Was bin ich?

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Norbert Peter

Bekenntnisse eines Leidenden

Stellen Sie sich vor: Ich bin Patient (patiens: lat. für leidend) und habe einen Herzinfarkt. Genauer gesagt einen stummen Myokardinfarkt. Ich weiß das, denn ich habe es eigenhändig gegoogelt. Beklemmendes Gefühl im Oberkörper, ausstrahlend in den Kiefer: Eindeutiger geht es nicht. Zuerst habe ich ja gedacht, ich hätte Zahnschmerzen. Da mein Zahnarzt aber gerade drei Wochen auf Urlaub ist, habe ich mich zum Glück entschlossen, dem Schmerz persönlich auf den Zahn zu fühlen. Und siehe da: Das Ergebnis meiner Recherche geht ans Herz.

Um mein Leben zu retten, das eindeutig an einem seidenen Faden hängt, muss ich schnellstens in eine Ambulanz.
Der Vorteil einer Klinik liegt auf der Hand: Bestens ausgestattet – man darf sich in professionellen Händen unterstützt von einer Vielfalt an neuesten Diagnose-Geräten aufgenommen wähnen. Der Nachteil: Man ist nicht allein. Myriaden von anderen Zeitgenossen, die nichts Besseres zu tun haben, wollen meine Heilung verzögern, indem sie mit ihren „Leiden“ die Ressourcen blockieren. „Bauchschmerzen“, „Atembeschwerden“, ja sogar „Bandscheibenvorfälle“ werden da meinem echten Notfall vorgezogen.

Zuerst gilt es, die Triage zu überwinden. Ja, seit der Pandemie muss man schon argumentativ sattelfest in der Darstellung seines persönlichen Notfalls sein. Mir ist klar, dass ich meine Symptome noch ein wenig upgraden muss, wenn ich zur qualifizierten Ärzteschaft vordringen will. Frisch gegoogelt ersetze ich meine Zahnschmerzen durch einen handfesten Vernichtungsschmerz in der Brust, der in beide Arme ausstrahlt, aufgefettet mit Atembeschwerden und Todesangst. Ich sehe, wie der Turnusarzt die Schlagworte in eine Suchmaske auf seinem Bildschirm eingibt. Das Internet bestätigt ihm meine Notlage. Danach fragt er mich noch, ob ich in den letzten drei Wochen im Ausland war, und winkt mich anschließend durch.

Seit der Pandemie muss man argumentativ sattelfest in der Darstellung seines persönlichen Notfalls sein. Mir ist klar, dass ich meine Symptome noch ein wenig upgraden muss, wenn ich zur qualifizierten Ärzteschaft vordringen will.

Norbert Peter

Die nächste Station ist der Wartebereich. Der eher mit „warten“ als mit „bereichern“ zu tun hat. Aber so knapp vor dem Ziel gibt man nicht auf. Gleich beim ersten Namen, der aufgerufen wird, sprinte ich zur Tür 2, wie geheißen. Auf dem Weg dorthin laufe ich an einem Mann mit Rollator vorbei. Er will mich aufhalten mit den Worten „Aber das war mein Name…“ Ich schaue ihn vorwurfsvoll an, beginne mit den Augen zu rollen und nach Luft zu ringen, worauf er sein Gefährt wieder wendet und zu seinem Sitzplatz zurückkehrt. (Wie ist der überhaupt durch die Triage gekommen?)

Endlich sitze ich einem Experten gegenüber. Ich erkläre kurz das Missverständnis mit dem Namen und will daraufhin meinem Leiden den Platz geben, den es verdient. Der Arzt hört mir kurz zu, hört meinem Herz zu (mit Stethoskop) und ersucht mich dann, wieder im Wartebereich Platz zu nehmen, bis ich an der Reihe wäre. Ich will schon meine Atembeschwerden hörbarer machen, als er mich darüber informiert, dass der Sicherheitsdienst in einer Minute da wäre, sollte ich das Angebot mit dem Wartebereich nicht annehmen.

Noch beim Hinausgehen meine ich zu vernehmen, wie die Pflegekraft zum Doktor „Wieder so ein Hypochonder“ wispert, versteckt hinter einem seufzenden Kopfschütteln.

Hypochonder! Das höre ich ja gar nicht gerne. Nur weil ich mich dazu bekenne, genau in mich hineinzuhören? Weil ich die Signale meines Körpers ernst nehme? Weil ich offen für die lebensrettende Angst vor Krankheiten und Verletzungen bin?
Seien wir uns ehrlich: Das Gesundheitssystem verlangt doch nach Menschen wie mir. Wird nicht gerade uns Männern vorgeworfen, dass wir zu selten zur jährlichen Vorsorge-Untersuchung gehen? Eben. Ich habe meinen Termin schon vereinbart. Ist mir einfach wichtig. Zweimal im Jahr von Kopf bis Fuß, Haarspitze bis Zehennagel: Alle Werte werden erhoben. Weil ich es mir wert bin. Und wenn die Krankenkassa nur einmal im Jahr die Kosten übernimmt: Mir doch egal, bestreite ich es halt aus der eigenen Tasche.

Ebenso wie für mich die Booster-Impfungen selbstverständlich sind: Wenn es sein muss, auch viermal im Jahr! Und da red ich gar nicht allein von Corona! Influenza, Zecken und Staupe, her damit, ich zahl sogar dafür. Und auch zu den Nebenwirkungen werde ich ausführlich ärztlichen Rat einholen.

Deshalb will ich mich noch lange nicht in diese „Hypochonder“-Schublade stecken lassen. Nennen Sie mich doch bitte „Mensch mit Ordinationshintergrund“.    //

Norbert Peter ist Buchautor, Journalist sowie die hypochondrische Hälfte des Medizinkabaretts Peter & Tekal, (medizinkabarett.at)