Logistikexperte Peter Klimek: „Zu sehr auf Kante genäht“

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Martin Hehemann

Die europäischen Krankenhäuser kämpfen mit Engpässen bei der Versorgung mit Medikamenten und medizinischen Geräten – auch in Österreich. Der Logistikexperte Peter Klimek fordert eine konsequente Änderung der Beschaffungsstrategie.

Herr Klimek, heimische Spitäler haben Probleme bei der Beschaffung von wichtigen Medikamenten und medizinischen Geräten. Wie groß ist das Problem wirklich?
Peter Klimek: Es ist ziemlich groß. Man muss aber fairerweise sagen, dass Österreich und die heimischen Krankenhäuser nicht die einzigen sind, die davon betroffen sind. Mit dem Problem hat das gesamte europäische Gesundheitswesen zu kämpfen.

Das tröstet mich nur bedingt.
Mich auch. Und es gibt noch eine schlechte Nachricht: Das Problem lässt sich nicht so leicht lösen.

Bevor ich Sie frage, warum Sie das so sehen – gibt es Zahlen zum Ausmaß der Lieferengpässe?
Laut einer aktuellen Umfrage waren in diesem Jahr 95 Prozent der europäischen Spitalsapotheken von einer Knappheit bei Medikamenten betroffen. Bei medizinischen Geräten waren es 68 Prozent. Diese Werte sind so hoch wie während der Corona-Pandemie. Vor der Pandemie, im Jahr 2018, lag der Wert bei den Medikamenten bei 90 Prozent. Vor zehn Jahren waren es 86 Prozent.

Das bedeutet: Die Situation hat sich durch Corona weiter verschlechtert und seitdem nicht verbessert?
Ja, das trifft es gut. Jetzt entspricht aber ein Lieferengpass nicht automatisch einem Versorgungsengpass. In vielen Fällen konnte und kann man im Krankenhaus auf Reservebestände oder gleichwertige Alternativen zugreifen. Aber immerhin: Laut der Umfrage hat ein Lieferengpass bei einem Medikament dann zu 59 Prozent zu einer Verzögerung der Behandlung geführt, zu 43 Prozent zu einer suboptimalen Behandlung und zu 35 Prozent sogar zu einem Abbruch.

Peter Klimek leitet das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII). Das ASCII erforscht Lieferketten und entwickelt Ansätze zu ihrer Optimierung. Es wurde 2023 vom Complexity Science Hub Vienna (CSH Vienna), dem Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), dem Logistikum der Fachhochschule Oberösterreich (FH OÖ) und dem Verein Netzwerk Logistik (VNL) gegründet.

Was ist die Ursache für die Engpässe bei den Medikamenten?
Wir haben es hier mit einer indirekten Folge der Globalisierung zu tun. Viele der in den Medikamenten enthaltenen Wirkstoffe werden weltweit nur mehr in einer guten Handvoll Fabriken hergestellt. Die meisten davon stehen in China oder Indien. Warum ist das so? Hier handelt es sich vor allem um niedrigpreisige Wirkstoffe für Antibiotika, Schmerzmittel und fiebersenkende Mittel. Niedrige Preise bedeuten niedrige Margen. Daher versuchen die Hersteller, die Kosten so weit wie möglich zu senken. Das macht man unter anderem, indem man in Ländern mit niedrigen Lohnkosten und in möglichst großen Mengen produziert. Das Ergebnis ist die erwähnte Konzentration auf eine Handvoll Hersteller in diesen Ländern …

… die aber noch nicht erklärt, warum es zu Engpässen bei der Versorgung kommt.
Weniger Hersteller am Markt bedeutet zugleich weniger Resilienz der gesamten Lieferkette. Wie meine ich das? Wenn nur einer dieser Hersteller Schwierigkeiten hat, auf einen überraschenden Anstieg der Nachfrage rasch zu reagieren und die Produktion hochzufahren, hat das sofort erhebliche Folgen für die Kunden, da er einen relativ hohen Marktanteil hat.

Und das ist bei der Corona-Pandemie passiert?
Richtig – nur, dass nicht nur ein Hersteller Schwierigkeiten hatte, sondern mehr oder weniger alle. Ein Punkt ist mir hier sehr wichtig: Die Pandemie hat die Situation verschärft. Aber Engpässe gab es früher schon. Das Problem ist, dass das ganze Produktionssystem zu sehr auf Kante genäht ist.

Ich verstehe aber trotzdem nicht, warum die Situation sich seit dem Ende der Pandemie nicht verbessert hat?
Die umfangreichen Schutzmaßnahmen, die im Zuge der Pandemie umgesetzt wurden, hatten zur Folge, dass die Zahl der Infektionskrankheiten während der Pandemie deutlich niedriger war, als in den Jahren davor. Daher wurden unter anderem deutlich weniger Antibiotika benötigt und produziert. Mit dem Auslaufen dieser Maßnahmen im Winter 2022/23 ist die Zahl der Infektionen wieder auf das Normalniveau oder teilweise sogar darüber gestiegen. Die Industrie konnte die Produktion nun nicht schnell genug wieder hochfahren. Bei Antibiotika-Säften für Kinder war die Nachfrage um ein Viel­faches höher als während der Pandemie.

Gut, ich verstehe das Problem. Aber wo ist die Lösung? Ist es notwendig, die Produktion von Medikamenten und anderen Produkten wieder nach Europa zurückzuholen?
Das ist aus meiner Sicht ein möglicher Ansatz: die Re-Industrialisierung Europas und die Diversifikation der globalen Lieferketten. Aber das wird so leicht nicht gehen und muss in größeren wirtschaftspolitischen Zusammenhängen betrachtet werden. Vielschichtige Probleme brauchen vielschichtige Lösungen.

Jetzt hätte ich zur Abwechslung gerne eine positive Nachricht gehört.
Die kommt jetzt: Es gibt die Möglichkeit, relativ rasch eine größere Versorgungssicherheit zu erreichen und die Resilienz der Logistikketten im Gesundheitssystem zu erhöhen. Das gilt für alle Ebenen – auf europäischer, auf nationaler und auf Ebene der einzelnen Krankenhausträger. Dazu sind aus meiner Sicht zwei Dinge notwendig: Es gilt, die Beschaffungsstrategie konsequent zu ändern und bei der Umsetzung die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen.

Was passt an der Beschaffungsstrategie nicht? Die Konzentration am Weltmarkt haben die Krankenhäuser oder die nationalen Gesundheitsbehörden sich ja nicht selbst ausgesucht.
Das nicht, aber sie beeinflussen mit ihrem Verhalten am Markt die Logistikketten. Bei der Beschaffung wird der Fokus auf größtmögliche Wirtschaftlichkeit gelegt. Der Preis für das Medikament oder das medizinische Gerät soll so niedrig wie möglich sein. Dazu kommt, dass seit Jahren immer kurzfristiger bestellt wird. Der Gedanke dahinter: Warum soll ich lange im Voraus etwas bestellen, was ich später vielleicht gar nicht brauche. Dieser Trend zur Just-in-Time-Logistik ist ungebrochen.

Warum sollen dann gerade die Krankenhäuser etwas ändern?
Weil Just-in-Time anfällig für Störungen macht. Es gibt Branchen, da ist es nicht weiter tragisch, wenn das gewünschte Produkt erst einige Wochen später beim Konsumenten eintrifft. Ein Patient, der unter einer Lungenentzündung leidet, sieht das vielleicht anders.

Was ist die Alternative zu Just-in-Time?
Die Alternative ist ein mehr auf Langfristigkeit ausgelegter Ansatz. Wenn ich langfristig plane, kann ich auch langfristige Lieferbeziehungen aufbauen und langfristige Verträge abschließen. Das ermöglicht dem Lieferanten wiederum, seine Produktion langfristig zu gestalten und dies an seine Sublieferanten weiterzugeben. Die Planbarkeit steigt entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das reduziert überraschende Schwankungen der Nachfrage und daraus resultierende Engpässe.

Dadurch verliere ich aber auch die Kostenvorteile des Just-in-Time-Ansatzes?
Das mag teilweise sein. Aber ich würde das wie eine Versicherungsprämie sehen: Mit der langfristigen Bedarfsplanung und Beschaffung reduziere ich das Risiko von Engpässen bei kritischen Medikamenten und Geräten. Dafür bin ich bereit, eine gewisse Prämie zu zahlen.

Sie haben die Digitalisierung ange­sprochen. Was hat die mit der Beschaffungsstrategie zu tun?
Um den Bedarf punktgenau planen zu können, benötige ich einen präzisen Überblick darüber, an welchem Standort ich welches Medikament zu welchen Mengen vorrätig habe. Das klingt trivial. Aber viele Krankenhäuser haben diesen genauen Überblick nicht – und auf nationaler und gar europäischer Ebene gibt es ihn noch viel weniger. Hier kann die Digitalisierung helfen. Es geht darum, rasch auf allen Ebenen Systeme und Prozesse zu etablieren, die es möglich machen, diesen Überblick zu erhalten. Das ist die Basis für eine langfristig ausgelegte Beschaffungsstrategie.  

Quellen und Links:

EAHP2023 Shortage Survey Report

GHX Blog: Resilienz im Gesundheitswesen: Fünf Faktoren für sichere und widerstandsfähigere Lieferketten

Wirtschaftsdienst: Resilienz im Gesundheitswesen stärken

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