Dissertationen sind für Verfasser und Betreuer ein Drahtseilakt. An der Med Uni Graz coacht ein Supervisionsprogramm Doktorväter und -mütter in der Betreuungsphase.
Eine Dissertation ist nicht nur für die Doktoranden eine Herausforderung. Auch die Betreuer der Promotions-Kandidaten werden voll gefordert – und das längst nicht mehr nur aus akademischer Perspektive. Immer häufiger sehen sich Doktorväter und -mütter mit komplexen Lebensrealitäten ihrer Prae-Docs konfrontiert. Der Druck auf Doktoratsstudierende ist in den vergangenen Jahren merkbar gestiegen. Das signalisieren wachsende Drop-out-Raten und, wie es in Lehrenden-Kreisen heißt, – „überschaubare Qualitätsniveaus“ der Arbeiten. Miriam Sedej organisiert an der Medizinischen Universität Graz ein spezielles Supervisionsprogramm, das Betreuer von Dissertanten auf ihre Aufgaben vorbereitet und sie in ihrer Rolle unterstützt – vor allem dann, wenn sie noch wenig Erfahrung mitbringen.
Die Initiative ist im Büro für Doktoratsstudien unter dem zuständigen Dekan Christian Wadsack angesiedelt. „Wir sehen anhand der Rückmeldungen der Studierenden, dass die Anforderungen insgesamt zunehmen. Gleichzeitig steigt aber die Bereitschaft, diese Probleme auch anzusprechen“, sagt Sedej. Dabei treffen oft unterschiedliche Erwartungen aufeinander. Während Betreuende wissenschaftliche Leistung einfordern, stehen viele Doktoranden unter massivem Zeitdruck – nicht zuletzt, weil nur ein Teil von ihnen im Rahmen strukturierter Programme Vollzeit forschen kann.

Professorencoaching.
Die MedUni Graz bietet Betreuerinnen und Betreuern von Dissertationen Unterstützung in Umgang und Mentoring der Dissertanten an. Nicht selten sind die Erwartungen der Akteure zu verschieden.
Während ein Teil der Dissertanten im Vollzeit-PhD angestellt ist und sich ausschließlich der Forschung widmet, absolviert die deutlich größere Gruppe ihre Dissertation neben dem Beruf. Daraus entsteht eine Mehrfachbelastung, die sich unmittelbar auf den Fortschritt der Dissertation auswirkt. „In Kombination mit der Facharztausbildung, privaten Verpflichtungen und Karriereplanung kommt es zu Belastungen, deren Intensität oft unterschätzt wird“, beschreibt Sedej die Situation. Gleichzeitig bleiben die Anforderungen an wissenschaftliche Leistung, Publikationen und Abschlussdauer bestehen. Diese Konstellation führt zwangsläufig zu Spannungen. Das Supervisionsprogramm unterstützt die akademischen Betreuer, spezielle Situationen frühzeitig zu erkennen und zu ordnen. Entscheidend ist deshalb eine wiederkehrende Abstimmung der Beteiligten: Wie viel Zeit kann realistisch investiert werden, welche Ziele sind in welchem Zeitrahmen erreichbar und wie wird Fortschritt gemessen? Betreuung bedeutet in diesem Zusammenhang auch, diese Rahmenbedingungen zu berücksichtigen und transparent zu halten.
Workshops bringen Vernetzung
Im Kern geht es um Kommunikation. „Die Hauptprobleme liegen im gegenseitigen Verständnis, also in der Frage, was beide Seiten voneinander erwarten und wie klar diese Erwartungen formuliert sind“, sagt Sedej. Betreuung wird damit zur Führungsaufgabe. Ausgangspunkt des Programms war das Feedback der Beteiligten. Auf dieser Basis wurde ein zweistufiges Trainingsmodell entwickelt, das unterschiedliche Erfahrungsniveaus berücksichtigt. Für junge, neu einsteigende Betreuer gibt es einen Einstiegskurs, der grundlegende Werkzeuge vermittelt: von der Frage, was gute Betreuung ausmacht, bis hin zu konkreten Techniken für Kommunikation, Feedback und Strukturierung des Betreuungsprozesses. Darauf aufbauend richtet sich ein zweites Format an erfahrene Professoren. Hier stehen weniger Grundlagen als vielmehr Reflexion und Weiterentwicklung im Fokus. Betreuende, die bereits lange im System arbeiten, benötigen andere Zugänge – etwa im Umgang mit komplexen Betreuungssituationen oder in der Weiterentwicklung ihres eigenen Führungsstils.
Neuer Bestandteil des Konzepts ist die sogenannte Peer-Supervision. Dabei tauschen sich Betreuende strukturiert untereinander aus und reflektieren ihre Erfahrungen gemeinsam. „Es geht nicht darum, dass jemand von oben vorgibt, wie Betreuung zu funktionieren hat, sondern dass sich die Betreuerinnen und Betreuer gegenseitig unterstützen und voneinander lernen“, so Sedej. Die Methode setzt bereits vor den eigentlichen Präsenzworkshops an. In vorbereitenden Online-Sessions werden die Teilnehmer in das Konzept eingeführt und lernen, wie Peer-Supervision konkret organisiert wird.
Die Gruppen definieren Themen und setzen sich mit konkreten Herausforderungen auseinander – etwa bei Konflikten, unklaren Erwartungen oder schwierigen Betreuungssituationen. Erfahrene Teilnehmer organisieren die Treffen, bei denen konkrete Fragestellungen aus dem Betreuungsalltag diskutiert werden. Dieses Prinzip folgt dem Ansatz „Train the Trainer“ – Wissen und Erfahrung sollen sich innerhalb der Universität weiter verbreiten und dauerhaft verankern. Peer-Supervision endet dabei nicht mit dem Workshop. Ziel ist es, dass sich die Gruppen eigenständig weiter organisieren und der Austausch dauerhaft bestehen bleibt. Damit verschiebt sich der Fokus weg von punktuellen Schulungen hin zu einem lernenden System, das auf Austausch, Reflexion und gemeinsamer Weiterentwicklung basiert.

Organisatorin.
Miriam Sedej koordiniert das Supervisionsprogramm für Dissertationsbetreuer: „Wir beobachten unterschiedliche Erwartungen bei Doktoranden und Betreuern.“ Das Coaching soll helfen, die Positionen auf einen Nenner zu bringen.
In neutraler Umgebung
Die Workshops finden außerhalb des universitären Alltags in einem Retreat-Setting über mehrere Tage statt. Ziel ist es, Abstand zu schaffen und Raum für Reflexion zu geben. „Wir verbringen mehrere Tage gemeinsam außerhalb der Universität, um intensive Workshops, Austausch und gemeinsames Lernen zu ermöglichen“, so Sedej. Einmal jährlich kommen dafür jeweils rund 15 bis 20 Betreuende zusammen. Die Gruppen bleiben überschaubar, um intensiven Austausch und praxisnahe Arbeit zu ermöglichen.
Das Grazer Supervisions-Programm findet großen Zuspruch. Die Teilnehmer kommen überwiegend aus der Gruppe der neuen Betreuenden, die erstmals Verantwortung im Doktoratsstudium übernehmen. Gleichzeitig gibt es auch erfahrene Professoren, die das Angebot wiederholt nutzen. „Wir haben auch Personen, die nach einigen Jahren noch einmal teilnehmen, weil das Programm den Austausch zwischen unterschiedlichen Erfahrungsniveaus ermöglicht.
Das Grazer Modell:
Workshops und Peer-to-Peer-Ansatz
> Induction Course: für junge Betreuer und Betreuerinnen mit Fokus auf Tools, Techniken und die Grundlagen erfolgreicher Supervision. Vermittelt werden Instrumente und Methoden für die Betreuung von Studierenden. Im Mittelpunkt stehen Erwartungsabgleich, Kommunikation und der Umgang mit Feedback.
> Main Supervisor Course: für erfahrene Betreuer und Betreuerinnen mit Fokus auf Reflexion und Austausch. Der Kurs behandelt den eigenen Führungsstil, den Umgang mit unterschiedlichen Betreuungssituationen sowie Strategien zur Förderung der Selbstständigkeit von Doktoranden. Ergänzend werden Methoden zur Konfliktlösung und zur Strukturierung der Betreuung vermittelt.
> Peer-to-Peer-Initiative: im Aufbau befindlich, schafft Formate für den regelmäßigen Austausch zwischen Betreuern und Betreuerinnen. Eine Gruppe von Teilnehmern organisiert Treffen, in denen Erfahrungen geteilt und konkrete Fragestellungen aus der Betreuung diskutiert werden. Ziel ist ein kontinuierlicher Austausch über den Workshop hinaus.

