Hygienikerin Astrid Mayr im Interview: Mit Zeigefinger und Lob

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Autor: Martin Hehemann

Die Innsbrucker Hygienikerin Astrid Mayr erzählt, wie man die Kolleginnen und Kollegen ebenso wie die Besucher dazu bringt, den Hygienevorschriften zu folgen.

Frau Mayr, Hygiene ist in Krankenhäusern wichtig. Das leuchtet jedem ein. Aber wird sie auch wichtig genommen?
Astrid Mayr: Hygiene ist wichtig – und sie wird auch wichtig genommen. Daran ändern auch moderne Entwicklungen nichts. Hygiene bleibt eine tragende Säule der Krankenversorgung.

Erlauben Sie mir eine dumme Frage: Was macht mangelnde Hygiene in einem grundsätzlich sauberen Umfeld einer Klinik so gefährlich?
Es geht vor allem darum, nosokomiale Infektionen zu verhindern. Also Infektionen, die man im Krankenhaus erwerben kann. Das ist weltweit ein Riesenthema. Diese Infektionen können durch Behandlung, medizinische Eingriffe oder Betreuung, durch Risikofaktoren, welche Patienten durch Grunderkrankungen mitbringen, entstehen oder durch Hygienemängel.

Können Sie mir dazu Zahlen nennen?
In Europa geht man von drei bis vier Millionen Infektionen pro Jahr aus. Und viele davon enden tödlich. In Österreich sind es zwischen 2.000 und 3.000 Todesfälle pro Jahr. Und die Tendenz ist eher steigend.

Woran liegt das?
Ein gewaltiges Problem ist die wachsende Antibiotika-Resistenz der Erreger. Antibiotika werden zu leichtfertig verschrieben. Dazu kommt die Entwicklung der modernen Medizin und der Gesellschaft. Es gibt heute invasive Eingriffe, an die man früher nicht gedacht hätte. Bei ihnen besteht die erhöhte Gefahr von Infektionen. Die Menschen werden älter und damit anfälliger für Infektionen. Aus all diesen Gründen nimmt die Gefahr von nosokomialen Infektionen in den Industriestaaten weiter zu. Das bestätigt jede relevante Institution.

Resilienz der bösen Art.
Die Hygieniker kämpfen immer intensiver mit den Antibiotika-Resistenzen. Dadurch sind gegen Krankenhauskeime immer weniger Kräuter gewachsen.

Und wie beurteilen Sie den Stand der Hygiene-Compliance in den heimischen Gesundheitseinrichtungen?
Es gibt noch Luft nach oben. Wir befinden uns aber bereits in einer Verbesserungsphase: Das Bewusstsein für die Bedeutung der Hygiene ist durch die Corona-Pandemie spürbar gestiegen. Während der Pandemie gab es eine deutliche Steigerung der Hygienemaßnahmen. Mittlerweile wird es in manchen Bereichen zwar wieder etwas lockerer gehandhabt, das ist aber teilweise durchaus nachvollziehbar. In Risikobereichen mit Patientinnen und Patienten hat man das Niveau hochgehalten. Typische Beispiele sind die Onkologie, Frühgeborenenstationen oder Bereiche mit Transplantationen. Dort ist das Immunsystem besonders geschwächt, was erhöhte hygienische Anforderungen bedingt.

Was sind die wichtigsten Hygiene­maßnahmen?
Hier gibt es ein breites Spektrum – von Händehygiene über die Überwachung des Wassers bis zur Sterilisation der medizinischen Geräte. Aber der Grundpfeiler der Infektionsprävention ist sicher die Händehygiene. Und hier gibt es sicher noch Verbesserungsbedarf bei der Compliance des Personals in den Spitälern. Die meisten Ärztinnen und Ärzte und Pflegerinnen und Pfleger nehmen das Thema ernst. Aber es gibt auch jene, die das nicht so wichtig nehmen. Das liegt oftmals am Stress, die Leute sind vielfach überfordert. Aber manchmal ist es auch nur Unwissenheit und Ignoranz. Nach dem Motto: „Das interessiert mich nicht. Was soll schon passieren?“

Bevor ich Sie frage, was Sie als Hygiene-Experten dagegen unternehmen, möchte ich noch etwas anderes wissen: Worauf kommt es denn bei der Händehygiene an?
Zunächst muss man zwischen Händewaschen und Desinfizieren unterscheiden. Tatsächlich sollte man die Hände eher desinfizieren als waschen. Denn Händewaschen reduziert zwar Keime, tötet sie aber nicht ab. Die alkoholische Desinfektion hingegen wirkt effektiver und ist in bestimmten Situationen zwingend erforderlich. Routinekontrollen mit Abklatschproben zeigen sehr deutlich, wie groß der Unterschied ist. Ein weiterer Aspekt ist die Hautverträglichkeit. Häufiges Waschen kann die Haut stark belasten, während moderne Desinfektionsmittel rückfettend wirken und hautschonender sind. Deshalb raten wir dazu, nicht zu oft die Hände zu waschen, sondern vor allem zu desinfizieren.

PD Mag.Dr.rer.nat Astrid Mayr hat Biologie/Mikrobiologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck studiert. 2002 Promotion mit dem „Nachweis der antimykotischen Aktivität von 5-Hydroxytryptamin im menschlichen Abwehrsystem“. Seit 2010 stellvertretende Leiterin der Krankenhaushygiene, Technischen- und Umwelthygiene an der Abteilung für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der MedUni Innsbruck.

Kommen wir zur angekündigten Frage: Was können Sie tun, um das Personal dazu zu bewegen, bei der Händehygiene genauer zu sein?
Der erhobene Zeigefinger ist leider manchmal notwendig, etwa wenn sich trotz Schulungen nichts ändert. Effektiver ist es jedoch, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und sie einzubinden. Es geht nicht nur um Anweisungen, sondern um das „Warum“ dahinter. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Hygienebeauftragten hören immer wieder: „Warum soll ich die Hände desinfizieren? Die sind ja eh sauber.“ Wenn sie dann ein Bild mit einer Abklatschprobe herzeigen, auf der man Millionen von Bakterien sieht, schaut das schon nicht mehr so appetitlich aus. Das wirkt.“ Dabei ist eines ganz wichtig: Die Schulungen müssen kurz und prägnant sein. Stundenlange Vorträge langweilen nur und bringen wenig.

Ein kluger Mensch hat mir einmal gesagt: Eine Rede ist entweder sehr gut oder sehr kurz – und am besten beides.
Das unterschreibe ich.

Was verstehen Sie unter kurz?
In 15 Minuten kann man die wichtigsten Botschaften vermitteln. Es muss prägnant und effektiv sein, mit anschaulichem Material. Es geht aber nicht nur um Information. Lob ist auch wichtig: Wenn eine Station Verbesserungen zeigt, sollte man das anerkennen. Wir erfassen regelmäßig die Umsetzung der Hygienevorgaben in den einzelnen Bereichen. Dabei untersuchen wir das Wasser auf Legionellen oder Pseudomonas, wir überprüfen die Sterilisations- und Desinfektionsprozesse und wir führen Händehygiene-Kontrollen mittels Abklatschplatten durch. Diese Kontrollen zeigen, wie effektiv die Maßnahmen umgesetzt werden, wo es gut läuft und wo es Probleme gibt.

Wie sehr nutzen Sie bei diesen Auswertungen bereits Big Data und KI-Tools?
KI wird hier in Österreich bisher nicht eingesetzt. In Deutschland gibt es aber erste Studien dazu.

Kann die KI im Kampf gegen nosokomiale Infektionen den entscheidenden Durch­bruch bringen?
Das glaube ich nicht. Die KI kann helfen. Aber der menschliche Faktor ist entscheidend, weil die Umsetzung von Hygienevorschriften ein emotionales Thema ist. Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass die Hygieneverantwortlichen präsent sind und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Wichtigkeit der Maßnahmen vermitteln.

Haben Sie dabei einen Wunsch ans Christkind?
Nicht ans Christkind, aber an die Entscheidungsträger im Gesundheitswesen: Die Hygiene sollte nicht nur als lästige Pflicht, sondern als Notwendigkeit verstanden werden. Dazu müsste man die Arbeit der Hygieneverantwortlichen aufwerten.

Wie macht man das?
Die Hygienebeauftragten müssen diese Aufgaben meist nebenbei stemmen. Sie bräuchten mehr Verständnis für ihre Arbeit und mehr Ressourcen. Diese Investition wäre nicht groß, und sie würde sich rechnen. 

Quellen und Links:

Studie der Hochschule Aalen zur Hygien Compliance in Krankenhäusern:
opus-htw-aalen.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/1015/file/AAUF_Band_6_Hygiene-Compliance.pdf

QS Krankenhaushygiene – Qualitätsstandard Organisation und Strategie der Krankenhaus-Hygiene in Österreich:
www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Gesundheitssystem/Gesundheitssystem-und-Qualitaetssicherung/Qualitaetsstandards/QS-Krankenhaushygiene—-Qualitaetsstandard-Organisation-und-Strategie-der-Krankenhaus-Hygiene.html

Website der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (ÖGKH):
www.oegkh.ac.at