Implementierung einer Gewaltschutzgruppe an der a.ö. Krankenhaus St. Vinzenz Betriebs GmbH – Übergang in den „Echtbetrieb“ (Teil 3)

Lesedauer beträgt 7 Minuten
Autor: Barbara Stecher & Elmar W. Zormann

Nach dem Aufbau des Projektmanagements zur Implementierung einer Gewaltschutzgruppe für Kinder und Erwachsene (GSG) an der a.ö. Krankenhaus St. Vinzenz Betriebs GmbH (QUALITAS 3/2022) und der Entwicklung von Prozessen im Umgang mit von (häuslicher) Gewalt betroffenen Patientinnen und Patienten (QUALITAS 4/2022) steht das Projekt GSG vor dem nächsten, bedeutenden Schritt: Mit 1. Oktober 2023 kann das 23-köpfige Team der Gewaltschutzgruppe, das sich aus Expertinnen und Experten aus 13 Fachrichtungen zusammensetzt, in den „Echtbetrieb“ übergehen. Bereits nach den ersten Kickoffs vor zweieinhalb Monaten wurde die GSG, bis dato noch in der Projektphase, für die Beratung von 15 Fällen häuslicher Gewalt angefordert.

Aufbauorganisation der GSG

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor bei der langfristigen und professionellen Betreuung gewaltbetroffener Personen (Patienten und Mitarbeiter) ist die Unterstützung und Förderung durch die Krankenhausführung. Um dies auch über die Projektphase hinaus zu gewährleisten, wird die GSG seit Juni 2023 als Stabsstelle der Geschäftsführung geführt. Sowohl das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern Zams als Krankenhausträger als auch die Kollegiale Führung setzen mit diesem Schritt ein klares Zeichen gegen Gewalt und tragen mit der Professionalisierung der GSG wesentlich zum Gewaltschutz in der Region bei. Dazu arbeitet das multiprofessionelle Team gemeinsam an einer intramuralen und institutionsübergreifenden Schaffung eines „Schutznetzes“, damit Betroffene und Betreuende bestmöglich versorgt und begleitet werden können. Als Leitung der GSG wurde der ärztliche Leiter der Psychiatrie bestellt. Die Koordination übernimmt das „operative Tagesgeschäft“. Mit der fünfzigprozentigen Freistellung der Koordinatorin (DGKP an der Internen Medizin und Forensic Nurse) können die zeitlichen Ressourcen optimal genutzt werden, um die umfangreichen Arbeitspakete wie Schulungen, Beratungen oder die Schaffung von Strukturen sicherzustellen. Die Arbeitsgrundlage jedes GSG-Mitgliedes ist im Personalakt in einer GSG-Funktionsbeschreibung hinterlegt. Besonders hervorzuheben ist das Engagement des Teams, das fächer- und berufsgruppenübergreifend an einem gemeinsamen Ziel arbeitet.

GSG Projektsitzung am 29.08.2023 mit Kolleginnen und Kollegen der Psychiatrie, Kinder- u. Jugendmedizin, Entlassungsmanagement,
Datenschutz, Ambulanzen, Geburtshilfe, GSG-Koordinatorin, GSG-Leitung, QM.

Wie erreichen die Kolleginnen und Kollegen die GSG für die Unterstützung zur Behandlung von Betroffenen?

Nach den Schulungen (s.u.) sollten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befähigt sein, Gewaltopfer im klinischen Setting frühzeitig zu identifizieren und entsprechend selbstständig zu handeln. Dafür stehen gemeinsam erstellte und durchdachte Prozesse, Dokumentationsunterlagen und weitere Hilfestellungen zur Verfügung. Dennoch unterstützen die Mitglieder der GSG bei Unsicherheiten oder komplexen Fällen vor Ort. Um dies sicherzustellen besteht das Team aus 24 Fachleuten aus 13 verschiedenen Fachrichtungen.

Das Procedere in der Praxis sieht vor, dass in der Regelarbeitszeit die Expertinnen und Experten der GSG über die Assistenz der Geschäftsführung angefordert werden können. Diese ruft im Dienstplanungsprogramm VivendiPEP (1) die Bereichsstruktur „Gewaltschutzgruppe“ auf und sieht nach, wer von der GSG im Dienst ist. Aufgrund der Größe der GSG hat sich bisher herausgestellt, dass sich fast immer jemand aus der GSG im Haus befindet. Außerhalb der Regelarbeitszeit und für den Fall, dass niemand der GSG erreichbar ist, ist es nach Vereinbarung mit der Kollegialen Führung möglich, Patienten stationär aufzunehmen. Die GSG wird dann erneut oder tags darauf kontaktiert. Erste Betroffene konnten so schon gut versorgt werden. Die Zeit wird zeigen, ob dieses Konzept auf Dauer funktionieren wird oder ob Anpassungen vorgenommen werden müssen.

Die forensische Dokumentation – der MedPol-Bogen

Schon sehr früh in der Projektphase war die Schaffung von einfachen und klaren Strukturen ein Anliegen der Praktiker. Mit der Adaption des medizinisch-polizeilichen Dokumentationsbogens (MedPol) (2) wurde ein übersichtliches und selbsterklärendes Dokument geschaffen, das für alle Fächer gestaltet wurde und ohne zusätzliche Formalia auskommt. Eine Farbcodierung hilft, sich im umfangreichen Bogen schnell zurechtzufinden:
■ Blau: Diese Bereiche dienen der Datenerhebung für die Anamnese und müssen von jedem Fachgebiet ausgefüllt werden.
■ Die gelben Abschnitte enthalten Informationen zu Inhalten für Abläufe und Aufklärungsgespräche sowie Checklisten.
■ Grüne Farbmarkierungen betreffen die Dokumentation der physischen und psychischen Gewalt.
■ Der rosa Bereich betrifft Dokumentationen zur sexualisierten Gewalt.
■ Rote Markierungen geben besonders wichtige Hinweise für die Praxis.

Der MedPol-Bogen wird in der ersten Zeit bewusst in der Papierversion verwendet, um diesen in der Praxis zu testen. Hat er sich bewährt und sind keine Korrekturen mehr notwendig, wird mit der IT-Abteilung die Digitalisierung vorbereitet werden. Bis dahin wird die Archivierung im Dokumentenverwaltungssystem DocuWare vorbereitet.

Schnell zur Hand – die GSG-Kiste für effizientes Vorgehen

Für das Behandlungsteam soll die Betreuung der Betroffenen so effizient wie möglich durchführbar sein. Zur Vereinfachung und Unterstützung haben wir sogenannte „GSG-Boxen“ an folgenden Ambulanzschwerpunkten eingerichtet: Zentrale Notaufnahme, Unfallchirurgie, Allgemeinchirurgie, Kinder- und Jugendmedizin, Gynäkologie und Wochenstation. Die Box beinhaltet alle notwendigen Utensilien zur professionellen Dokumentation und forensischen Beweissicherung, wie beispielsweise Formulare, Monovetten, Abstriche, DNA-Stäbchen, SD-Karte, Papiertaschen für Asservate oder auch Ersatzkleidung für die Betroffenen und ein Handbuch zum Nachlesen (s.u.). Das Behandlungsteam führt die Untersuchungen und die Dokumentation durch, verstaut alles wieder in der Box und verständigt die GSG per Telefon oder E-Mail. Die Box wird umgehend ausgetauscht und weitere Maßnahmen werden getroffen, wie z.B. die Veranlassung der Anzeige über die Geschäftsführung, die Asservatensicherung und Archivierung, der Versand der Proben oder die Kommunikation mit externen Partnern. Mit der Box soll gewährleistet werden, dass die Utensilien im Bedarfsfall zur Hand sind, aber auch, dass die Kolleginnen und Kollegen durch die GSG Unterstützung finden und Abläufe routiniert und professionell vonstattengehen können.

Wissen zum Einstecken – das Pocket-Manual der GSG

Das 110-seitige „Pocket-Manual“ in Kitteltaschenformat (A6) und Ringbindung, in dem von der Koordinatorin das gesamte erworbene Wissen niedergeschrieben wurde, steht allen Mitarbeitern zur Verfügung – auch in digitaler Form im QM-Handbuch der Gewaltschutzgruppe. Das Design erlaubt ein schnelles Nachlesen zu Theorie und Praxis (Erwachsene und Kinder) und beinhaltet unter anderem die Themen: Theorie zur häuslichen Gewalt, Ziele der GSG, Prozesse bei Verdachtsfällen, Wissenswertes zu Untersuchungen und (Foto-)Dokumentation, Tipps für die Gesprächsführung, Probenentnahme, Anzeige, KO-Mittel, wichtige Telefonnummern und vieles mehr.

Befähigen – Schulungen und Sensibilisierungen

Bisher wurden im Rahmen von Kickoffs und Teamsitzungen (Pflege, Turnusärzte, Psychiatrie, Verwaltung) ca. 130 Kolleginnen und Kollegen über die GSG informiert und mit den ersten wichtigen Inhalten geschult – dies entspricht etwa 13% der Belegschaft (Stand: 30.08.2023). Bei den Kickoffs waren alle Berufsgruppen eingeladen. Eines der Ziele der GSG ist es, innerhalb von fünf Jahren möglichst alle Mitarbeiter zum Thema Gewaltschutz geschult zu haben. Dementsprechend startet im September die erste interdisziplinäre Gewaltschutzschulung mit einer Fortsetzung im November. Ab 2024 ist vorgesehen, die verpflichtenden Ganztagesschulungen für alle monatlich anzubieten. Die Schulungsinhalte entsprechen den Kapiteln des „Pocket-Manuals“ (s.o.).

Dass Gewaltschutz nur gemeinsam gelingen kann, zeigt eine regionale Initiative aus Polizei, Rettung und GSG. In einer gemeinsamen Kooperation wurde beschlossen, dass die GSG bei den Schulungen der Bezirksstellen des Österreichischen Roten Kreuzes und der Polizei mitwirken und diese wiederum bei unseren Fortbildungen als Referenten zur Verfügung stehen. So können Unklarheiten gleich vor Ort geklärt und neue Ideen diskutiert werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass alle Schulungsteilnehmer lernen, Gewaltschutz aus mehreren Blickwinkeln wahrzunehmen, nämlich in den Schilderungen, was vor Ort in der häuslichen Umgebung passiert (Rettung, ggf. Polizei), wie die Fachleute im Krankenhaus weiter vorgehen und was nach dem ambulanten bzw. stationären Setting weiter geschieht (mit oder ohne Anzeige).

Fallbesprechungen stellen eine gute Möglichkeit dar, um Arbeitsweisen zu reflektieren und theoretische Abläufe zu hinterfragen. Es hat sich gezeigt, dass sich mithilfe der erstellten Prozesse einige Situationen gut und rasch lösen konnten, andere wiederum nur im Team und nur ansatzweise zu lösen waren. Die Arbeit im Team – das zeigt sich für jeden individuellen Fall – ist die Grundlage einer professionellen Betreuung. Um den KVP sicherzustellen, wurden alle Fälle in den Projektsitzungen in anonymisierter Form besprochen.

Lessons Learned – Selbstkritik

An dieser Stelle könnte man meinen, dass hier „Wunderwuzis“ am Werk waren, da augenscheinlich alles funktioniert hat und keine Probleme vorhanden waren. Aber so war es natürlich nicht! Das Projektmanagement mit der Umfeldanalyse, dem Projektstrukturplan, der Ablaufplanung und dem Projektvertrag hat uns eine sehr gute Orientierung geboten, dennoch hätten diese Instrumente mehr als „Führungsinstrument“ genutzt werden müssen, denn der zeitliche Aufwand für die Recherche und die Umsetzung wurde teilweise sehr unterschätzt. An dieser Stelle sei dankend erwähnt, dass wir ohne die Hilfe von bestehenden Gruppen und Gewaltschutzfachleuten, die uns ihr Erfahrungswissen und ihre Expertise vorbehaltlos zur Verfügung stellten, nicht so schnell so weit gekommen wären.

Eine große Herausforderung stellte die Kommunikation des Projektfortschrittes in der Belegschaft dar. Kritische Stimmen nach den Kickoffs wunderten sich beispielsweise über „Schall und Rauch“ und dass nun weiter nichts passiere. Was die Belegschaft jedoch nicht wusste, war, dass wir gerade in jener Zeit mit Hochdruck an zahlreichen Prozessen arbeiteten, Dokumente erstellten sowie Schulungen und Abstimmungsgespräche vorbereiteten und abhielten. Die Frage stellt sich, ob Zwischenschritte während der Projektlaufzeit tatsächlich allen kommuniziert werden sollten und wenn ja, in welcher Form und Frequenz. Eine Recherche in diese Richtung wäre auch für andere laufende und künftige Projekte im Haus erstrebenswert.

Wie eingangs beschrieben, ist für den Projekterfolg auch die Unterstützung des Führungskaders notwendig. Einer der Erfolgsfaktoren ist, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit Gewaltbetroffenen zu schulen. Dafür sind Fortbildungen notwendig, deren Ressourcen die Abteilungsleitungen zur Verfügung zu stellen bereit sein müssen. Denn nur durch Schulungen können alle im Umgang mit Betroffenen häuslicher Gewalt ausreichend befähigt werden. Zudem kann nur so sichergestellt werden, dass alle den Sinn hinter der Maßnahme erkennen und verstehen. Sensibilisierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auch immer Multiplikatoren der Sache. Bezüglich der Fortbildungen dürften wir aber auf einem guten Weg sein.

Was noch offen ist …

Bis jetzt hat sich die GSG auf die internen Prozesse, Dokumentationen und Schulungen konzentriert. Der nächste Schritt ist ein Sensibilisierungsprogramm der GSG für Patienten und Betroffene innerhalb des Hauses. Dies wird mit Flyern, Aufklebern, Plakaten und einer Kampagne am Infoscreen umgesetzt. Ein weiterer wichtiger Schritt wird die Entwicklung von Kennzahlen sein, um eine laufende Evaluation zu gewährleisten.

Quellen und Links:

1 Mit der Firma Xtention wurde durch die gleiche Projektleitung das Dienstplanungsprogramm VivendiPEP eingeführt. Sobald der zuständige Dienstplanungsverantwortliche des GSG-Mitglieds dessen Dienstplan freigegeben hat (spät. bis zum 15. des Vormonats), erscheinen bei der Assistenz der Geschäftsführung in einer eigens eingerichteten Bereichsstruktur die Dienstpläne aller GSG-Fachleute. Voraussetzung war die Zustimmung der Kollegen und die Abklärung mit dem Datenschutzbeauftragten. Weitere Zugriffe auf diesen Dienstplan haben die Leitung und Koordinatorin der GSG sowie die Projektleitung.

2 „Das Erkennen, Unterbinden und Verhindern von Gewalt kann nicht alleinige Aufgabe der Polizei sein, sondern stellt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar. Das Projekt „MedPol“, eine Kooperation zwischen dem BMI, der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin (ÖGGM) und der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), beinhaltet die Verletzungsdokumentation und das Erkennen von Gewaltverletzungen.“ Bundeskriminalamt (.BK)(2013) Kriminalprävention und Opferhilfe in Österreich. Jahresbericht 2013. https://bundeskriminalamt.at/502/files/8_2014_Prventionsbericht_2013.pdf (04.09.2023)

Autorin und Autor:

Barbara Stecher, BsC
Koordination Gewaltschutzgruppe
DGKP Innere Medizin
a.ö. Krankenhaus St. Vinzenz Betriebs GmbH
barbara.stecher@krankenhaus-zams.at

Elmar W. Zormann, MBA
Projektleitung Gewaltschutzgruppe
Leitung Qualitäts- u. Risikomanagement
a.ö. Krankenhaus St. Vinzenz Betriebs GmbH
elmar.zormann@krankenhaus-zams.at

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