Licht ins Dunkel

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Autor: Michael Krassnitzer

Pflegeleistungen wurden bislang in den Kostenrechnungen der Spitäler kaum oder gar nicht ausgewiesen. Eine neue Software macht die Kosten transparent. Und sie liefert die Daten, um den Pflegebereich auch qualitativ steuern zu können. Die KABEG hat das neue System für Pflegecontrolling implementiert.

Ein gesunder 18-Jähriger und eine multimorbide 80-Jährige landen mit einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus und müssen operiert werden. Es liegt auf der Hand, dass der Pflegeaufwand für die Greisin wesentlich höher ist als für den Jungspund. Das österreichische System der leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierung (LKF) allerdings sieht keinen Unterschied zwischen den ungleichen Patienten: Für beide erhält das Spital bei der Rückvergütung denselben Pauschalbetrag. Denn das LKF-System orientiert sich allein an der medizinischen Diagnose. „Der Pflegeaufwand ist nicht im Verrechnungssystem abgebildet“, konstatiert Markus Golla, Leiter des Instituts für Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Krems: „Aus wirtschaftlicher Perspektive ist Pflege daher nicht existent.“ Das hat weitreichende Folgen für die Pflege und ihren Stellenwert innerhalb des Gesundheitssystems: „Wie soll man Personal adäquat bezahlen, wenn kein einziger Euro in der Verrechnung dessen Tätigkeit widerspiegelt? Wie soll eine Tätigkeit Wertschätzung erfahren, wenn sie in keiner Verrechnung aufgelistet ist?“, fragt Golla und wünscht sich, dass pflegerische Leistungen ebenso Teil des Controllings werden, wie es die medizinischen Leistungen sind (siehe Artikel Seite 20 „LKF – Das Punkterennen“).

Grund zum Feiern: Pflegeleistungen bleiben in den konventionellen Berichten der Stationen unsichtbar. Ein neues Softwarepaket analysiert die Pflege-Daten im KIS und informiert nicht nur über den Pflegeaufwand, sondern auch über Sturz- oder Dekubitusrisiko.

Kostentransparenz

Der Fachterminus lautet: Pflegecontrolling. Technisch gesehen bedeutet Pflegecontrolling die Erhebung, Aufbereitung und Interpretation von pflegerischen Kennzahlen und Daten. Aus pflegewissenschaftlicher Sicht ist Pflegecontrolling jedoch mehr als das: „Pflegecontrolling ist der Versuch, Pflege gegenüber dem Wirtschaftssystem sichtbar zu machen.“ Pflegecontrolling hat also zum Ziel, dass Pflegeleistungen endlich einen Wert erhalten.

Auch wenn das LKF-System die Pflegeleistungen nach wie vor im Dunkeln lässt – intern setzen bereits viele Krankenhäuser auf Pflegecontrolling. Die Kärntner Landeskrankenanstalten-Betriebsgesellschaft (KABEG) zum Beispiel erweitert ihr bestehendes betriebswirtschaftliches Berichtssystem derzeit um die Bereiche Medizin und Pflege. Dazu gehören zwei Module, die sich gezielt mit pflegerischen Fragestellungen auseinandersetzen. Das System holt sich automatisch alle relevanten Daten aus dem Krankenhausinformationssystem (KIS). „Somit stehen die Daten täglich und in der erforderlichen Granularität zur Verfügung“, bekräftigt Claudia Oberdorfer, Sachgebietsleitung Pflegemanagement in der Abteilung Finanzen und Controlling der KABEG. Berichte werden einmalig zentral erstellt und automatisiert mittels Filterfunktion an den jeweiligen Adressaten verteilt. Auf diese Weise erhält etwa die Spitalsdirektion einen Bericht für das gesamte Haus, der Primarius einen Bericht für seine Abteilung, die Stationsschwester einen Bericht für ihre Station.

Das Pflegecontrolling der KABEG basiert auf zwei Tools: LEP (Leistungserfassung in der Pflege) und epa (effiziente Pflegeanalyse). LEP ist eine vor allem in der Schweiz verbreitete Methode zur elektronischen Erfassung pflegerischer Dienstleistungen anhand definierter Standardzeitwerte, die in der KABEG bereits seit mehreren Jahren angewendet wird. Epa wiederum ist ein System zur elektronischen Pflegeprozessdokumentation, das eine Einschätzung des Zustandes des Patienten, seiner möglichen Risikofaktoren (z.B. Sturz- oder Dekubitusrisiko) sowie des zu erwartenden Pflegeaufwands erlaubt. „Die Kombination von epa und LEP erleichtert die gesetzlich vorgeschriebene Pflegedokumentation mit zuverlässigen und relevanten Informationen. Diese Einschätzungen sind die Basis für die klinische Entscheidungsfindung im pflegediagnostischen Prozess“, erläutert Oberdorfer.

Aufbruch in neue Gefilde: Gregor Haslauer ist stv. Leiter der Abteilung Finanzen und Controlling der KABEG: „Kostenstellen zu beschreiben ist ein Leichtes. Qualitative Fragestellungen zu beantworten hingegen, bedeutet ein schwieriges Unterfangen.“

In der Praxis sieht das folgendermaßen aus: Ein Patient wird im stationären Bereich aufgenommen. Seine Daten werden automatisiert in die jeweiligen Themenbereiche für das Pflegeberichtswesen übernommen. Im nächsten Schritt wird das umfangreiche Assessment gemäß epa durchgeführt. Dazu kommen weitere medizinische Daten wie die medikamentösen Verschreibungen und die Erhebung der Vorerkrankungen. Aus dieser Vielzahl an Informationen lassen sich für die Pflegekräfte vor Ort zahlreiche Erkenntnisse gewinnen. Zum Beispiel eine Risikoeinschätzung: Wie hoch ist die Gefahr, dass ein bestimmter Patient stürzt oder dass es zu einer Mangelernährung kommt? Weiters lässt sich darstellen, ob der Pflegeaufwand zu einer Zustandsveränderung geführt hat oder sich der Gesundheitszustand aufgrund pflegerischer Maßnahmen verändert hat. „Aufgrund der vollständigen Integration in das KIS können die gewonnenen Informationen auch in Bezug zu anderen Dateninhalten gesetzt werden, etwa zur Laborbefundung, zur medizinischen Dokumentation oder Medikation“, erklärt Gregor Haslauer, stellvertretender Leiter der Abteilung Finanzen und Controlling der KABEG.

Die aus der Analyse erhaltenen Ergebnisse sollen nicht nur in der Abteilung bzw. einem Haus aufschlussreiche Details ermitteln, sondern auch zwischen den KABEG-Häusern für ein künftiges Benchmarking verwendet werden. Für die Entscheidungsträger lassen sich aus den Daten dann auch Konsequenzen für die Personalpolitik ablesen: Wie hoch ist der Personalbedarf in einer bestimmten Abteilung? Wird für die diversen pflegerischen Tätigkeiten die richtige Berufsgruppe eingesetzt? Wie soll die berufliche Zusammenstellung auf einer bestimmten Station aussehen? Doch das ist noch Zukunftsmusik. „Um als Grundlage für strategische Fragestellungen und Entscheidungen zu dienen, müssen erst einmal die Berichte selbst über entsprechende Qualität verfügen. Daran arbeiten wir im Moment“, sagt Oberdorfer.

Frisches Denken: „Die Frage lautet nicht: Wie viele Patienten sind gestürzt? Sondern: Warum sind die Patienten gestürzt?“, erklärt Claudia Oberdorfer die qualitative Dimension von Pflegecontrolling. Sie leitet das Pflegemanagement in der Abteilung Finanzen und Controlling der KABEG.

In dem im Aufbau begriffenen Pflegecontrolling sollen quantitative Aufstellungen durch qualitative Fragestellungen ergänzt werden. „Die entscheidenden Fragen lauten nicht: Wie viele Patienten sind gestürzt? Wie viele Patienten sind mangelernährt? Sondern: Warum sind die Patienten gestürzt? Warum isst der Patient nicht ausreichend? Und welche Maßnahmen dagegen wurden gesetzt?“, erläutert Oberdorfer. Das ist komplizierter als es klingt: „Die Anzahl der Fälle pro Jahr und pro Kostenstelle zu beschreiben ist ein Leichtes. Qualitative Fragestellungen zu beantworten hingegen, bedeutet ein schwieriges Unterfangen“, betont Haslauer: „Wir stoßen hier in neue Gefilde vor.“ Für den Controlling-Experten steht fest: „Derartige qualitative Pflege-Berichtssysteme sind die Zukunft.“

Operatives Steuerungssystem

Dabei ist es für ein Krankenhaus bzw. für einen Spitalsverbund gar nicht so einfach, ein passendes System zu finden. Die meisten Controlling-Systeme sind nämlich auf Finanzcontrolling fokussiert. „Krankenhäuser haben ganz andere Anforderungen“, weiß Johannes Lalej von dem Data-Warehouse-Anbieter Dedalus, der digitale Lösungen speziell für den Gesundheitsbereich bereitstellt. Sein Unternehmen hat die Software für das Pflegecontrolling entwickelt – und damit Neuland beschritten: „Wir liefern für Pflegedirektion und Stationsleitung umfassende digitale Hilfestellung, um Leistungen und Aufwände im Pflegebereich sichtbar zu machen. So können sie schneller auf Belastungen reagieren.“ Lalej unterstreicht, dass das von seinem Haus entwickelte Software-System „wesentlich mehr als Finanz-Controlling abdeckt. Vorrangig geht es um die operative Steuerung der Pflegestationen.“ Ging es früher beim Controlling nur um Zahlen, ruht der Fokus von Dedalus TIP HCe – so der karge Name des Pflegecontrolling-Systems – auf einer inhaltlichen Betrachtungsweise des gesamten medizinischen und pflegerischen Geschehens. Dabei werden quantitative Aufstellungen vermehrt durch qualitative Fragestellungen ergänzt oder durch diese abgelöst. Das Dedalus-Pflegecontrolling-System wurde zusammen mit der KABEG und dem Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg zur Praxisreife gebracht. Johannes Lalej ist Vertriebsleiter bei Dedalus für das TIP HCe-System. „Zum Steuern eines Unternehmens braucht man heutzutage einfach ein Berichtssystem mit computergestützten Auswertungen“, sagt Lalej. Dass sich dank eines derartigen Controllings die Pflege an einem Krankenhaus transparent darstellen lasse, komme vor allem der Pflege selbst zugute, betont der Firmenvertreter: Die systematische Erhebung und Analyse der Pflegedaten helfen dabei, Ergebnisse pflegewissenschaftlich zu begründen und Maßnahmen zu evaluieren. Außerdem erlaube ein solches System, zum Beispiel Forderungen nach Personalaufstockung mit belastbaren Zahlen zu untermauern. 

Analysebereiche im Pflegemanagement

Zur gezielten Information sämtlicher Akteure im Pflegebereich werden die Daten aus dem Krankenhaus-Informationssystem auf mehrere Themenbereiche aufgeteilt.

Global: Diagnose, Diagnosearten, Alter usw.
Dashboard: mit Ziel einer Übersichtsdarstellung
Risikoausleitung zum Erkennen der Risiken: Risikoindikatoren wie z.B. Sturzrisiko, Mangelernährung, Dekubitusrisiko usw.
Risikoausleitung in Verbindung mit LEP®: Reaktion auf erkannte Risiken, Zielerreichung, Abweichungen, Interventionen
Zustandsdarstellungen: absolut, im Verlauf, vergleichend
Plausibilisierungen: Termintreue, Einschätzungsplausibilität, Dokumentationsqualität etc.
Wissenschaftliche Auswertungen epa/LEP: Pflegeaufwand und Zustandsveränderungen, Interventionsprofil, Plausibilität der dokumentierten Daten