Viele Medizinstudenten verlassen nach ihrem Studium Österreich in Richtung Deutschland oder in die Schweiz. Die Ursache: Mängel in der Ausbildung und ein österreichisches Unikum.
Wenn es so bleiben würde, wie es derzeit ist, wäre das schon sehr frustrierend.“ Angela Kogler, Obfrau der Jungen Allgemein- und Familienmedizin Österreich (JAMÖ), spricht offen aus, wie es vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen geht, die sich derzeit in der Ausbildung zum Arzt befinden. Die Stimmung bei Österreichs Medizinernachwuchs ist „nicht so gut“, meint auch Natalja Haninger-Vacariu, Vertreterin der Turnusärzte in der Bundeskurie angestellte Ärzte der Ärztekammer.
Die Laune der heimischen Turnusärzte trübt eine Melange von Problemen. Viel Arbeit und reichlich Stress trifft auf geringe Wertschätzung. Das ist schon mal eine miese Grundlage, aber noch nicht der wesentliche Grund für den Frust. Viel schwerer wiegt aus Sicht von Kogler und Haninger-Vacariu das, womit die Nachwuchskräfte in ihrem Arbeitsalltag beschäftigt werden – und womit nicht. „Die Turnusärzte verwenden mehr als 60 Prozent ihrer Arbeitszeit für Bürokratie und administrative Tätigkeiten“, so Haninger-Vacariu. Kogler, selbst Turnusärztin, verdeutlicht, was das konkret bedeutet. Sie berichtet von einem „Alltag voller Routinearbeiten“, vom Schreiben der Papierkurven bis zum Recherchieren alter Befunde, vom Vereinbaren von Terminen bis zum Einscannen von zahlreichen Dokumenten oder gar dem Reparieren des Druckers – und natürlich telefonieren. Kogler: „Wir telefonieren den ganzen Tag.“

Warteschleife Basisausbildung. In Österreich verzögert sich der Berufseintritt von Jungmedizinern durch zusätzliche Anforderungen um bis zu ein Jahr. In dieser Zeit werden die heimischen Absolventen in deutschen und Schweizer Kliniken mit offenen Armen empfangen.
Die Geisel der Zivilisation: Bürokratie
Was in der Aufzählung fehlt, ist das, womit die Ärztinnen und Ärzte von morgen eigentlich den Großteil ihrer Zeit verbringen sollten: Lernen. „Die jungen Kolleginnen und Kollegen leiden unter einer Bürokratieflut, die leider nicht weniger wird“, bestätigt Ärztekammer-Vizepräsident Harald Mayer. „Sie werden von administrativen Aufgaben blockiert und haben viel zu wenig Zeit, sich ordentlich weiterzubilden.“ Es sei „frustrierend, dass eine gute Ausbildung in der Allgemeinmedizin oft vom eigenen Engagement abhängt – länger bleiben, auf Pausen verzichten, sich selbst die wichtigsten Werkzeuge für die Zukunft als Hausärztin im Krankenhaus zusammensuchen“, meint JAMÖ-Obfrau Kogler. „Ausbildung sollte nicht etwas sein, das nur nebenbei passiert, wenn Zeit übrigbleibt. Sie muss ein integraler Bestandteil des Arbeitsalltags werden.“
Die Frustration über die Mängel in der Ausbildung können sich die Nachwuchsmediziner neuerdings in einer jährlichen Umfrage, die die Ärztekammer seit 2023 mit der ETH-Zürich durchführt, von der Seele schreiben. Diese „Ausbildungsevaluierung“ zeigt, dass die Zufriedenheit der Auszubildenden in Österreich messbar unter dem Niveau in der Schweiz liegt. Für die Eidgenossen ist das eine positive Nachricht. Denn die Schweiz gehört ebenso wie Deutschland zu den Exportländern Österreichs, wenn es um Absolventen des Medizinstudiums geht. Dummerweise ist das alles andere als ein gutes Geschäft: Die Kosten für die Ausbildung der zukünftigen Mediziner haben es nämlich in sich. Laut Zahlen des Wirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2020 schlägt ein Medizinstudium beim Bund mit einem Aufwand von 436.000 Euro (Graz) bis 542.000 Euro (Wien) zu Buche.
Mehr als 20 Prozent der Nachwuchsmediziner, die für dieses Geld an den Universitäten in Wien, Graz, Linz oder Innsbruck ausgebildet werden, zieht es anschließend ins Ausland. Laut einer Untersuchung des Rechnungshofs kommen dazu weitere zehn Prozentpunkte an Absolventen, die nach ihrem Studium nicht als Arzt arbeiten, sondern in die Forschung oder die Privatwirtschaft gehen. In Summe ergibt das eine Quote von mehr als 30 Prozent von Medizinabsolventen, die mindestens sechs Jahre lang für viel Geld ausgebildet wurden, dem österreichischen Gesundheitssystem dann aber nicht zur Verfügung stehen. „Volkswirtschaftlich gesehen ist das eine miserable Quote“, meint ein heimischer Spitalsmanager. Laut Ärztekammer-Vizepräsident Mayer ist sie sogar noch schlechter: „Wir haben pro Jahr rund 2.400 Absolventinnen und Absolventen an den öffentlichen und privaten Medunis. Davon entscheiden sich 1.400 für die Ausbildung als Ärztin oder Arzt in Österreich. Wir bräuchten aber 1.600 bis 1.700, um den Bedarf zu decken.“
Über die Frage, wie man diese Lücke schließen sollte, gehen die Meinungen auseinander. Eine Reihe von Politikern fordert, die Zahl der Medizinstudenten deutlich zu erhöhen. Zu ihnen zählt der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker. Aus seiner Sicht müsse die Zahl der Medizinstudenten an den öffentlichen Unis von derzeit rund 1.850 um „mindestens 1.500“ erhöht – also nahezu verdoppelt – werden. „Wir haben zu wenige Ärzte. Und das ist erst der Anfang. In zehn Jahren werden wir einen Ärztemangel haben, da wird der heutige Pflegemangel wie ein Lercherl im Vergleich dazu ausschauen“, meinte er in der Ausgabe 11/2023 gegenüber der ÖKZ.
Ärztekammer-Vertreter Mayer ist davon wenig begeistert. „Die Erhöhung der Studienplätze ist nicht die Lösung. Da besteht ein Denkfehler. Wir schaffen es derzeit nur, etwas mehr als die Hälfte der Absolventen im Gesundheitssystem zu halten“, so Mayer. „Natürlich kann ich jetzt sagen: Wenn ich doppelt so viele ausbilde wie bisher, dann bleiben sicher auch mehr. Ein besonders effizienter Einsatz der Ressourcen ist das allerdings nicht.“
Mayer plädiert dafür, die Beschwerden der Jungmediziner über die Mängel in der Ausbildung ernst zu nehmen. Das zentrale Problem aus Sicht vieler Experten: Während der Ausbildung bleibt zu wenig Zeit für die Qualifizierung. „Die jungen Kolleginnen und Kollegen werden mit administrativen Aufgaben überhäuft – das ist die eine Seite. Es gibt aber noch eine zweite: „Die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, die den Nachwuchs ausbilden sollten, haben dafür im Arbeitsalltag auch keine Zeit“, meint Mayer. „Woher nehmen, wenn nicht stehlen.“ Das Problem: Die Ausbildungsverantwortlichen haben in den heimischen Spitälern bis auf wenige Ausnahmen kein eigenes Zeitbudget für die Ausbildung – und wenn sie es haben, dann eher nur in der Theorie. „Die Ausbildungsverantwortlichen müssten von der klinischen Routine freigespielt werden. Das sind sie derzeit nicht. Sobald im Spital Not am Mann ist, müssen sie einspringen. Die Ausbildung hat keine Priorität“, schildert Turnusärztevertreterin Haninger-Vacariu.

Schreibtisch statt Patientenbett. Turnusärzte würden mehr als 60 Prozent ihrer Arbeitszeit für Bürokratie und administrative Tätigkeiten aufwenden, beklagt Natalja Haninger-Vacariu. Sie ist Vertreterin der Turnusärzte in der Ärztekammer.
Qualifizieren bedeutet investieren
Ausbildung geht nicht nebenbei. Davon sind die Experten überzeugt. „Wenn ich die jungen Kolleginnen und Kollegen begleite, dann ist das natürlich zeitaufwendig. Ich brauche doppelt so lange, wie wenn ich das alleine mache“, meint Ärztekammer-Vertreter Mayer. „Aber das ist nun mal so. Wir müssen diese Zeit investieren.“ Mayer und Haninger-Vacariu wünschen sich, dass man sich in Österreich die Schweiz zum Vorbild nimmt. Dort verfügen die Mediziner über ein dezidiertes Budget für die Ausbildung.
Zudem wird dem Nachwuchs in der Schweiz frühzeitig Verantwortung übergeben. Mayer berichtet von einer Erfahrung, die er bei einem Besuch vor Ort vor einigen Jahren gemacht hat: „Die Jungen haben nach wenigen Wochen bereits die Verantwortung für die Betreuung der Patienten in einem Zimmer bekommen. Natürlich unter Aufsicht. Die Botschaft der erfahrenen Kollegen war ganz einfach: Wir gehen um 12 Uhr zur Visite. Du stellst mir die Patienten vor, und wir schauen sie uns gemeinsam an.“
In der Schweiz und in Deutschland profitiert man von den Unzulänglichkeiten in der heimischen Ausbildung. Zu den Absolventinnen und Absolventen, die es nach Deutschland zieht, gehören natürlich zahlreiche sogenannte Numerus Clausus-Flüchtlinge aus Deutschland, die den geforderten Notendurchschnitt von mindestens 1,4 nicht schaffen und daher ihr Heil in der Aufnahmeprüfung in Österreich suchen. Deren Anteil ist aber beschränkt. Laut Quotenregelung müssen 75 Prozent der Bewerber ein österreichisches Maturazeugnis haben.
Viele dieser jungen Menschen zieht es nach Abschluss des Studiums zurück in ihre Heimat. „Das muss aber nicht so sein“, meint Daniel von Langen, Vorsitzender des Bildungsausschusses der Ärztekammer. „Man könnte die jungen Menschen ja auch mit einem guten Angebot davon überzeugen, zu bleiben. Es soll ja einige deutsche Staatsbürger geben, die in Österreich leben.“ Er beschreibt die Erfahrungen, die Nachwuchsmediziner nach Abschluss ihres Studiums machen. „Sie informieren sich über die Ausbildungsqualität und das Gehalt und bewerben sich auf verschiedenen Stellen in Österreich, der Schweiz und in Deutschland“, so von Langen.
In vielen Fällen schaue das Ergebnis so aus: In Österreich gebe es eine Wartezeit von bis zu einem Jahr und in Deutschland und der Schweiz werde man mit offenen Armen empfangen. „Sie können morgen anfangen. Sie bekommen folgende Zusatzleistungen. Wir helfen Ihnen bei der Wohnungssuche. Wir garantieren Ihnen die Ausbildung in der Mindestzeit. Und wir zahlen übertariflich. Das ist eine typische Antwort aus Deutschland“, schildert von Langen.
Bumerang Basisausbildung
Die langen Wartezeiten, die der Ärztekammer-Vertreter anspricht, sind in erster Linie einem österreichischen Unikum geschuldet, das vor rund zehn Jahren eingeführt worden ist: die sogenannte Basisausbildung. Im Unterschied zu den beiden Nachbarländern können sich die Absolventen in Österreich nicht direkt um eine Stelle als Turnusarzt bewerben. Sie müssen vorher die neun Monate lange Basisausbildung absolvieren. In anderen Worten: Die Ausbildung ist in Österreich um diese neun Monate länger.
Und die Qualität dieser zusätzlichen Ausbildung ist – höflich formuliert – umstritten. Bei der Ausbildungsevaluierung, die die Ärztekammer gemeinsam mit der ETH-Zürich durchführt, hat sie im Jahr 2024 jedenfalls mit 4,37 von 6 möglichen Punkten nur eine durchwachsene Gesamtbewertung erhalten. Die Studie zeigt auch große Unterschiede zwischen den einzelnen Spitälern und Abteilungen. Sieben Prozent der Abteilungen erhielten die Note „nicht genügend“. Dazu Turnusärztevertreterin Haninger-Vacariu: „Hier besteht dringender Handlungsbedarf.“
Die massive Kritik an der Basisausbildung hat auch die Politik erreicht. Im neuen Regierungsprogramm wurde festgehalten, dass eine Reform geprüft werden soll. Die möglichen Ansätze reichen von einer Verbesserung der Qualität bis zur ersatzlosen Streichung. Was dabei wirklich herauskommt, ist offen. Immerhin – für die jungen Allgemeinmediziner hat sich die Situation mit der Einführung der neuen Ausbildung zum „Facharzt für Allgemeinmedizin und Familienmedizin“ schon etwas entschärft. Sie wird ab 1. Juni 2026 angeboten. Bislang müssen die Absolventen die Basisausbildung vorwiegend im Spital verbringen und erfahren dort sehr wenig über den Alltag beim Hausarzt. Nun können sie die ersten sechs Monate direkt in einer Hausarztpraxis oder zumindest in einer zentralen Notaufnahme absolvieren. JAMÖ-Obfrau Kogler: „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Jetzt geht es darum, die weiteren Details der Ausbildung zu erarbeiten.“
Quellen und Links:
Ergebnisse der Ausbildungsevaluierung 2024 durch Ärztekammer und die ETH Zürich: www.aerztekammer.at/presseinformation
Medunis gegen mehr Studienplätze: www.diepresse.com/6278411/kein-quantitativer-aerztemangel-med-unis-gegen-mehr-studienplaetze
Kritik an der Basisausbildung für Mediziner: tirol.orf.at/stories
