt es eine 2020 neu überarbeitete Richtlinie von allen Fachgesellschaften Österreichs in Analogie mit Deutschland und anderen europäischen Staaten, wo geregelt ist, wer kommt auf die Intensivstation und wer kommt nicht auf die Intensivstation. Und ja, wenn es so weiter geht, wird uns unter Umständen nichts anderes übrigbleiben, als uns zu überlegen, wer wohin verlegt wird.

Wie beschreiben Sie die aktuelle Sachlage? Muss schon triagiert werden?
Wir sind momentan noch in der Situation, dass wir landesweit noch einen Puffer an Normal- und Intensivbetten haben. Wir haben die Überlastungsanzeige als Vorwarnung gedacht. Die Überlastung droht, wenn die Entwicklung ungebrochen weitergeht.

War die Überlastungsmeldung an die Behörden eine voreilige Aktion?
Ich glaube nicht, dass sie voreilig war. Wir haben uns alles sehr, sehr gut und sehr, sehr genau überlegt. Letztlich erging die Meldung der kollegialen Führung erst an mich und von mir dann an den Aufsichtsrat bzw. an den Eigentümer, das Land Salzburg.

Höret die Signale.

SALK-Chef Paul Sungler sorgte mit der Überlastungsanzeige bei seinem Chef Wilfried Haslauer zuerst für gehörige Irritationen. Vier Tage später stimmte auch der Salzburger Landeshauptmann dem Lockdown zu.

Die aktuellen Ansteckungszahlen signalisieren, dass wir noch nicht am Höhepunkt der Hospitalisierungen stehen. Welche Krisenstufen stehen noch zur Verfügung oder gibt es andere flankierende Maßnahmen, wie sich Salzburg vor einer kompletten Überlastung seiner Spitäler schützen kann?
Wir stehen derzeit am Ende der Stufe 12 von 15 Stufen. Das Wesentliche ist eben einerseits diese COVID-Transferstation in der Christian-Doppler-Klinik, die viel Druck wegnimmt. Es gibt auch Ideen, noch andere Reha-Einrichtungen zu nutzen. Wir haben ein sehr gutes Angebot von der Österreichischen Gesundheitskasse erhalten, dass man auch ein Haus in Goldegg mit 100 Betten benützen kann. Das wird für Patienten aus dem Seniorenwohnbereich in Frage kommen, wenn dort eine Betreuung nicht mehr möglich ist. Wesentlich ist, dass wir verlegen können. Es gibt auch eine Dienstanweisung, elektive (nicht akute, Red) Eingriffe und elektive Aufnahmen in allen Bereichen zurückzunehmen, weil wir einfach unsere Betten für unsere Akutpatienten brauchen – mit COVID, Unfall oder Herzinfarkt. Und eines stelle ich klar: Wir nehmen COVID-Patienten auf, egal, ob geimpft oder ungeimpft.

Eine große Minderheit der Bevölkerung zweifelt am Kampf gegen Covid oder lehnt ihn sogar ab. Gleichzeitig unterstreichen Sie, dass Ihre Belegschaft oft schon weit über den Anschlag im Dienst für Covid-Patienten steht. Was würden Sie sich denn erwarten, das die Bevölkerung jetzt beitragen soll?
Ich bin wirklich entsetzt, wie wenig Eigenverantwortung unsere Mitmenschen auf sich nehmen. Mir fiel kürzlich der Vergleich ein: Nur deshalb, weil man auf der Bundesstraße mit 100 km/h fahren darf, heißt das noch lange nicht, dass ich mich nicht nach den Gegebenheiten richten muss. Wenn Nebel ist, wenn Schnee liegt, wenn es eisig ist, wenn es massiv regnet, dann kann ich dort nicht 100 km/h fahren. Und derzeit muss ich sagen, bei dem Druck, dem wir ausgesetzt sind in der Gesundheitsversorgung, versteh ich es nicht, wie Menschen in Geschäften ohne Maske auftreten, wie Menschen immer noch ans Feiern denken, wie sie immer noch die ungeschützten sozialen Kontakte haben. Ich denke mir, es ist wesentlich, dass sich die Bevölkerung impfen lässt, dass wir möglichst rasch jetzt nach dem vierten Monat schon den dritten Stich verabreichen lassen. Wir wissen aus den Daten aus Israel, dass diejenigen Menschen, die das dritte Mal geimpft sind, auch nicht mehr die Krankheit so leicht weitergeben können. Wir müssen wirklich alle zumutbaren Maßnahmen einhalten und unser Freizeitverhalten dementsprechend anpassen. Und es ist sicher auch jetzt nicht die Zeit für Risikosportarten und sonstiges, weil unsere Intensivstationen anderweitig benötigt und gebraucht werden. Diese Übelastungsanzeige kam nicht deswegen, weil wir weniger arbeiten wollen. Wir wollen nichts anderes als unsere Mitbürgerinnen und -bürger versorgen und niemanden abweisen.

Können Notfälle in Salzburg noch adäquat medizinisch versorgt werden?
Niemand soll in einer Notsituation zu Hause bleiben. Ganz im Gegenteil. Wer Hilfe braucht, ruft die Rettung, wählt 1450, und dann findet sich ein Platz im Spital. Wir sind nach wie vor aufgrund der deutlich strengeren Sicherheitsmaßnahmen, die wir hier für bzw. gegen COVID einhalten, immer noch der sicherste Ort in Salzburg.

Wird der Lockdown die Triagierung verhindern?
Wir werden sehen. Ich hoffe es sehr.    

Zur Person: Der gebürtige Stadt-Salzburger Paul Sungler (65) ist Chirurg und Intensivmediziner. Von Februar 2011 bis 2013 leitete er als Medizinischer Direktor und akkreditierter Chirurg das Mediclinic Welcare Hospital in Dubai, VAR. Mit seiner Bestellung ab Jänner 2014 zum SALK-Geschäftsführer wurde er zum Boss von rund 5.500 MitarbeiterInnen an sieben Kliniken. 2019 wurde Sunglers Vertrag bis 2024 verlängert. Das Gespräch wurde am 18. November per Livestream geführt und am 23. November schriftlich aktualisiert.

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