Globuli statt Spritze

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Autor: Stefanie Dirnbacher-Krug

Die österreichische Impfskepsis kam nicht erst mit COVID. Aus einem Gesundheitsthema wurde inzwischen eine Haltungsfrage. Ein internationaler Vergleich zeigt: Die heimischen Zweifler sind bei Weitem nicht allein.

Angst vor Thrombosen, Myokarditis, Zweifel am Nutzen der Impfung und die Überzeugung, Vakzine seien verkapptes Gift: Diese und andere Gründe halten knapp 30 Prozent aller Österreicher von einer vollständigen Impfung gegen COVID ab. Die Impfskepsis, die während der Pandemie in einem Impfpflicht-Gesetz gipfelt, ist nicht auf die Corona-Vakzine beschränkt. Masern, Tetanus, Hepatitis – der Zweifel an der immunisierenden Spritze wird als Bestandteil der österreichischen Mentalität abgetan – und damit eher zu eine Frage für Soziologen und Psychologen gemacht als für Virologen. Ein internationaler Vergleich der Durchimpfungsraten ist aufgrund unterschiedlicher Impfempfehlungen und Finanzierungsmodelle schwierig. Dennoch macht die Gegenüberstellung der Trends sichtbar: Vorbehalte gegen Vakzine sind in Österreich ausgeprägter als in anderen OECD-Staaten – und werden mit Klauen und Zähnen verteidigt.

Starker Hang zur Esoterik

Katharina Paul, Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien, beschäftigt sich mit dem Impfverhalten und der Impfpolitik. Die Gründe für die heimische Impfskepsis seien zwar noch wenig erforscht, in Österreich existiere wie auch in der Schweiz und Deutschland eine „historisch bedingte Gleichsetzung von Gesundheit mit Natürlichkeit“. Darüber hinaus haben laut Paul alle drei Länder eine starke alternativmedizinische, wenn nicht sogar esoterische Bewegung. „Dazu gibt es auch einen starken Markt mit einer Industrie dahinter, die diese Produkte intensiv vermarktet.“ Globuli und Co werden auch in vielen heimischen Apotheken beworben, so Paul.

Vertrauen in Institutionen.
Für die Impf­forscherin Katharina Paul hängt die Bereitschaft zum Stich stark vom Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen ab.
Impfquoten sind Wertungsnoten für
Politiker und Gesundheitssysteme –
nur mit anderen Mitteln.

Die Politikwissenschaftlerin ist Mitautorin einer Studie über „Hoffnungen, Befürchtungen und Erwartungen in Bezug auf COVID-19-Impfstoffe“. Dabei wurde die Haltung der Bevölkerung gegenüber COVID-19-Impfungen in sieben europäischen Ländern verglichen (Österreich, Belgien, Deutschland, Irland, Italien, die deutschsprachige Schweiz und das Vereinigte Königreich). Die in dieser Studie verarbeiteten Daten wurden im Oktober 2020 noch vor der allgemeinen Zulassung von COVID-19-Impfstoffen erhoben. Die getroffenen Aussagen haben durch die Entwicklungen aber nichts von ihrer Kraft verloren, wenn es dort heißt: „Vertrauen, insbesondere in Experteninstitutionen, ist eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz von Impfstoffen“. Dabei wird ausgeführt, dass dieses Vertrauen in Gesundheitssysteme und politische Strukturen in den Ländern sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. So wiesen Großbritannien und Belgien sehr positive Haltungen gegenüber der COVID-19-Impfung auf. Beide Länder verfügen auch bei anderen „Jabs“ wie gegen Masern oder Hepatitis über hohe Akzeptanzraten. Und sie setzen auf einheitliche Programme, die dann im ganzen Land umgesetzt werden. Anders ist die Situation in den föderal strukturierten Gesundheitssystemen in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Dort hänge der Zugang zu Impfstoffen und die Beteiligung an Impfkampagnen von der Initiative des Einzelnen ab, was zu deutlich schlechteren Resultaten führe. Ein anderer Gradmesser der Impfbereitschaft ist laut Studie das Vertrauen der Teilnehmer in die politischen Institutionen ihrer Länder. Die österreichischen Teilnehmer orteten eine tendenziell geringe Verlässlichkeit ihrer nationalen Regierung, hatten aber (eher) großes Vertrauen in ihre Gesundheitsbehörden. Im Gegensatz dazu betonten Bürger und Bürgerinnen aus Belgien, Deutschland, Irland und Italien, dass sie sowohl den Regierungen als auch den Gesundheitseinrichtungen in Bezug auf COVID-Maßnahmen vertrauen würden. Zumindest in Deutschland hat sich diese Position im Lauf der Pandemie allerdings deutlich geändert.

Impfdiskussion ist ansteckend

Die massive Diskussion um den COVID-Stich hat alte Vorbehalte freigelegt. Ein wachsender Bevölkerungsanteil stellt die Impfung an sich infrage. Daher sinkt die Zahl der Stiche auch bei anderen Präventionsmaßnahmen. Besonders gut sichtbar wird dies bei Impfungen für Kinder. „Bei Masern-Mumps-Röteln ging 2020 die Durchimpfungsrate bei den Einjährigen deutlich zurück“, erklärt Maria Paulke-Korinek, Leiterin der Abteilung Impfwesen im Gesundheitsministerium, eine besorgniserregende Entwicklung. Die Kinder würden zwar weiterhin geimpft, aber später als zum empfohlenen vollendeten neunten Lebensmonat. Laut dem Kurzbericht zur Evaluierung der Masern-Durchimpfungsraten haben im Jahr 2020 nur drei Viertel der einjährigen Kinder die erste und 45 Prozent die empfohlene zweite Teilimpfung erhalten. Bei den Zwei- bis Neunjährigen verfügten rund 90 Prozent über einen vollständigen Impfschutz.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt die durchschnittliche Masern-Impfquote von Kindern in Österreich mit 84 Prozent verhältnismäßig niedrig ein. Lediglich Frankreich und Griechenland besäßen mit einer je 83-prozentigen Durchimpfungsrate schlechtere Plätze. Kein gutes Zeugnis gibt es auch für die Impfung gegen Diphtherie-Tetanus-Pertussis (DTP). Mit einem 85-prozentigen Anteil geimpfter einjähriger Kinder mit drei Dosen – genauso hoch ist im Übrigen die DTP-Impfquote in Indien – bildet Österreich das Schlusslicht in Europa.

Mehr Grippeimpfungen seit Pandemie

Immer wieder thematisiert wird die mangelnde Impfbereitschaft der Österreicher bei der Grippeimpfung. „Bei den Influenzaimpfungen liegt Österreich weit hinten. Positiv ist aber, dass die Durchimpfungsrate seit Beginn der Pandemie von acht auf 20 Prozent gestiegen ist“, schildert Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller. Auf Impfungen im Schulalter habe sich die Pandemie aufgrund der Schulschließungen und der Durchbrechung der Routine hingegen negativ ausgewirkt, so Gallo-Daniel. „Wir sehen diesen Rückgang sehr kritisch, weil die Gefahr besteht, diese Kinder für einen kompletten Impfschutz zu verlieren.“
Einen Ausreißer vom österreichischen Impfverhalten stellt die FSME-Impfung dar. „Mit einer mehr als 80-prozentigen Durchimpfungsrate mit mindestens einer Impfung sind wir hier weltweit die Nummer eins“, so Gallo-Daniel. Eine von Pfizer finanzierte Studie aus 2018, die die FSME-Impfquoten in elf europäischen Ländern untersuchte, kam auf eine durchschnittliche Impfquote von 25 Prozent. Die Autoren beleuchteten auch separat die hohe Durchimpfungsrate in Österreich und führten diese auf die jährlichen FSME-Impfaufklärungskampagnen zurück.

Bedarf es also bloß vermehrter Werbung, um die Impfbereitschaft der Österreicher anzustoßen? „Kommunikation und Aufklärungskampagnen sind wichtig, um die Menschen zu informieren und sie zur Impfung zu bewegen. Wir haben in Österreich einen sehr guten Impfplan und ein Kinderimpfkonzept, aber kein Impfkonzept für Erwachsene. Wir sollten Impfaktionen, Aufklärungsarbeit, Kampagnen oder eine aktive Impfberatung durch Ärzte vorgeben“, merkt Gallo-Daniel an. Sie hält eine Impfpasskontrolle bei der Vorsorgeuntersuchung für ebenso sinnvoll wie eine proaktive Impfberatung in öffentlichen Apotheken, Schulen und Betrieben. Ähnlich sieht es Paulke-Korinek: „Hier gibt es künftig eindeutig Bedarf nach breitflächigeren Infokampagnen.“ Auch automatischen Erinnerungssystemen nach skandinavischem Vorbild kann sie einiges abgewinnen. Der elektronische Impfpass in Österreich liefert hierfür bereits wichtige Grundlagen.
Bei der COVID-Impfung hatte die Impfkampagne jedenfalls einen unmittelbaren Effekt. Während im Oktober 2020 nur 32 Prozent der Österreicher impfbereit waren, sprang die Impfbereitschaft nach Start der Kampagne im Jänner 2021 auf 47 Prozent, wie das Austrian Corona Panel Project (ACPP) analysierte – was freilich in Anbetracht der anvisierten 65 bis 70 Prozent – damals herrschten noch Delta-Zeiten – immer noch zu wenig war. Aber die Kampagnen zeigten Wirkung. Mittlerweile sind jedoch nicht nur mehr Impfgegner misstrauisch. Die Studienautorin Paul hält daher eine Erhöhung des Informationsdrucks für zu wenig, um die Impfbereitschaft in der Bevölkerung zu erhöhen. „Es braucht Empathie. In Österreich zweifeln viele Menschen die Effektivität und die Sicherheit von Impfungen an.“

Ganz ohne Druck wird sich am österreichischen Impfverhalten laut Paul allerdings nicht viel ändern. Mit der Impfpflicht könne man nur eine kurzfristige Zunahme der Impfungen erreichen. Ein aktives Zugehen auf die Menschen hält Paul für nachhaltiger: Statt die Initiative für eine Impfung der Bevölkerung zu überlassen, sollte es aktive Einladungen und Erinnerungen geben, gekoppelt an Konsequenzen. „Wir sollten Nudges, also Anstöße zur Verhaltensänderung, einführen und dafür auch Ressourcen zur Verfügung stellen“, so Paul. Als Beispiel bringt sie etwa verpflichtende Impfberatungen vor dem Besuch eines Kindergartens. Bei der COVID-Impfung sollten Geimpfte die Möglichkeit haben, sich nach der Impfung frei zu nehmen, um etwaige Impfreaktionen auszukurieren. „Man muss das Impfen so einfach wie möglich und das Nicht-Impfen so schwierig machen, wie es vertretbar ist.“    //

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