Schweinenieren-Transplantation: Vorsichtiger Optimismus

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Scho

Erstmals weltweit setzte ein US-Team am Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston erfolgreich einem Menschen eine Schweineniere ein. Eine an einer lebensgefährlichen Nierenkrankheit leidende 62-Jährige hatte das genetisch veränderte Organ erhalten. Ein deutscher Experte wertet das als Erfolg, betont jedoch, dass es bis zur standardmäßigen Transplantation von tierischen Organen in den Menschen noch dauern könnte.

Christian Hagl, Xenotransplantationsexperte und Direktor der Herzchirurgie an der Uniklinik München, wertet die nun erfolgte Nierentransplantation als Erfolg. „Es macht Sinn, weiter an der Thematik zu arbeiten. Ich bin aber skeptisch, ob wir im kommenden Jahr bereits im großen Stil Schweinenieren verpflanzen werden“, sagte Hagl.

„Ich gehe davon aus, dass in zwei bis drei Jahren einzelne ausgesuchte Patienten, für die andere Verfahren nicht infrage kommen, ein Schweineherz eingesetzt bekommen können.“ Bei Nieren seien es vielleicht noch fünf Jahre, da das Organ deutlich komplexere Aufgaben im Körper habe. „Dass diese Verfahren aber zu Standardtherapien werden, wird deutlich länger dauern.“

Die Operation habe vier Stunden gedauert, der Patient erhole sich gut und werde wohl bald entlassen. „Der wahre Held ist heute der Patient“, sagte Joren Madsen, Direktor des MGH-Transplantationszentrums. Die Operation wäre ohne seinen Mut und seine Bereitschaft, sich auf eine Reise in medizinisches Neuland zu begeben, nicht möglich gewesen. Er werde zu einem „Hoffnungsträger für zahllose Menschen, die an einer Nierenerkrankung im Endstadium leiden“, sagte Madsen. Allein in Deutschland warten Tausende Menschen auf eine Organtransplantation, Spenderorgane von Menschen sind rar.

Sogenannte Xenotransplantationen – also Übertragungen von tierischen Organen auf den Menschen – werden seit Jahrzehnten erforscht. Schweine sind als Spender besonders geeignet, weil ihre Organe und ihr Stoffwechsel dem von Menschen ähneln. Zuletzt waren in den USA zwei schwerkranken Patienten Schweineherzen eingepflanzt worden, beide Patienten waren mehrere Wochen nach der OP gestorben. Zudem war eine Schweineniere auf einen hirntoten Menschen übertragen worden.

Der 62-jährige operierte Patient litt der US-Mitteilung zufolge seit vielen Jahren an Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck. Er hatte 2018 eine menschliche Spenderniere erhalten, die aber etwa fünf Jahre später starke Probleme verursachte. Deshalb habe der Patient wieder mit der Dialyse begonnen. „Bei ihm traten immer wieder Komplikationen am Dialyse-Gefäßzugang auf, die alle zwei Wochen Krankenhausbesuche zur Gerinnselentfernung und chirurgische Korrekturen erforderten. Dies beeinträchtigte seine Lebensqualität erheblich“, hieß es.

Genetische Anpassung

Wissenschafterinnen und Wissenschafter versuchen seit geraumer Zeit, Organe aus Schweinen für Menschen nutzbar zu machen. Damit das möglich ist, muss allerdings unter anderem das Erbgut der Spendertiere verändert werden. Ohne genetische Anpassung käme es bei der Übertragung auf den Menschen zu einer sofortigen schweren Abstoßungsreaktion. Im konkreten Fall seien 69 genetische Modifikationen vorgenommen worden, so die Klinik.

Hagl und Kolleginnen und Kollegen wollen in Deutschland eine Art Mini-Studie mit Schweineherzen starten, angepeilt ist dafür Anfang 2027. Dabei soll gleich vier Menschen Organe eingepflanzt werden. „Wir glauben, wir können es besser machen“, sagt Hagl mit Blick auf die Schweineherztransplantationen in den USA. So seien die Schweine, die in Deutschland für diesen Zweck gezüchtet werden, besser geeignet, unter anderem weil sie kleinere und damit für den Menschen geeignetere Herzen haben, erklärte Hagl. Auch für Nierentransplantationen seien die hiesigen Schweine besser.

Grundsätzlich gelte: „Die Niere ist eigentlich komplexer als das Herz. Das Herz ist grob gesagt primär ein Muskel, der Blut pumpt. Die Niere muss unter anderem das Blut filtern und Hormone produzieren.“ Weitere Xenotransplantate sind Inselzellen aus den Bauchspeicheldrüsen von Schweinen. Sie werden in klinischen Studien bereits auf Menschen mit Diabetes übertragen und sollen dort Insulin produzieren. Gängig sei bereits, Menschen modifizierte Herzklappen von Schweinen einzusetzen, so Hagl.

(APA/ag./red.)

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Gentechnik – Gewessler fordert strenge Zulassungsverfahren

Gentechnik – Gewessler fordert strenge Zulassungsverfahren

Umweltministerin Leonore Gewessler möchte "sicherstellen, dass auch für Verfahren der Neuen Gentechnik ein strenges Zulassungsverfahren für Europa" gilt. Sie fordert einen wissenschaftlich basierten Prozess der Risikoabschätzung.

Paul-Watzlawick-Ehrenring 2022 an Ruth Wodak verliehen

Paul-Watzlawick-Ehrenring 2022 an Ruth Wodak verliehen

Österreichische Sprachsoziologin und kritische Diskursforscherin erhielt renommierte Wissenschaftsauszeichnung der Wiener Ärztekammer.