AI-Forscher Christoph Bock: „Die Stärken des Menschen bleiben unverzichtbar“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Ist die Einführung von Künstlicher Intelligenz die stimmige Fortsetzung der Digitalisierung?
Christoph Bock: Ich persönlich bevorzuge den englischen Begriff Artificial Intelligence, weil er besser hilft zu verstehen, worum es geht. Der deutsche Ausdruck Künstliche Intelligenz drängt sofort den Vergleich zur menschlichen Intelligenz auf. Der englische Ausdruck Intelligence beinhaltet hingegen das Verständnis von Nachricht oder Information. Und dann wird es einfacher, unter AI das Potenzial der neuen Technologie zu verstehen.

Ich verstehe. Aber ich darf meine Frage wiederholen: Revolution oder Evolution?
Ich glaube, diese binäre Denkweise ist nicht zielführend. Die Erfahrung zeigt, dass man den kurzfristigen Einfluss neuer Technologie überschätzt und ihren langfristigen Einfluss unterschätzt. AI wird viele Bereiche sehr grundsätzlich verändern. Das ist nichts Ungewöhnliches. Das haben die Dampfmaschine, der PC und das Internet auch. Ob revolutionär oder evolutionär? Ich weiß es nicht. Das werden die Historiker beurteilen, mit einigen Jahrzehnten Abstand.

Christoph Bock ist Professor für Medizinische Informatik sowie Leiter des Instituts für Artificial Intelligence an der Medizinischen Universität Wien. Der Informatiker führt außerdem seit 2012 eine Forschungsgruppe am CeMM
Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Davor war er Postdoc am Broad Institute of MIT and Harvard und der Harvard University (2008-2011).

In welchen Bereichen setzt sich AI in der Medizin am schnellsten durch?
Das wird sicherlich der Bereich der Dokumentation sein. Das erscheint für manche trivial. Aber hier kann die AI ihre Stärken ausspielen, und die Risiken lassen sich recht gut kontrollieren. Man kann AI-basierte Tools zum Mitprotokollieren und für die Vorbereitung des Arztbriefes sehr einfach testen und validieren. Es sind keine langwierigen klinischen Studien zu überwinden und die Entwicklungen sind bereits weit gediehen.

Weitere Anwendungen?
Patientenüberwachung ist eine typische Aufgabe für AI-Werkzeuge. Im Extremfall erlaubt AI den Aufbau einer „Intensivstation für zu Hause“. Personen können nach einer Operation überwacht werden, ohne im Krankenhaus bleiben zu müssen. Der Bereich Wearable Devices wird in Kombination mit Artificial Intelligence sehr viel bewegen. Das einfachste Beispiel ist die Smartwatch, die eine Person zu Hause trägt und die im Falle eines Sturzes eine Rettungskette in Bewegung setzt. In den USA ist eine Smartwatch bereits zur Überwachung von Herzrhythmusstörungen zugelassen. Das sind recht einfache Beispiele, die ohne AI nicht möglich wären. Wenn die Überwachsungstools mit smarten Haushalt-Robotern zusammenspielen, ergeben sich für die Pflege zu Hause vielversprechende Perspektiven. Das ist der Anwendungsbereich von AI, der den raschesten und relevantesten Nutzen für unsere Gesellschaft bringen wird.

Was wird für künftige Ärzte durch AI möglich werden?
Für Radiologie, Pathologie, auch bei der Hautkrebserkennung in der Dermatologie gibt es bereits gut funktionierende Methoden. Die medizinische Genetik und Genomik profitiert von einer präziseren Identifikation und besseren Priorisierung von Veränderungen im Erbgut. Wir haben auch AI-Assistenzsysteme in der Anästhesie und im gesamten OP-Umfeld, die präzise warnen können. Sie entscheiden aber alleine gar nichts. Denn die Stärken des Menschen bleiben unverzichtbar: Der Mensch kann unter sehr vielen Faktoren komplexe Abwägungen treffen, die auf seinem Erfahrungswissen basieren und – wenn es notwendig ist – auch Blödsinn wie offensichtliche Messfehler oder Fehlalarme erkennen. Was der Mensch nicht so gut kann, ist, in einem ständig wachsenden Meer an Wissen auf dem allerletzten Stand zu sein und riesige Datensätze aus modernen Messverfahren zu interpretieren. Irgendwann passieren dann Fehler. In diesen Bereichen können wir die Unterstützung von AI sehr gut brauchen.

Gibt es das AI-gespeiste Tablet, in dem der Arzt auf sämtliches Fachwissen der Welt zurückgreifen kann?
Im Prinzip sind wir schon dort – fast zumindest. Im Bereich der seltenen Erkrankungen ist die Entwicklung besonders weit. Wenn aufgrund von Symptomen und Krankengeschichte vermutet wird, dass eine Erkrankung eine genetische Ursache hat, wird oft eine Exom-Sequenzierung veranlasst. Als Ergebnis kann in vielen Fällen eine genetische Veränderung in einem bekannten krankheitsassoziierten Gen identifiziert werden. Bei dieser Einschätzung kann ein Arzt neben der wissenschaftlichen Literatur und der Erfahrung von Kollegen durchaus auch auf ChatGPT-artige Tools zurückgreifen – als Werkzeug für die Suche nach relevanten Hintergrundinformationen aus verlässlichen Quellen. Für Patienten mit seltenen Erkrankungen wird die „diagnostische Odyssee“ mit unzähligen Arztbesuchen ein Ende haben.

Wird AI den Arztberuf ersetzen?
Wir haben in den letzten Jahrzehnten schon einen Wandel in der Rolle des Arztes erlebt. Das Erscheinungsbild veränderte sich vom „Halbgott in Weiß“ hin zu einem modernen Ärzteimage, das sehr viel partizipativer ist als früher. Ärzte und Ärztinnen sind heute Personen, von denen ich mich nicht nur behandeln lasse, sondern mit denen ich mich auch im Kontext meiner Gesundheit austausche, und die mich bei der Prävention von Krankheiten unterstützen. Im günstigsten Fall werden die Effizienzgewinne durch AI für mehr Zeit mit den Patienten verwendet werden. Da muss im Gesundheitssystem aber einiges zusammenspielen, damit dieser Wunsch wirklich wahr wird.

Die letzten Jahrzehnte brachten bereits beträchtliche Effizienzgewinne in Ordinationen und Kliniken. Wird der logische Effekt nicht der sein, dass der Arzt und die Ärztin dann 150 anstelle von 100 Patienten pro Tag behandeln?
Ich sage ja: Da muss einiges zusammenspielen.

Lesen Sie hier die Titelgeschichte: Vermenschlichung der Medizin: Wie Artificial Intelligence (AI) den Ärzteberuf verändert