15 Jahre Department für Psychosomatische Medizin

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Autor: Scho

Seit 15 Jahren sorgen er und sein Team dafür, dass seelische Auslöser und deren körperliche Auswirkungen erkannt und ganzheitlich behandelt werden. Vor zehn Jahren ist das Department von Rankweil ins LKH Hohenems übersiedelt. Dort werden rund 170 PatientInnen durchschnittlich pro Jahr während einer jeweils sechs Wochen andauernden stationären Behandlungsphase betreut. Seit Pandemiebeginn ist der Anteil an PatientInnen mit Essstörungen sowie jener mit Aus- und Nachwirkungen von COVID auffallend stark angewachsen.

Im Wort „Psychosomatisch“ ist bereits enthalten, worin sich die Fachabteilung zu verwandten Disziplinen – etwa der Psychiatrie – abgrenzt: „Soma“ bedeutet „der Leib“: Jene PatientInnen, die das Department für Psychosomatische Medizin“ am LKH Hohenems aufsuchen oder dorthin überwiesen werden, haben physische Schmerzen bzw. Krankheiten, deren Ursache sich trotz fachkundiger Untersuchung nicht eindeutig feststellen lässt. Ihre Beschwerden stehen in einem Zusammenhang mit seelischen und sozialen Belastungen (etwa Jobverlust, traumatische Erlebnisse, Verlust einer geliebten Person, einschneidende Lebensveränderung etc.), die kränken – also krank machen. Auch bereits länger zurückliegende, schmerzhafte Erfahrungen (Gewalterlebnis, Unfall etc.) können emotional gekoppelt sein. „Menschen beispielsweise, die früher Gewalt erfahren und sich in diesen Situationen hilflos ausgeliefert gefühlt haben, können viele Jahre später in einer ähnlichen emotionalen Situation, bei gefühlter Hilflosigkeit, auch den körperlichen Schmerz von damals wieder spüren. Auch nach langer Zeit kann die Koppelung zwischen der somatischen Schmerzerfahrung und der psychischen Erfahrung wieder an die Oberfläche treten und die Funktion von Organen beeinflussen. Diese sogenannten funktionellen Störungen werden von den Betroffenen in Form der von ihnen geschilderten Symptome erlebt. Meist handelt es sich um Schmerzen. Aber auch Organsysteme wie die Harnblase, der Darm, die Blutdruckregulation, der Herzrhythmus etc. können betroffen sein“, erklärt Prim. Dr. Georg Weinländer.

Georg Weinländer freut sich, dass das Interesse bei Medizinern an einer „ganzheitlichen Betrachtung“ von Erkrankungen stetig zunimmt.

Immer dann, wenn sich in den Organen der PatientInnen keine ausreichende Erklärung für die jeweilige Symptomatik herauslesen lässt, setzt die Psychosomatik an. Im Unterschied zum LKH Rankweil werden daher in Hohenems beispielsweise keine psychotische Erkrankungen oder Denk- und Wahnstörungen behandelt. Und anders als im Krankenhaus „Maria Ebene“ werden auch keine Menschen mit Suchterkrankungen der Psychosomatischen Medizin zugeordnet.

Seit mittlerweile über fünf Jahren ist in Vorarlberg „Psychosomatische Medizin“ im praktischen Ausbildungsweg angehender ÄrztInnen fixiert: Alle TurnusärztInnen, die an einem der Spitäler im Land ihre Turnusausbildung beginnen, erhalten auch vier Unterrichtseinheiten in Psychosomatischer Medizin. „Seitdem wir dieses Blockseminar eingeführt haben, merken wir, wie bei der jungen MedizinerInnen-Generation das Interesse an der ganzheitlichen Betrachtung von Erkrankungen stetig zunimmt“, freut sich Primar Weinländer, der auch an der Fachhochschule Vorarlberger sowie als Lehrtherapeut der Ärztekammer im Weiterbildungszentrum Schloss Hofen in Lochau StudentInnen, ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen unterrichtet. „Wir haben seither regelmäßig Anfragen von JungärztInnen, die in unserem Department mitarbeiten wollen. Das hat es davor in dieser Art nur selten gegeben, weil das Fachgebiet kaum bekannt war. Das ändert sich nun. Langsam, aber sicher.“

Der gar nicht eingebildete Kranke

Die Aufklärungsarbeit gestaltet sich nicht immer ganz einfach: In einer Zeit, in der sich die Menschen nur allzu gerne an nachweislichen Fakten und Zahlen orientieren, ist etwas so Subjektives wie Missempfindung und seelisches Leid nur schwer beschreib- und vermittelbar: „Vielen Menschen fällt es schwer, zu akzeptieren, dass ihr Schmerz keine direkte körperliche Ursache hat, nicht herausgeschnitten oder mit einer Tablette gelindert werden kann“, erklärt Prim. Dr. Georg Weinländer. Gefühle sind eben nicht messbar, Schmerzen lassen sich kaum in Zahlentabellen festmachen, die für alle gleich gelten. Schmerzempfinden ist immer individuell. Aber es ist da. Auch dann, wenn sich ein Schmerz in organischen Befunden nicht nachweisen lässt. „Und wer in so einem Fall die Bereitschaft gefunden hat, zu uns zu kommen, der hat schon einen ersten Schritt zur möglichen Heilung unternommen.“

Die Aufgabe des Fachteams besteht zunächst darin, in Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Disziplinen noch einmal ganz genau zu prüfen, ob körperliche Ursachen tatsächlich ausgeschlossen werden können. „Denn voreilig auf die seelische oder psychosoziale Ebene zu verweisen, wäre falsch! Das ist genauso kurz gegriffen, wie die PatientInnen mit einem lapidaren Da ist nichts, das bilden Sie sich nur ein! abzuspeisen“, betont der Primar. Bereits bevor alle organischen Untersuchungen ohne erklärende Befunde abgeschlossen sind, wird nach möglichen psychosozialen Zusammenhängen geforscht. „Und der Hinweis darauf kommt fast immer an die Oberfläche. Es lässt sich in den allermeisten Fällen tatsächlich herausfiltern, wie oder warum das körperliche Symptom entstanden ist und wie wir dagegen vorgehen können“, macht der Fachmann Mut. „Wichtig ist, sich die Zeit zu nehmen, den Schilderungen der Betroffenen aufmerksam zuzuhören.“

Die Wechselbeziehung zwischen Körper, Seele, Geist und sozialem Verhalten wird in der Diagnose und Behandlung vorurteilsfrei berücksichtigt. Es gilt der Grundsatz: Nicht „entweder oder“, sondern „sowohl als auch“. Auch die Behandlung erfolgt, wo nötig, interdisziplinär: „Wir sind sehr gut vernetzt mit anderen medizinischen Fachabteilungen, auch unser Pflegeteam ist entsprechend kompetent geschult. Die ÄrztInnen unseres Departments sind zusätzlich in der Anwendung von Psychotherapie ausgebildet. Damit können wir das Wissen je nach Bedarf einsetzen und kombinieren, nicht nur den Körper medizinisch betreuen, sondern eben auch die psychische Seite mitberücksichtigen. Wir haben ein fantastisches Pflegeteam, das unter anderem im Bereich der Beziehungsgestaltung besonders geschult und rund um die Uhr im Einsatz ist“, lobt Primar Weinländer. Zusätzlich wird das Team von einer Sozialarbeiterin unterstützt.

„Das Entscheidende ist, dass wir erkennen, dass wir Personen behandeln und nicht ausschließlich Krankheiten und Symptome.“ Diese Personen sind eingebunden in ein soziales Leben, in ein Familienleben, sie haben Körperlichkeit UND seelisches Empfinden. „Wer in der Behandlung so viele Seiten ausklammert, dem fehlen ganz wichtige Teile. Der behandelt nur einen Teil der Person. Die Person mit all ihren Anteilen zu behandeln, die ineinander greifen, das ist der wesentliche Zugang in unserer Abteilung. „Leider kommt dieses Ganzheitliche in dem System, in dem wir leben, oft viel zu kurz“, bedauert Primar Weinländer.

Heilung braucht Zeit, braucht Ressourcen

Zeit ist nämlich ein entscheidender Faktor. In der Psychosomatischen Medizin spielen Gespräche, Zuhören und Zuwendung eine wichtige Rolle. Und das braucht eben Zeit. „Und die Bereitschaft des Fachpersonals, zuzuhören“, ergänzt Prim. Dr. Georg Weinländer. Je intensiver sich die PatientInnen einlassen und je mehr die Bereitschaft da ist, desto besser! In einem passenden Ambiente, in dem sich ein Mensch geborgen und sicher fühlt, lassen sich meist auch hartnäckigste Knoten lösen“, weiß er aus Erfahrung. Doch er weiß auch: „Zeit ist Geld. In einer kapitalistischen, betriebswirtschaftlich denkenden Gesellschaft hat diese Art der Behandlung oft immer noch zu wenig Platz. Schnelle Behandlungsmöglichkeiten sind natürlich lebenswichtig, keine Frage. Sie können Leben retten – Stichwort Telemedizin. Aber wenn es um die GESAMTE Person mit allen ihren Qualitäten geht, dann ist die zeit- und personalaufwändige Face-to-Face-Medizin nicht zu ersetzen. Weil es sonst lückenhaft bleibt.“ Daher beträgt die Mindestdauer eines stationären Aufenthaltes am Department für Psychosomatische Medizin in Hohenems sechs Wochen. Zwei Wochen Ankommen, zwei Wochen intensives Arbeiten, zwei Wochen Vorbereiten auf die Selbständigkeit.

Ziel ist es, dass die PatientInnen mit den Möglichkeiten, die sie selbst haben, gestärkt ins (Arbeits- bzw. Sozial-)Leben zurückfinden. Das, was sie lernen, sollen sie später selbst anwenden können, um gesund zu bleiben. „Unsere PatientInnen bekommen jeweils 800 Minuten Psychotherapie pro Woche.“ Sie erlernen beispielweise, wie sie sich in für sie herausfordernden Situationen behaupten können, sie erhalten Training in Sozialkompetenz, lernen Entspannungsmethoden und Selbstfürsorge. Und sie lernen, sich abzugrenzen, auch einmal „Nein“ zu sagen.

Auswirkungen der Pandemie spürbar

Mit Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang 2020 haben sich die Arbeitsschwerpunkte in der Station ein wenig verschoben bzw. verstärkt. Die Zahl an PatientInnen mit Essstörungen beispielsweise hat deutlich zugenommen. „Für Menschen mit einer Essstörung bedeutet die Krankheit auch, sich 24 Stunden am Tag damit auseinanderzusetzen“, erklärt Primar Weinländer. „Kommt dann auch noch eine physische Isolation dazu, wie das während der Lockdowns verstärkt der Fall war, dann sind viele PatientInnen mit dieser Auseinandersetzung auch noch komplett alleine und die Krankheit intensiviert sich.“ Lag der Anteil der PatientInnen mit Essstörungen auf der Station vor der Pandemie bei acht bis zehn Prozent, sind es heute mit 20 bis 23 Prozent mehr als doppelt so viele. „Wir haben derzeit keinen einzigen Turnus, in dem nicht mindestens zwei bis drei PatientInnen – zumeist junge Frauen – mit Essstörungen dabei sind.“

Ein aktuelles Phänomen, das mittlerweile verstärkt auf der Abteilung aufschlägt, sind die Auswirkungen von COVID: „Das, was derzeit unter dem Begriff Long-COVID zusammengefasst wird, bedeutet für unterschiedliche Fachrichtungen auch unterschiedliche Schwerpunkte“, zählt der Primar auf: „Die Pulmologen konzentrieren sich verstärkt auf die Folgen für die Lunge, die Kardiologen sehen die Auswirkungen aufs Herz, die Physiotherapeuten auf die Bewegungsabläufe etc. Und dann sind da wieder einige Symptome, die nicht messbar sind: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Schlafstörungen, Folgen von Isolation etc. Also psychosomatische Symptome und funktionelle Störungen, die den Symptomen eines chronischen Müdigkeitssyndroms ähneln. Manche Menschen werden beispielsweise mit unerklärlichen Durchfällen überwiesen, die sich später als Folge großer Ängste und Unsicherheit seit der Pandemie herausstellen.“ Wichtig sei auch hier wieder die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen medizinischen Disziplinen. VertreterInnen der Psychosomatik Hohenems sind daher auch abteilungsübergreifend beratend im Dienst und werden an den geplanten Sitzungen der Long-COVID-Koordinationsstelle teilnehmen.

Der Arbeitsalltag im Department für Psychosomatische Medizin erlaubt zu einem gewissen Grad also auch einen Einblick in gesellschaftliche Entwicklungen, vor allem in deren Ecken und Kanten: So habe sich etwa der Arbeitsdruck auf die einzelne Person spürbar verändert, resümiert Primar Georg Weinländer. Nicht alle schaffen es, diesem Druck standzuhalten: „Immer weniger Menschen müssen immer mehr machen. Die Digitalisierung gibt eine Geschwindigkeit vor, mit der viele nicht mehr mitkommen. Momentan lasten die gestiegenen Lebenshaltungskosten schwer auf den Schultern der Menschen. Und nicht jede:r in unserer Gesellschaft hat dieselben Möglichkeiten, um darauf zu reagieren. Sich aus einer Gruppe oder Gesellschaft ausgeschlossen zu fühlen, kann sehr schmerzhalft sein. Das tut weh! Auch körperlich. Meistens spüren es die Patient:innen dort, wo sie schon einmal Schmerzen hatten. Während der Druck gestiegen ist, ist gleichzeitig die Bereitschaft, einander zu unterstützen, weniger geworden. Das fällt auf. Gerade heute war eine Patientin bei uns, die gesagt hat, dass sie sich in der Behandlung zum ersten Mal in ihrem Leben gehört, verstanden und ernstgenommen gefühlt hat. Die Frau ist über 50 Jahre alt! Und das gibt schon zu denken…“

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