Starke Statements von Health Professionals in Form von Befragungsergebnissen über die Wirksamkeit des österreichischen Gesundheitssystems eröffneten den Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress 2026.
Neben dem österreichischen Pensionssystem, dem Bildungssystem sowie dem gelebten Föderalismus wird aktuell auch das österreichische Gesundheitssystem als „Wicked Problem“, also als vertracktes Problem bezeichnet, das sich durch hohe Komplexität, widersprüchliche Anforderungen und unklare Lösungswege auszeichnet (vgl. Arena Analyse 2026 von Kovar & Partners).
Um dessen Wirksamkeit genauer zu betrachten, lohnt sich der Blick durch die Brille derer, die täglich im System arbeiten: der Health Professionals.
Im Auftrag des Springer Verlags führte pluswert als Startimpuls für den Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress 2026 eine Onlinebefragung der Springer Community (u.a. Newsletter-Abonnent:innen) durch. Im Mittelpunkt der Befragung stand die Wirksamkeit des Gesundheitssystems, definiert als direkter oder indirekter Einfluss auf den Behandlungserfolg oder die Gesundheit der Patient:innen. An der Umfrage beteiligten sich genau 689 Health Professionals, in einer Zusammensetzung, die in dieser Form in keiner anderen aktuellen Studie zu finden ist (siehe: Details zur Befragung).

Anton Prettenhofer
ist Arbeitspsychologe und Geschäftsführer von pluswert in Graz. 2007 Gründung von pluswert und Etablierung des Unternehmens als Spezialist für Mitarbeiterbefragungen (Analysemodelle von Arbeitszufriedenheit, Mitarbeiterbindung und Organisationskultur sowie Evaluierung psychischer Belastung am Arbeitsplatz), Kundenbefragungen (Zufriedenheit, Bindung und Weiterempfehlung) und Organisationsentwicklung.
Wirksames Arbeiten, aber mit Hürden
Bewerten Health Professionals ihre eigene Tätigkeit nach deren Wirksamkeit, fällt das Ergebnis überraschend positiv aus: 75 % ihrer Arbeitszeit wird als wirksamer Einfluss auf den Behandlungserfolg oder die Gesundheit der Patient:innen eingestuft. Dies unterstreicht, dass die meisten Gesundheitsfachkräfte ihre Arbeit als sinnvoll und effektiv wahrnehmen.
Selbst Aufgaben, die oft als lästig empfunden werden, wie Qualitäts-, Risiko- oder Lean-Management, werden als wirksam bewertet: 31 % der Befragten sehen hier einen starken, 50 % einen mittleren Einfluss auf den individuellen Behandlungserfolg.
Doch es gibt auch zahlreiche Hürden der Wirksamkeit. Auf die offene Frage nach Tätigkeiten und Aufgaben ohne Einfluss auf den Behandlungserfolg oder die Gesundheit von ihnen anvertrauten Menschen nannten die Befragten 817 konkrete Beispiele, detailliert und teilweise emotional beschrieben. 41 % dieser unwirksamen Tätigkeiten entfallen auf Bürokratie und Administration („Bürokratie nur fürs Papier“, „sich wiederholende Abläufe“) und 27 % auf Dokumentation, Abrechnung und Statistik („Dokumentationswahnsinn“, „sinnlose Zuweisungen“).
Die Antworten auf diese Frage spiegeln einen umfassenden Erfahrungsschatz wider, der als ideale Grundlage für Optimierungen dienen kann.
Aus Sicht der Befragten zeichnen sich wirksame Gesundheitsdienstleistungen vor allem durch berufsgruppenübergreifende und interdisziplinäre Zusammenarbeit aus, streng nach dem Prinzip „Patient First“. Diese Aspekte wurden im Schnitt von mehr als 70 % der Befragten genannt. Interessanterweise spielen dabei in den Medien häufig zitierte Ziele wie Spezialisierung oder hohe Fallzahlen eine untergeordnete Rolle.
In einem komplexen, arbeitsteiligen System wie dem Gesundheitssystem entsteht also Wirksamkeit insbesondere durch patientenfokussierte Kooperation, quer durch das gesamte System und alle handelnden Gruppen hinweg.
Die Betonwand, an der Kooperationen scheitern
An dieser Stelle fragten wir die Health Professionals nach den Gründen für das Scheitern von Kooperation und Zusammenarbeit im österreichischen Gesundheitssystem. Die Antworten beschreiben einen homogenen Block struktureller Hindernisse. Grafisch dargestellt, ergibt sich das Bild einer Betonwand mit sechs Hauptursachen, alle mit knapp über 50 % Zustimmung:
– Strukturelle Vorgaben (rechtliche Rahmenbedingungen, Zuständigkeiten, Grenzen)
– Starke Hierarchien und Standesdünkel
– Finanzielle Eigeninteressen
– Streben nach Macht und Einfluss
– Veränderungsträgheit
– Mismatch zwischen Entscheidung und Verantwortung
Das System lähmt sich demnach in seinen festgefahrenen Strukturen selbst. Der Faktor Mensch und die Prozessgestaltung spielen beim Scheitern von Kooperationen hingegen nur eine untergeordnete Rolle.
Fremdbestimmung über die Köpfe der beteiligten Menschen hinweg hemmt Wirksamkeit. Betroffene zu Beteiligten zu machen, ist ein Credo der Entwicklung bzw. Veränderung von Systemen.
Wie weit sind wir denn aus der Sicht der befragten Expert:innen mit der Beteiligung von Patient:innen an den Entscheidungen, die ihre Behandlung betreffen? Die Antwort ist schnell gegeben. Während 40 % konstatieren, dass da schon etwas weitergegangen sei, meinten 39 %, dass hier noch viel zu tun wäre. Die Partizipation von Patient:innen steckt also noch in den Kinderschuhen. Dabei könnte eine stärkere Einbindung nicht nur die Zufriedenheit der Patient:innen erhöhen, sondern auch die Behandlungsqualität verbessern.
Die Gretchenfrage lautete: Was würden denn Health Professionals tun, um die Wirksamkeit des österreichischen Gesundheitssystems für die Patient:innen zu erhöhen? Die Antworten ergaben ein sehr interessantes Bild. Top-Hebel der Wirksamkeit ist mit 47 % Zustimmung die Förderung der Gesundheitskompetenz (Health Literacy). Ein wichtiges, aber eigentlich systemfernes Thema. Weitere hier genannte Maßnahmen können wir zusammenfassen erstens in einer zentraleren Steuerung durch den Bund (37 %) und zweitens im verbindlicheren Gestalten von Zusammenarbeit (32 %). Der dritte Hebel lässt sich eindeutig als bessere Nutzung bestehender Ressourcen, wie Personal, vorhandene Daten oder Digitalisierung, beschreiben.
Geringe Zustimmung und somit ein „Bitte nicht“ bekam von den Befragten ein Mehr von dem, was aktuell unternommen wird (1 %: mehr Daten erfassen, 5 %: dezentrale Steuerung, 13 %: mehr Geld).

Bagger, kein Feinputz.
Mehr als die Hälfte der Befragten sind überzeugt, dass es große Eingriffe
und Veränderungen braucht, um das heimische Gesundheitssystem
Wege zum besten Gesundheitssystem der Welt
Um wirksam zu sein, muss man genau wissen, welche Bedürfnisse die zentrale Zielgruppe hat. Aus diesem Grund stellten wir gegen Ende des Fragebogens diese Frage: „Wer weiß Ihrer Meinung nach am besten, was Patient:innen vom österreichischen Gesundheitssystem wirklich brauchen?“ und gaben eine Liste von Anspruchsgruppen im Gesundheitssystem zur Auswahl. Das Ergebnis ist eindeutig: 82 % aller befragten Health Professionals sehen diesbezüglich direkt in der Patient:innenversorgung, -betreuung oder -beratung tätige Personen, also im Grunde genommen sich selbst am kompetentesten. Mit großem Abstand (48 %) folgen dann erst die Patient:innen selbst, gefolgt von Selbsthilfegruppen (27 %). Am Ende des Kompetenzrankings über das Wissen, was Patient:innen wirklich brauchen, liegen Gruppierungen, die im Gesundheitssystem aber tatsächlich Entscheidungen treffen: Parteien und Politiker:innen (1 %), Landesregierungen (3 %) und Bund (7 %).
Wenn Health Professionals aus dem österreichischen Gesundheitssystem das Beste der Welt machen sollten, können sie den Weg dorthin klar beschreiben: Nur 13 % sehen kleine Änderungen als Option. Für 51 % und damit die Mehrheit braucht es große Änderungen. 33 % meinen sogar, dass erst eine völlige Neuaufstellung erforderlich sei. Damit wird der Bedarf an grundlegenden strukturellen Veränderungen deutlich: Nicht Feinputz, sondern Bagger und Bulldozer sind gefragt.
Details zur Befragung
Durchgeführt von: pluswert
Online Fragebogen
Befragungszeitraum: 16.1.–31.3.2026
Befragungsdauer (Median): 6:31 min
Struktur der Teilnehmenden:
– Basis: 689 Personen
– 86 % bereits mehr als 15 Jahre im österreichischen Gesundheitssystem tätig
– 76 % arbeiten in einer Organisation mit mehr als 50 MA
– 71 % führen Mitarbeiter:innen
– 65 % haben regelmäßigen Kontakt zu Patient:innen oder Angehörigen
