War der erste Tag des 16. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses in Wien der Anamnese gewidmet, so war die Diagnose am Ende des Tages sehr klar: Da sind Doppelgleisigkeiten, da sind unnötige Kleinteiligkeiten, da ist Raum für Verbesserungen im System. Und auch ein Therapieansatz wurde identifiziert: Kommunikation und Informationsfluss als Reformmotor. Aber wie soll das konkret aussehen, wie kann diese Therapie angewandt und zur Wirkung gebracht werden? Und wie vor allem, kann das politisch vollzogen werden. Das war das Thema der Podiumsdiskussion „Der 7-Punkte-Plan für wirksame Prozessgestaltung“ am zweiten Tag des Kongresses in Wien.
Politikberater Thomas Hofer sagt dazu: Einen Plan habe er nicht. Dafür hat er sieben Thesen: Man müsse das Gesundheitssystem offensiver denken; das Spiel mit der Angst, der negative Fokus, seien kontraproduktiv in der Debatte; Sachthemen würden zunehmend ideologisiert, emotionalisiert – Hofer nennt das Emokratie; Zuständigkeit müsse mit Verantwortung gekoppelt werden – zur Zeit hätten sehr viele Spieler sehr viel Zuständigkeit, wollten aber keine Verantwortung tragen, das verhindere Planung und Reformen; es müsse eine verpflichtende Einbindung von Patientinnen und Patienten geben; Innovation müsse in der budgetären Planung institutionalisiert werden; der Jahrmarkt der Eitelkeiten im Gesundheitssystem müsse beendet und eine klare Aufgabenteilung etabliert werden.
In einer umfangreichen „Befragung zur Wirksamkeit des Gesundheitssystems“ war vor dem Kongress erhoben worden, was Menschen aus der Branche als Hindernisse betrachten: 700 Personen wurden befragt, die allermeisten davon mit langjähriger Erfahrung in der Branche, eine Mehrheit in Führungspositionen, ein beträchtlicher Teil in Tätigkeiten mit direktem Patientenkontakt. Das Kernergebnis ist in Zahlen gegossener Frust: 51 Prozent glauben, dass das Gesundheitssystem großer Änderungen bedarf, 33 Prozent glauben sogar, eine komplette Neuaufstellung sei notwendig, nur 13 Prozent glauben, dass Feinjustierungen im System ausreichen. Kommunikation wird als wichtigstes Reform-Motor ausgewiesen. Allerdings sehen 55 Prozent der Befragten innere Strukturen im System als größtes Hemmnis für eben diese Kommunikation.

Laut Arbeitspsychologen Anton Prettenhofer, der die Umfrage für Springer Medizin durchgeführt hat, gebe es im System ein Ungleichgewicht zwischen Entscheidungsträgern und Verantwortlichkeiten. Er sagt zugleich aber: In kleinem Rahmen funktionierten Reformen, da funktioniere auch Abstimmung zwischen Stellen, in Übergeordneten Strukturen aber scheitere es.
Julia Runge hat den Integri, den Preis für integrierte Versorgung, drei mal gewonnen. Sie ist Leiterin der Koordinationsstelle Ambulante Schlaganfallversorgung in Tirol. Aus dem Projekt-Status in die Regelversorgung zu kommen, sei das Hindernis in Österreich. Sie fordert, es müssten die Verantwortlichkeiten in den Fokus gerückt werden, anstatt dass der Ball weitergespielt werde. Und das sei durchaus Strukturen geschuldet. Strukturen, in denen es keine Kultur des Scheiterns und in der Folge einen Mangel an Innovation gebe.
An Projekten mangle es nicht, sagt auch Judith Goldgruber von den geriatrischen Gesundheitszentren Graz. Das Problem sei, dass Projekte Projekte blieben. Das sei, wie sie sagt: „tragisch“. Denn letztlich seien diese Projekte dann ungenütztes Wissen sowie verbranntes Geld. Sie sagt: „Die Innovationskultur ist in Österreich schlecht entwickelt.“
Manfred Pascher, Geschäftsführender Gesellschafter von MP2 IT-Solutions & Digital Healthcare Experte, bestätigt das zum Teil. Für ihn steht im System Angst gegen Hoffnung. „Grundsätzlich haben wir ein in vielen Zügen großartiges Gesundheitssystem“, sagt Pascher. Im Detail könne vieles besser funktionieren. Er sagt zugleich aber auch: Vieles funktioniere im Detail wiederum sehr gut.
Das Fehlen eines klar definierten Ziels sieht Wolfgang Huf, Ärztlicher Direktor der Klinik Hietzing, als das Zentrale Problem in der Debatte um Reformen, Neuaufstellungen, Zusammenlegungen oder Aufteilungen. Hinzu kämen kaum existente Feedback-Mechanismen. Huf vergleicht Reformansätze in Österreich mit der Autofahrt eines Blinden: Politik sei isoliert von dem, was innerhalb des Systems passiere und wisse es sehr oft ganz einfach nicht – eben auf Grund dieser fehlenden Feedback-Mechanismen.
Für Hofer fängt das bei verzerrenden wie falschen Sprachbildern an. Und er nennt ein Beispiel: „Wir müssen durch die Krise“. Das sei faktisch unerfüllbar. Das verstelle aber auch den Blick auf langfristige Strategien. Und das suggeriere vor allem aber auch, dass danach alles so sein werde wie zuvor. Das Problem, so Hofer: die Krise sei gekommen, zum zubleiben. Und nichts werde danach so sein, wie es einmal war.
Für Hofer ist ein zentrales Problem nicht zuletzt aber auch, dass es an einer gestalterischen Macht fehle. Und das in letzter Konsequenz in der an sich zuständigen Stelle: dem Gesundheitsministerium.
(red.)


