Revolution oder Kollaps

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Autor: Sissi Eigruber

Pandemie und Pensionierungswelle drängen das Krankenpflegesystem an den Rand des Abgrunds. In der Zwischenzeit versinkt die Pflegereform in einem Morast aus Arbeitskreisen und Expertenrunden. Die Antwort der Politik? Gesundheitsminister Mückstein verspricht für 2022 eine „Zielsteuerung“. Experten prophezeien: Es braucht eine Revolution, keine Reform.

Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, selbst die Funktionsträger in den Kassen, Kammern und Ministerien können es nicht mehr hören: Seit Jahrzehnten jammert jeder Akteur des österreichischen Gesundheitssystems über einen bevorstehenden oder akuten Pflegenotstand. Und nichts tut sich. Stets ist von der Unverzichtbarkeit von Reformen die Rede. Dennoch wurden kaum Maßnahmen gesetzt, um Pflegeberufe attraktiver zu machen. Jetzt hat die Pandemie die letzte Tünche weggespült. Immer mehr PflegerInnen kündigen, sie gehen vermehrt in Krankenstand, die Arbeitszufriedenheit tendiert ins Bodenlose – und dies alles bei ständig steigendem Bedarf. Bis 2030 fehlen mindestens 76.000 Pflegekräfte, heißt es in einer Bedarfsanalyse des Gesundheitsministeriums aus 2017 – aus heutiger Sicht eine konservative Schätzung (siehe Kasten). Schon jetzt bleibt eine hohe Zahl an Operationskapazitäten ungenutzt, weil das Personal fehlt. Der Pflegesektor braucht keine Reform, sondern eine Revolution.

Zur Person:
Enis Smajic (35) ist Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger und arbeitet auf einer Intensivstation. Dort ist er auch für die Betreuung von Auszubildenden zuständig (Praxisanleitung). Nach der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege Hietzing hat er zahlreiche Weiterbildungen absolviert und unter anderem das Master­studium ANP an der PMU (Paracelsus Medizinische Privatuniversität) in Salzburg durchlaufen. Aktuell unterrichtet er nebenberuflich an Fachhochschulen und Akademien.

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50 Mio. Euro zusätzlich

In Österreich ist in Fragen des Gesundheits- und Pflegesystems immer alles sehr kompliziert. Der Föderalismus hemmt seit Jahren jeden Wandel. Der Kompetenzdschungel zwischen Bund und Ländern und dem inhärenten Parteienhader blockiert bisher jeden ambitionierten Lösungsansatz, in dem Arbeitskreise und Expertenrunden jeden Reformansatz absorbieren. Der aktuelle Status ist ein Abbild der verworrenen Strukturen: Nach einem runden Tisch zur Pflege im November 2021 soll im laufenden Jahr eine Zielsteuerung für die Pflegereform ihre Arbeit aufnehmen. „Mein Ministerium ist laufend im Austausch mit Stakeholdern und Ländern“, schreibt Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein auf Anfrage der ÖKZ in einem Mail. Die innerstaatliche Kompetenzverteilung in Sachen Pflegereform sei komplex und erst Anfang Jänner seien die gesammelten Rückmeldungen der Länder zu der vorgelegten Diskussionsgrundlage eingegangen. „Bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Pflegeberufen wie bei Fragen des Personalschlüssels oder des Gehalts sind neben den Ländern auch die Arbeitgeber:innen gefragt. Nach Rückmeldung der Länder wird nun bei einer weiteren Arbeitsgruppensitzung der Fahrplan konkretisiert.“ Um die Ausbildung im Pflegebereich attraktiver zu machen und finanzielle Hürden zu beseitigen, würden 50 Millionen Euro pro Jahr im Budget vorgesehen. „Zur Frage, wie wir dieses Geld am sinnvollsten einsetzen, gab es bereits einen Austausch mit den Ländern. Nun werden weitere konkrete Schritte ausgearbeitet“, so die schriftliche Stellungnahme des Ministers.

Der Handlungsbedarf ist groß. „In drei bis fünf Jahren wird es in der heimischen Pflege zum endgültigen Zusammenbruch kommen“, prophezeit Markus Golla. Dabei würde auch der verstärkte Einsatz von ausländischen Pflegekräften keine Entlastung bringen. Golla ist heute Institutsleiter für Pflegewissenschaft und Studiengangsleiter für Gesundheits- und Krankenpflege an der Fachhochschule Krems. Er ist überzeugt: Der Personalmangel in der Pflege ist international. Laut International Council of Nurses (ICN) fehlen weltweit rund 14 Millionen Menschen in der Pflege. „Wenn wir in anderen Ländern nach Pflegekräften fischen, dann fischen wir aus einem toten Teich die letzten lebenden Karpfen raus“, zeichnet Golla ein drastisches Bild.

Anerkennung und Geld

„Wir haben einen Silber-Tsunami“, beschreibt Natalie Lottersberger die bevorstehende Pensionierungswelle. Sie ist seit 33 Jahren diplomierte Krankenpflegerin und hat 15 Jahre im stationären Bereich gearbeitet. Seit 2004 leitet sie ihr eigenes Unternehmen Care-Ring GmbH, das qualitätsgesicherte Pflege und Betreuung zu Hause anbietet. Aus ihrer Sicht gibt es zwei Hebel, um die Zukunft der Pflege zu sichern: Anerkennung und Geld. „Die Pflegefachkraft muss als Fachkraft wahrgenommen werden. Sie ist eine Person mit einer individuellen Ausbildung“, so Lottersberger. In anderen Ländern wie in England werde der jeweilige Mix aus „skills and grade“ deutlicher in der Bezahlung berücksichtigt als in Österreich. In anderen Worten: Berufserfahrung findet ebenso wie Ausbildung und Weiterbildung einen klaren Niederschlag im Status und in den betrieblichen Hierarchien. Der zweite wesentliche Faktor – das Geld: „Wenn eine diplomierte Pflegekraft, die in einem Pflegeheim tätig ist, für einen Vollzeitjob 2.600 Euro brutto bekommt, ist das zu wenig“, so Lottersberger. „Der Kollektivvertrag muss rasch erhöht werden.“ Ein weiteres Problem im Falle der selbstständigen Tätigkeit als Pflegekraft: Sie kann ihre Leistungen beim Klienten vor Ort nicht über die Krankenkasse abrechnen. Andere Berufsgruppen mit vergleichbaren Ausbildungen wie zum Beispiel Ergotherapeuten, Logopäden oder Physiotherapeuten könnten das, kritisiert Lottersberger.

Für Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, ist die fachliche Qualifikation und deren Anerkennung ein wesentlicher Mosaikteil zur Verbesserung der Gesamtsituation. Abseits der Fachhochschulen (mit drei bis fünfjährigen Bachelor- und Masterstudien) existieren in einigen Bundesländern parallele Bildungswege. Sie bieten an speziellen Fachschulen zwei- und dreijährige nicht-akademische Lehrgänge an. „Über die Ausbildungen haben die Länder die Hoheit“, seufzt Potzmann und fordert eine Konsolidierung der Ausbildungslandschaft im Pflegebereich. „Die Akademisierung führt zu einer Besserung in der Versorgung der Patienten“, ist Potzmann überzeugt. „Sie senkt die Mortalität.“ Daher müsse der Professionalisierungsprozess in der Pflegeausbildung konsequent weitergeführt werden.

Anspruch und Wirklichkeit

Die Webseite des Studiengangs Gesundheits- und Krankenpflege an der FH Krems zeichnet ein abwechslungsreiches und verantwortungsreiches Berufsbild: „Bei der Erfüllung Ihrer Aufgaben werden Sie in vielen Situationen eigenverantwortlich handeln. In anderen Bereichen bringen Sie Ihre Expertise in interdisziplinären Teams ein und erhöhen so die Erfolgsaussichten der Behandlung.“

In den Gesprächen mit Pflegerinnen und Pflegern bleibt von diesem schwärmerischen Berufsalltag nichts übrig: „In der Pflege gibt es ein geflügeltes Wort. Es lautet: ‚Die Besten ans Bett‘“, verbildlicht Potzmann das bestehende Organisations- und Ressourcenproblem. Wenn das diplomierte Pflegepersonal in der Küche Butterbrote schmiert und Tee kocht, dann seien das Tätigkeiten, für die „diplomierte Fachkräfte überqualifiziert sind“ . Potzmann ortet zudem ein Managementproblem, das auf hierarchiebetonten Gewohnheiten und einem veralteten „Schwestern“-Bild beruhe: „Andere Fachkräfte wie Physiotherapeuten gehen am Nachmittag nach Hause. Die Pflegekräfte übernehmen dann zwangsläufig Tätigkeiten, die wenig mit dem eigentlichen Job zu tun haben.“ Pflegewissenschafter Markus Golla beschreibt den Alltag der diplomierten Fachkräfte als „widersinnig. Im Moment werden viele Tätigkeiten vom Pflegepersonal gemacht, die andere ausführen könnten. Zum Beispiel Kopfwaschen. Warum brauche ich dafür eine ausgebildete Pflegekraft?“

Starr und hierarchisch.
Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, kämpft seit Jahren gegen veraltete Managementstrukturen in den Krankenhäusern: „Dort ist der Gestaltungsspielraum auch für leitendes Pflegepersonal nicht sehr groß.“

Das führe zu Frustration und Überlastung. „Die Rahmenbedingungen müssen passen“, sagt Enis Smajic, der als Diplomkrankenpfleger in einem Wiener Krankenhaus arbeitet. Vor allem die Entlohnung und die Arbeitszeiten müssten den Ansprüchen an ein normales Familienleben angepasst werden. „Dafür brauchen wir ein angemessenes leistungsorientiertes Gehalt, das sich mehr an technischen Berufen orientieren sollte“, so Smajic (siehe Interview).

Zu den schlechten Rahmenbedingungen gehören auch die starren Strukturen der Spitäler. „Krankenhäuser sind Linien­organisationen, bei denen der Gestaltungsspielraum für leitendes Pflegepersonal nicht sehr groß ist“, so Potzmann. Insbesondere die Generation der unter 40-Jährigen habe unter diesen Bedingungen wenig Interesse an Führungspositionen. Für sie seien Weiterentwicklung und persönliche Entfaltung viel wichtiger als für ältere Generationen. „Wir sehen das bereits bei den FH-Abgängern. Sie versuchen, ihr Arbeitsumfeld aktiv zu gestalten. Das funktioniert natürlich nur, wenn es vonseiten der Krankenhausführung zugelassen wird.“ Dort stoßen sie auf ein Managementverständnis aus der Vorzeit. „So funktioniert das nicht mehr“, stellt Potzmann fest.

Veränderungen bei den Arbeitgebern

Wolfgang Sissolak ist Pflegedirektor am Krankenhaus zum Göttlichen Heiland in Wien, einem Haus der Vinzenz Gruppe. Er zählt zu jenen Akteuren, die in ihrem Einflussbereich spürbare Änderungen auf Schiene gebracht haben. Sissolak ist das, was man heute einen „Influencer“ nennt. Er hat 2021 im Göttlichen Heiland eine „Ideenwerkstatt“ gegründet. Ein Fokus liegt dabei auf so profanen Themen wie der Dienstplangestaltung. Aufgrund der begrenzten Ressourcen und der Corona-Krise müssen Pfleger und Pflegerinnen häufig außerplanmäßig für KollegInnen einspringen. Das macht deren Lebensplanung schwierig. „Dafür müssen wir bessere Lösungen finden. Wir wollen den individuellen Wünschen des Pflegepersonals mehr Raum einräumen“, weiß Sissolak. Jetzt gehe es darum, bestehende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten und neue zu gewinnen. Das Krankenhaus setzt alles daran, jene Pflegekräfte, die zu Ausbildungszwecken im Göttlichen Heiland sind, an das Haus zu binden. Eine reine Steigerung der Zahl der Ausbildungsplätze werde die Personalnot nicht lösen, warnt Sissolak.

Pensionslawine und Corona-Lücke
Der letzte verfügbare Bericht zum Thema aus dem Jahr 2017 zeichnet ein deutliches Bild: Zu diesem Zeitpunkt waren rund 127.000 Pflege- und Betreuungspersonen (100.600 Vollzeitäquivalente) im akutstationären Bereich und im Langzeitbereich beschäftigt; rund 67.000 im Krankenhaus und rund 60.000 im Langzeitbereich, so die Analyse laut „Pflegepersonal-Bedarfsprognose für Österreich“. Der Bericht wurde von der Gesundheit Österreich GmbH im Auftrag des Gesundheitsministeriums erstellt. Doch mehr als 30 Prozent des gesamten Personals sind älter als 50 Jahre, was bedeutet, dass sich ab 2030 eine mächtige Pensionswelle aufbauen wird. Dazu kommt ein steigender Bedarf an Pflegepersonal durch den anhaltenden Bevölkerungszuwachs in Österreich und die fortschreitende Überalterung. Die Corona-Pandemie verschärft seit 2020 eine bereits prekäre Situation: Sie hat zu Extrembelastungen dieser Berufs­gruppe geführt und viele dazu bewogen, sich nach anderen Tätigkeiten umzusehen. Fazit: Für den Zeitraum 2017 bis 2030 wurde für Österreich ein zusätzlicher Bedarf an Pflegepersonal von 76.000 Personen berechnet. In dieser Kalkulation sind jene, die in den vergangenen beiden Jahren das Handtuch geworfen haben oder es demnächst noch tun werden, noch nicht miteingerechnet.

FH-Studiengangsleiter Markus Golla hat seine Berufslaufbahn als Pfleger begonnen. Bezahlung ist für ihn ein wichtiger Ansatzpunkt, um den Beruf attraktiver zu machen. Nach seinen Worten verdient ein Berufseinsteiger mit FH-Diplom in Österreich „zwischen 1.600 Euro und 2.500 Euro netto. Arbeitgeber, die am oberen Ende der Bandbreite entlohnen, haben die geringeren Rekrutierungsprobleme.“ Die Einkommensfrage ist für den Professor der FH Krems aber weniger ausschlaggebend als die Frage der beruflichen Wertschätzung. „Die Pflege lauft im System als Hintergrundrauschen mit,“ ärgerte sich Golla im Oktober in einem Gespräch mit der ÖKZ. Solange das Abrechnungssystem in Spitälern nach der sogenannten leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierung ausgerichtet ist („LKF-System“), solange scheint Pflege im Finanzierungskreislauf eines Spitals nicht auf. Denn das LKF-System belohnt ausschließlich den medizinischen Aufwand. Die pflegerische Leistung wird dabei nicht speziell ausgewiesen: „Pflege kommt in diesem System nicht vor.“ Für Golla muss daher die klinische Betreuung zwingend im LKF-System abgebildet werden: „Sobald unsere pflegerische Tätigkeit im Gesundheitssystem als geldwerte Leistung sichtbar wird und die Bezahlung der akademischen Ausbildung angepasst ist, wird sich das Berufsbild sehr rasch zum Positiven wenden.“    //

„Ich sehe, dass die Leute
im Berufsalltag ausbluten“

Herr Smajic, Sie sind seit zehn Jahren in der Pflege in Österreich tätig. Was hat sich seither verändert?

Enis Smajic: Es hat sich viel verändert. Der Mangel an Pflegekräften nimmt zu; die Verweildauer im Beruf nimmt ab. Die Belastung im System ist sehr hoch und die Pandemie hat den Trend weiter beschleunigt.

Seit 2016 werden Pflegefachkräfte auch an Fachhochschulen ausgebildet.Der Beruf wurde also teilweise akademisiert. Macht das den Beruf attraktiver?

Die Ausbildungsnovelle von 2016 ist noch nicht wirklich in der Praxis angekommen. Dafür ist der Zeitraum zu kurz. Der Beruf wird dadurch attraktiver, aber noch wichtiger wäre es, den Beruf in der Gesellschaft aufzuwerten. Dafür sollte es vom zuständigen Ministerium Pflegekampagnen geben, die zeigen, wie wichtig die Pflege für unsere Gesellschaft ist. Es sollte deutlich auf die demografische Entwicklung und den Mangel an Pflegekräften hingewiesen werden. Auch ich möchte in 30 Jahren gepflegt werden.

Was muss sich im Pflegebereich ändern?

Die Rahmenbedingungen müssen passen. Vor allem das Gehalt und die Arbeitszeiten. Es geht darum, nicht nur auszubilden, sondern die Leute auch im Beruf zu halten. Dafür brauchen wir ein angemessenes, leistungsorientiertes Gehalt, das sich mehr an technischen Berufen orientieren sollte. Es wäre auch sinnvoll, den Beruf für Männer attraktiver und sichtbarer zu machen. Es sollte ein Mindestgehalt geben, das für alle Kollektivverträge in diesem Bereich gilt; für Mobil- und Langzeitpflege, aber auch für die Spezialbereiche. In Deutschland gibt es diesbezüglich aktuell eine Diskussion um ein Mindestgehalt von 4.000 Euro brutto.

Häufig kritisiert werden auch die Arbeitszeiten …

Der Beruf ist physisch und psychisch anstrengend. Die Dienste sind meist in 12,5-Stunden-Schichten eingeteilt. Wenn jemand 14 Dienste im Monat macht und wegen des Personalmangels zwei bis drei zusätzliche Dienste übernimmt, kommt er auf 200 Stunden oder mehr im Monat. Das ist zu viel. Die 40-Stunden-Woche hat ausgedient. Es muss eine Arbeitszeitverkürzung stattfinden.

Wie geht es Ihnen dabei?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das bis zur Pension mache. Ich sehe, dass die Leute im Berufsalltag ausbluten. Erwiesenermaßen steigt durch Nachtdienste die Gefahr von Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. Besondere Belastungen gibt es zum Beispiel auch bei der Betreuung von psychisch kranken Menschen. Auch das ist Schwerarbeit. Wer in der Pflege tätig ist, sollte daher auf jeden Fall nach 45 Jahren Arbeit ohne Abschläge in Pension gehen können.

Was wäre noch hilfreich?

Die Honorierung von Bildungsabschlüssen sollte verbessert werden. Viele bilden sich fort, aber die Kompetenzen werden oft nicht gezielt eingesetzt. Ich halte einen Skill-and-Grade-Mix für zielführend. Wichtig wäre auch eine verstärkte Zusammenarbeit von verschiedenen Berufsgruppen. Also zum Beispiel, dass jemand mit ANP-Ausbildung (Advanced Nursing Practice – Masterausbildung im Pflegebereich, Anm.) gemeinsam mit einer Pflegeassistenz und einer Pflegefachassistenz arbeitet. Nur müsste man das organisatorisch auch entsprechend umsetzen.

Sonstiger Reformbedarf aus organisatorischer Sicht?

Wichtig wäre auch die Novellierung der Kompetenzen der Pflege. Der Beruf ist stark getriggert durch den Einfluss der Ärzte. Egal ob Wundmanagement, Inkontinenz oder wenn jemand einen Rollstuhl braucht – ich bin immer auf die Anordnung eines Arztes angewiesen. Pflegepersonen sollten ihre Kompetenzen einsetzen können und Verordnungen für diese Dinge schreiben dürfen.

Ein Thema, das insbesondere selbstständige Pflegekräfte betrifft …

Ja, wir haben ein riesiges Potenzial für die Freiberuflichkeit. Diese Pflegekräfte sind leider nur privat einsetzbar. Eine Verrechnung mit der Krankenkasse würde die Pflege zu Hause attraktiver machen. Pflege muss leistbar sein. Auch da muss der Gesetzgeber Maßnahmen und Modelle schaffen.

Oft sind es ja nicht geschulte Angehörige, die sich um pflegebedürftige Menschen kümmern …

Auch die brauchen Unterstützung vom Staat. Man sieht das auch bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen, die auf Unterstützung der Eltern zu Hause angewiesen sind. Oder zum Beispiel Menschen, die einen Unfall haben und dann schwerbehindert sind. Oft müssen pflegende Angehörige ihren Job einschränken und ihre Finanzen aufbrauchen, um ihre Angehörigen zu betreuen.

Und was gefällt am Job?

Die Arbeit mit und für Menschen ist eine Bereicherung. Auch der Teamzusammenhalt ist ein wichtiges Kriterium, um in der Pflege zu bleiben. Pflege ist facettenreich, professionell und vielseitig. Ich gehe gerne in die Arbeit und bin stolz, in der Pflege tätig zu sein. Abschließend ist zu sagen, dass das österreichische Gesundheitssystem seine Stärken und Schwächen hat. Ziel ist es, die Stärken hervorzuheben und die Schwächen des Systems zu reduzieren.

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