Patientenportale verbessern die administrative Betreuung in den Spitälern und bringen eine Entlastung des Gesundheitspersonals. An den heimischen Kliniken sind nach Pilotversuchen weitere Rollouts geplant.
Termine online buchen, Vorbefunde hochladen, Befunde einsehen, Entlassungspapiere herunterladen: Das sind einige der Funktionen, die ein Patientenportal bietet. Ein Patientenportal ist eine digitale Plattform, die es Patientinnen und Patienten ermöglicht, online auf Gesundheitsdaten und verschiedene Services zuzugreifen. Es dient als Schnittstelle zwischen Patienten und Gesundheitsdienstleistern wie Krankenhäusern, aber auch Labors, Radiologiezentren oder Arztpraxen. „Patientenportale sind ein wesentlicher Beitrag zur Digitalisierung im Gesundheitswesen“, bekräftigt Joachim Bogner, Geschäftsführer bei Siemens Healthineers in Österreich.

All inclusive.
Österreichs Kliniken haben mit dem Aufbau von Patientenportalen lange zugewartet. Die Reiseleitung für die „Patient Journey“ verlangt nach einem Umbau der Spitalsorganisation.
In Deutschland sind gemäß dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) alle Krankenhäuser verpflichtet, bis Ende dieses Jahres Patientenportale bereitzustellen. Österreich hingegen ist ein Entwicklungsland in Sachen Patientenportale. Einzige bereits funktionierende Ausnahme ist die Vinzenz Gruppe. Im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien wurde vor zirka eineinhalb Jahren mit dem Pilotprojekt begonnen. Das von Siemens Healthineers entwickelte Patientenportal mit dem eigenwilligen Namen „Hallo Gesundheit“ wird derzeit in den acht weiteren Spitälern der Gruppe in Wien und Oberösterreich ausgerollt. In den Worten von Katja Österreicher, in der Vinzenz Gruppe verantwortlich für die Entwicklung des Portals, soll es zum einen dem Patienten als „digitaler Lotse“ dienen. Aber auch die Krankenhäuser selbst sollen von Patientenportalen profitieren: Sie bringen Entlastungen für das Krankenhauspersonal.
„Hallo Gesundheit“ ist für die Patienten als Smartphone-App, aber auch via Internet über Computer verfügbar und bietet im Kern vier Funktionen: Die Patienten können Termine über das Portal buchen und werden an bestehende Termine erinnert. Zentral ist die Funktion des Dokumentmanagements: Patienten können zum einen Befunde hochladen, zum anderen werden ihnen bestimmte Dokumente via „Hallo Gesundheit“ zur Verfügung gestellt: Patientenbriefe, Ambulanzbriefe, Labor- und Radiologiebefunde und spezielle „Sonderbefunde“ wie Schlaflaborbefunde oder Geburtsberichte. Die Vinzenz Gruppe bietet über das Patientenportal aber in bestimmten Fällen auch telemedizinische Sprechstunden an, wenn das persönliche Gespräch vor Ort nicht sinnvoll oder möglich ist. Und über das Portal wird medizinisch notwendige Kommunikation abgewickelt: Patienten werden über das Portal aufgefordert, etwa ein Blutbild oder ein Röntgenbild zu machen oder sich bestimmte Gesundheitsinformationen durchzulesen. Ein wichtiges Anliegen bei der Ausgestaltung von „Hallo Gesundheit“ war die Barrierefreiheit: Die Zielgruppe ist oft nicht mehr die jüngste und hat mit gesundheitlichen Defiziten zu kämpfen, die die Bedienung eines Smartphones oder PCs schwierig machen. Und es gibt den Lostag des 28. Juni 2025, an dem das Barrierefreiheitsgesetz in Kraft tritt. Das bedeutet unter anderem: eine Farbgestaltung, die auf mögliche Sehschwächen Rücksicht nimmt, eine leichte, intuitive Bedienbarkeit, die Verwendung einer einfachen Sprache oder Screenreader, die Textinformationen über eine Sprachausgabe akustisch oder über die Braillezeile taktil für Blinde bzw. sehbehinderte Menschen wahrnehmbar machen.

Andere Arbeitsabläufe.
Die Integration eines Patientenportals in den Klinikalltag bedingt Anpassungen in Organisation und Patientenbetreuung, erklärt Katja Österreicher von der
Vinzenz Gruppe.
Keine Silolösung
Großer Wert wurde auch auf die Interoperabilität gelegt: „Hallo Gesundheit“ wurde so entwickelt, dass es künftig einen Datenaustausch mit anderen Trägern ermöglicht. Denn Patientenportale sollen im Sinne einer offenen eHealth-Lösung keine Datensilos aufbauen. Die Entwickler setzen auf bestehende Infrastruktur. „Sie greifen auf dieselbe Datenbasis zu, visualisieren letztere aber unterschiedlich“, erläutert Thomas Schabetsberger, Leiter des Bereichs eHealth & Patient Engagement bei Siemens Healthineers und der globalen Produktlinie eHealth Solutions. In Zukunft soll es auch möglich sein, dass Patienten über Patientenportale auf ELGA oder auf ihre Gesundheitsdaten, die bei anderen Trägern gespeichert sind, zugreifen können.
Der Nutzen von Patientenportalen für die Klinik lässt sich am Beispiel der digitalen Sprechstunden festmachen. Diese ersparen nicht nur dem Patienten die Anfahrt ins Krankenhaus, sondern sorgen dafür, dass die Ambulanzen weniger überfüllt sind. Die Experten bei Siemens Healthineers unterstreichen, dass Online-Sprechstunden die No-Show-Rate reduzieren. Das heißt: Es kommt weniger häufig vor, dass Patienten einen Termin ohne Absage ausfallen lassen. Der Arzt wiederum ist besser auf das Gespräch vorbereitet, wenn ihm bereits die vom Patienten hochgeladenen Vorbefunde zur Verfügung stehen.
Der Rollout des Patientenportals ist eine der zentralen Herausforderungen bei Entwicklung und Umsetzung des Projektes. Denn neue technische Lösungen setzen immer auch einen Change-Management-Prozess voraus. Beispiel Terminbuchung: Im Kalender einer Ambulanz, in den die Patiententermine eingetragen werden, finden sich in der Regel auch andere Termine, die nichts mit den Patientenbesuchen zu tun haben. Damit die Terminbuchung über das Patientenportal funktionieren kann, muss also ein interner Ablauf geändert werden. „Die größte Herausforderung bei der Einführung eines Patientenportals ist nicht die Technik, sondern es sind die Anpassungen, die das Gesundheitspersonal in der täglichen Arbeit vornehmen muss“, betont Schabetsberger. Ein weiters Beispiel ist die digitale Sprechstunde: Die Geduld von Patienten in einem virtuellen Warteraum ist eine ganz andere als in echten Warteräumen. Ärzte oder andere Fachkräfte müssen daher beim Online-Gespräch pünktlich sein, sonst sind die Patienten weg. „Derartige Veränderungen des Arbeitsprozesses bedürfen Anpassungen in der Organisation und einer intensiven Kommunikation seitens der Geschäftsführung“, weiß Österreicher.
Eine weitere große Herausforderung bei der Etablierung eines Patientenportals ist der Faktor Zeit. „Die Einführung eines derartigen Projekts lässt sich nicht mit dem Umlegen eines Schalters vergleichen“, warnt Bogner. Ein Patientenportal zu entwickeln und in einer Einrichtung zu etablieren, dauert Jahre. Bei „Hallo Gesundheit“ haben die Vinzenz Gruppe und Siemens Healthineers immer wieder das Feedback von Test-Patienten und Probe-Anwendern eingeholt und entsprechende Verfeinerungen und Verbesserungen durchgeführt. Eine mögliche Hürde bei der Entwicklung eines Patientenportals besteht darin, dass man bei der Einführung eines Patientenportals zu viel auf einmal will. „Man muss sehr aufpassen, dass die Anforderungen an das Patientenportal anfänglich nicht ausufern“, sagt Bogner. Er rät, dass man sich bei der Einführung zunächst auf wenige Grundfunktionen beschränkt und erst später Schritt für Schritt weitere Funktionen etabliert.
Andere ziehen nach
Manche heimische Landesspitalsträger bieten bereits Patientenportale in abgespeckter Form an. Nach State of the Art will die Niederösterreichische Landesgesundheitsagentur einsteigen, die einen schrittweisen Rollout eines Patientenportals im kommenden Jahr plant. Derzeit laufen bereits die vorbereitenden Maßnahmen dazu, wie es aus der Dachorganisation des Landes Niederösterreich für seine Landes- und Universitätskliniken sowie die Pflege-, Betreuungs- und Förderzentren heißt. Auch das Land Oberösterreich bzw. der Oberösterreichische Gesundheitsfonds hat es sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit den oberösterreichischen Spitalsträgern ein Gesundheitsportal zu etablieren, in das auch der niedergelassene Bereich miteinbezogen werden soll. Derzeit erfolgen die Ausschreibungen der Leistungen, die für den weiteren Aufbau erforderlich sind, wie eine Unternehmenssprecherin erklärt. Das Portal soll als zentrale Plattform dienen, von der aus auf verschiedene Services (z. B. Terminverwaltung, digitaler Zugang zur Patientenakte oder Online-Konsultation) zugegriffen werden kann. Vorgesehen sei ein schrittweiser Ausbau, heißt es.

